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Meine 100 liebsten Nachschlagewerke (VI)

Heinz Küpper: „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“

Dieses Nachschlagewerk gibt es in zahlreichen Ausgaben und Neuauflagen, illustriert und wahlweise auch digitalisiert. Mein sechsbändiges Exemplar habe ich für eine kleine Mark vor etlichen Jahren antiquarisch erstanden – und so unbequem seine Handhabung ist, ich möchte es nicht missen. Ein unbekannter Vorbesitzer namens „P. Kadowitsch“ hat seinen Stempel auf das Vorsatzblatt geknallt. Zu diesem merkwürdigen Namen liefert Geogen aber auch gar keinen Beleg. Einerlei, ich bin dem raren Kadowitsch jedenfalls dankbar, dass er sich von seinem Exemplar des überaus erheiternden Wörterbuchs getrennt hat, das jetzt meine Bibliothek bereichert.

 

Worum geht es? Um das, was man mit einem Anglizismus „Slang“ nennt. Heinz Küpper hat in akribischer Fleißarbeit dem deutschen Volk aufs Maul geschaut und lexikalisch festgehalten, wie der gemeine Mann hierzulande spricht. Für diesen Mund, auf den er geschaut hat, bietet er beispielsweise (in Bd. III, S. 113 seines Werks) folgende umgangssprachlichen Alternativen an: „Fresse, Futterluke, Gefräß, Gosche, Gusche, Klappe, Lautsprecher, Maul, Rüssel, Schnabel, Schnauze, Schnute, Batterie, Brotladen, Esszimmer, Fressmaschine, Nüschel, Ponim, Briefkasten, Breitwandfresse, Kubikfresse, Lkw-Fresse, Lkw-Schuppen, Quadratfresse, Quadratschnauze, Klavierschnauze, Muff, Lutschmund.“

 

An anderer Stelle (Bd. II, S. 122) klärt uns Küpper darüber auf, was wir uns unter einer „Gewitterbacke“ vorszustellen haben, nämlich einen schimpfenden Vorgesetzten: Sein Gesichtsausdruck lässt auf einen bevorstehenden Zornausbruch schließen; und dass dieser Ausdruck zuerst aus der Soldatensprache ab 1915 verbürgt ist. Ein „Schlot“ hingegen hat umgangssprachlich gleich fünf Bedeutungen: ungesitterter Mann, Versager, Taugenichts, starker Raucher und Zylinderhut. (Interessant zu wissen, dass der Titel auf mich mindestens in dreifacher Hinsicht zutrifft.)

 

Dass der ironische Latinismus „immerhinque“ für „wie dem auch sei“ bereits seit 1900 verbürgt ist, erfahren wir in Bd. VI, S. 159. Man kann, immerhinque, dieses Nachschlagewerk aufschlagen, wo immer man will: Der Unterhaltungswert ist enorm, und die Belehrung ebenso.

 

In Bd. IV, S. 165 erfahre ich, dass die Herkunft von „Nutte“ für eine nichtregistrierte Prostituierte, rein etymologisch betrachtet, unsicher ist. „Nach dem einen fußt das Wort auf jiddisch niddo = menstruierende Person, wobei lateinisch nudus = nackt eingewirkt haben kann. Auch der Einfluss von niederdeutsch lütt = klein, jung sowie von Nute = Fuge ist möglich.“

 

Wer immer nicht so recht weiß, wie er seine Feinde wirklich vernichtend durch Verbalinjurien abstrafen soll; wer in der Eckkneipe nach dem achten Kurzen mal so richtig seine Kubikfresse aufreißen will; wer wissen will, wie das gemeine Volk alltäglich verbal seinen Dauerfrust abreagiert; und wer die Schnauze voll hat von der lackmeiernden Softspeach der Businessclass – dem sei dieses Fäkalsprachwörterbruch zur Bereicherung seiner Schimpforgien dringend anempfohlen.

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2 Kommentare

Im "Etymologischen Wörterbuch des Deutschen" ist zur Nutte noch das rotwelsche Nidde (Hure) erwähnt, wenn das weiterhilft.

#1 von Thomas Lau am 24.07.07 um 17:25

 

Ein Nachschlagewerk, das ich ausnahmsweise mal nicht habe. Sie meinen doch das Buch von Wolfgang Pfeifer bei dtv? Ich dachte immer, Bd. 7 vom Duden und der Kluge von de Gruyter müssten reichen. Offenbar doch nicht, denn der rotwelsche Zusammenhang, den Sie hier anführen, ist bei beiden nicht nachgewiesen. (Im "Grimm'schen Wörterbuch" kommt "Nutte" übrigens noch gar nicht vor!) Man kann offenbar der Nachschlagwerke gar nicht genug haben.

#2 von Manuel Hessling am 24.07.07 um 17:59

 

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