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Vorläufiger Tiefststand der Literaturkritik

Fragen Sie Reich-Ranicki?

Man nannte ihn mal, wohl nur halb im Scherz, den „Literaturpapst". Er hat das Verdienst, seit 1988 einem breiteren Publikum im ZDF mit seinem „Literarischen Quartett", flankiert von Sigrid (nicht Ingrid) Löffler und Hellmuth Karasek, „anspruchsvolle Literatur" - oder wenigstens das, was das Trio dafür hielt - nahe gebracht zu haben, durchaus unterhaltsam, wenngleich gelegentlich etwas effekthascherisch: Marcel Reich-Ranicki.

 

Nach seinem Abschied vom Fernsehen im Jahr 2002 konnte der „Doyen der Literaturkritik" - auch so ein Etikett, das ihm aufgeklebt wurde - es leider nicht lassen und beantwortet seit Jahren allwöchentlich Leserfragen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zwei Drittel seiner knappen Einlassungen treten in jener Attitüde des bärbeißigen Professor Gnadenlos auf, die das Publikum von ihm erwartet. Doch muss man sich sehr über den Masochismus der höflich anfragenden Leser wundern, die sich nicht zu schade sind, dieses selbstherrliche Orakel zu befragen - und dann zur Strafe für ihr Interesse mit vollem Namen und Wohnort in der FAS zum Sonntagsfrühstück als dumpfe Trottel vorgeführt zu werden.

 

„Meine chinesischen Germanistik-Studenten haben immer geklagt," so leitet Eckhard Berkenbusch aus Göttingen dort heute auf S. 23 seine Frage ein, „die deutsche Nachkriegsliteratur sei zum großen Teil furchtbar langweilig. Ich stimme ihnen zu. Wie kommt es, dass die deutsch-jüdische Literatur nie langweilig gewesen ist?" Herr Berkenbusch ist Verfasser eines Lehrbuchs „Praktisches Chinesisch", vermutlich also Sinologe und kein Literaturwissenschaftler. Reich-Ranicki hat für ihn und die Chinesen genau 18 Wörter übrig: „Sagen Sie Ihren Studenten, dass dies ein kompletter Unsinn ist und dass ich nicht bereit sei, mich darauf einzulassen." Denen hat er's aber gegeben!

 

Gewiss, die Frage ist reichlich undifferenziert gestellt. Was ist „deutsch-jüdische Literatur"; und was genau ist „die deutsche Nachkriegsliteratur"? Umfasst letztere alle nach Kriegsende in deutscher Sprache veröffentlichten Werke: Prosa, Lyrik und Dramatik? Oder ist nur der Zeitraum von 1945 bis etwa 1955 gemeint, und nur die Romanliteratur der jungen Bundesrepublik?

 

Nun haben Einfühlungsvermögen und, bei der vom Lehrer vermittelten Frage der Studenten ja eigentlich angebracht, so etwas wie „pädagogischer Eros" noch nie zu den Stärken des „Großkritikers" Reich-Ranicki gehört. Sonst hätte er, statt die jungen Gäste aus dem Reich der Mitte öffentlich abzuwatschen, einen freundlichen Brief zurückschreiben können, etwa mit der Gegenfrage: „Welche Bücher haben Sie denn gelesen? Ich empfehle Ihnen z. B. Hans Erich Nossacks Interview mit dem Tode aus dem Jahr 1948. Dann werden Sie erfahren, dass schon bald nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg Bücher erschienen sind, die zu lesen es sich noch heute durchaus lohnt und die alles andere als langweilig sind." Aber ein solches Entgegenkommen ist wohl zu viel verlangt von einem über allen Dingen stehenden, arrivierten, vielfach mit Ehrentiteln dekorierten und leider (infolgedesssen?) überaus selbstgefälligen Grandseigneur wie Marcel Reich-Ranicki, der hauptsächlich im Sinn zu haben scheint, an seinem Bild für die Nachwelt herumzuschustern - und der diesem Bild Woche für Woche in seiner FAS-Kolumne argen Schaden zufügt.

 

Antje Prast aus Düsseldorf, Mitglied in der Bezirksvertretung 5 für die CDU, hat im Gegensatz zu den chinesischen Studenten eine sehr differenzierte Frage an den verehrten Marcel Reich-Ranicki: „Warum erinnert man sich nicht mehr an Otto Julius Bierbaums Zäpfel Kern? War er der erste deutsche Pinocchio?" Reich-Ranickis Antwort glänzt mit herablassender Ignoranz: „Das weiß ich nicht, und ich möchte es auch nicht wissen. Ich kann nur sagen: Offensichtlich will niemand dieses Buch lesen. Und da wir in einem freien Land leben, können wir niemanden dazu zwingen, irgendein Buch zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann nur wiederholen, was ich in der Beantwortung von Leserfragen schon oft gesagt habe: Beinahe alle Bücher geraten mit der Zeit in Vergessenheit, beinahe. Übrigens: Ist das Buch wirklich von Bierbaum? Ich habe es in keinem Nachschlagebuch und in keiner Literaturgeschichte gefunden."

 

Was ist das nun für ein Kritiker? Oder besser: Was ist aus diesem Kritiker bloß geworden? Ist es denn nicht gerade eine der vornehmsten und ehrenvollsten Aufgaben der Kritik im Rückblick auf die Literaturgeschichte, zu Unrecht vergessene Werke der Vergangenheit den Lesern in Erinnerung zu rufen? Und welch dumme Platitude dieses doch früher einmal so gescheiten Mannes, dass niemand in einem freien Land gezwungen werden kann, ein Buch zu lesen! (Dazu kann übrigens, Reich-Ranicki müsste es wissen, auch kein Mensch in einem unfreien Land gezwungen werden. Wer las schon Hitlers Mein Kampf in den Jahren der Nazidiktatur?) Aber es geht doch auch überhaupt nicht darum, Leser zu zwingen, sondern sie als Kritiker zu verführen zu einer Lektüre, die sich lohnt. Wenn die Beliebigkeit der unkritischen Selektion den Kanon der für alle Zeiten lesenswerten Klassiker festlegen würde - wozu bräuchten wir dann eine Literaturkritik?

 

Und übrigens, lieber Marcel Reich-Ranicki: Das Buch Zäpfel Kern ist natürlich von Bierbaum. Wenn ich es nicht ohnehin gewusst hätte, dann hätte der erstbeste Blick in eins der wichtigsten Nachschlagewerke zur deutschen Literaturgeschichte gereicht, um diese Frage zu entscheiden. In Wilpert/Gühring, Erstausgaben deutscher Dichter, S. 114 finden Sie im Artikel über Otto Julius Bierbaum als Nr. 44 die vollständigen bibliographischen Angaben:

 

„Zäpfel Kerns Abenteuer. Eine deutsche Kasperlegeschichte in dreiundvierzig Kapiteln. Frei nach Collodis italienischer Puppenhistorie Pinocchio. 280 S., 65 Abb. v. A. Schmidhammer. München: Georg Müller 1905."

 

Da ja nun wohl - Vergesslichkeit der aktuellen Leserschaft hin ooder her - Carlo Collodis Roman Pinocchio selbst nach Ihrem gestrengen Urteil einer der größten Klassiker der Weltliteratur ist, lohnt sich doch durchaus die Frage, ob Bierbaums Adaption, im Vergleich zu den wortgetreuen Übersetzungen, nicht eigene Qualitäten entfaltet, die das 102 Jahre alte Buch würdig machen könnten, von heutigen Lesern wiederentdeckt zu werden. Sie aber, lieber Herr Reich-Ranicki, stellen sich solchen Fragen nicht mehr. Sie haben offenbar noch nicht einmal die wichtigsten Nachschlagewerke, das unverzichtbare Handwerkszeug Ihrer Profession, im Regal stehen. Sie sind müde, faul und übellaunig. Lesen Sie doch lieber Bierbaums Zäpfel Kern und erfreuen Sie sich, wenn Sie sich einen Rest kindlicher Unschuld als Leser bewahrt haben, an diesem leichtfüßigen, amüsanten Buch. (Bei ZVAB sind derzeit 88 Exemplare in verschiedenen Auflagen lieferbar, die letzten Neuausgaben erschienen in Ost und West in den 1980er-Jahren.) Und verschonen Sie die Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung künftig mit Ihren blamablen Selbstdemontagen, die Ihren Nachruhm bleibend schädigen.

 
 

13 Kommentare

Sigrid, nicht Ingrid Löffler. Können Sie das noch korrigieren?

#1 von Sigrid Löffler am 22.07.07 um 16:24

 

Schon geschehen! Danke für den Hinweis.

#2 von Manuel Hessling am 22.07.07 um 16:47

 

Lieber Herr Hessling,

da haben Sie mächtig Gas gegeben. Ihr Beitrag ist alles andere als langweilig. Alles andere als langweilig ist aber auch RR. Seine Texte sind formal brillant, inhaltlich manchmal zutreffend, aber immer diskussionswürdig. Mag sein, dass er zuweilen arrogant ist. Mag sein, dass er oft übers Ziel hinausschießt. Aber wenn Sie seine Texte lesen, müssen Sie ihm zugestehen: RR brennt für Literatur; sie dient ihm als Lebensmittel. Sehr lesenswert übrigens seine Autobiografie, die dort nüchtern ist, wo andere bitter sind. Sie erklärt auch, wo RRs Quellen sind. Das exakte Gegenteil von RRs Lebenserinnerungen ist das selbstliterarisierende Geschwafel von Herrn Günter Grass.

#3 von jürgen overkott am 22.07.07 um 19:34

 

Lieber Jürgen Overkott,

meine Kritik bezieht sich doch ausschließlich auf die "Briefkasten"-Spalte in der FAS, oder ist das nicht deutlich geworden? Gerade weil ich Ihre hohe Meinung über den früheren RR teile, z. B. auch seine Autobiografie "Mein Leben" mit Gewinn und Genuss gelesen habe, seine Verdienste um die "Frankfurter Anthologie" wertschätze - gerade deshalb finde ich es skandalös, dass es in der FAS-Redaktion offenbar keinen barmherzigen und mutigen Kopf gibt, der dem alten Mann sagt: "Lass es gut sein! Damit machst Du deinen Ruf auf den letzten Metern noch zu Schanden!"

#4 von Manuel Hessling am 23.07.07 um 09:52

 

Hm.

Wahrscheinlich ist es eher so, dass das breite Publikum Reich-Ranickis Ausfälle unter dem Rubrum "Je oller, je doller" ablegt und sich beim Lesen der von Ihnen kritisierten Spalten köstlich amüsiert. Um nicht viel anderes als Amüsement ging es ja auch beim Literarischen Quartett. Ich stimme Ihnen also zwar auf der einen Seite zu, dass Reich-Ranicki in den letzten zwei Jahrezehnten sozusagen das Fach gewechselt hat und ein sehr erfolgreicher Unterhaltungskünstler geworden ist. Ihre Vermutung, das könne Ihm oder seinem Nachruhm irgendwie schaden, würde ich aber auf der anderen Seite nicht unterschreiben. Jedenfalls nicht mit Blick auf das erwähnte breite Publikum.

#5 von Sunzi Sonnenschein am 23.07.07 um 10:07

 

Tja.

Die Schnittmenge zwischen den Zuschauern beim "Literarischen Quartett" bis 2002 und den Lesern der "FAS" seither ist vermutlich nicht allzu groß. Gegen Amüsement in der Kulturberichterstattung der Massenmedien ist nichts einzuwenden, solange das Niveau stimmt und gewisse Sorgfaltspflichten erfüllt werden. Beides war beim "Literarischen Quartett" der Fall, worauf sicher auch dessen Erfolg gründete. Bei RRs dumpfer Kolumne vermisse ich aber sowohl den Unterhaltungswert als auch die rein fachliche Qualität. Reich-Ranickis Nachruhm ist mir schnurzpiepegal. Meine Kritik richtete sich eher gegen das Blatt, das sich eine solche wöchentliche Blamage leistet und offenbar auch keine Skrupel hat, den armen alten Mann dermaßen bloßzustellen.

#6 von Manuel Hessling am 23.07.07 um 14:40

 

... den armen alten Mann bloßstellen..?

Wollen Sie jetzt etwa behaupten, das Reich-Rancki nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Gar debil?

#7 von christine am 23.07.07 um 15:14

 

Ich würde eher vermuten, dass Reich-Ranicki täglich mit gezücktzer Pistole in der Redaktion steht, damit seine Texte auch ja gedruckt werden *g*

#8 von Sunzi Sonnenschein am 23.07.07 um 15:26

 

Das wird ja immer besser: ein grenzdebiler Revolverheld?

#9 von christine am 23.07.07 um 15:43

 

IHRE Antwort kam jetzt aber auch wie aus der Pistole geschossen! Sie werden doch nicht??... ^^

Aaaaargh!!!

*plumps*

#10 von Sunzi Sonnenschein am 23.07.07 um 15:52

 

.pft....hasta la vista baby

#11 von christine am 23.07.07 um 16:27

 

Ich hab´ einen Reset-Butoon. Ätsch!

Muhahahaha...

#12 von Sunzi Sonnenschein am 23.07.07 um 16:58

 

@#7 Genau das! Oder wollen Sie nach regelmäßiger Lektüre seiner Antworten auf die (teils allerdings auch "grenzdebilen") Leseranfragen etwa das Gegenteil behaupten?

#13 von Manuel Hessling am 24.07.07 um 19:28

 

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