An der Wand des Zugangs zum Ehrenhof im Bendlerblock, Berlin-Tiergarten, liest der Besucher: „Hier im ehemaligen Oberkommando des Heeres organisierten Deutsche den Versuch, am 20. Juli 1944 die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft zu stürzen. Dafür opferten sie ihr Leben." Die Opfer hießen Friedrich Olbricht, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Werner von Haeften und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Sie hatten den Glauben an den GröFaZ an der Ostfront restlos eingebüßt, ihre Enttäuschung war so abgrundtief, dass diese rechtschaffenen hohen Militärs sich zur Planung und (leider erfolglosen) Durchführung eines Attentats, freilich nach schweren Gewissenskonfikten, hinreißen ließen.
Fest im Glauben steht hingegen Tom Cruise (45) zu seinem Herrn und Meister. Seit zwanzig Jahren ist der US-amerikanische Schauspieler und Filmproduzent Anhänger der hierzulande umstrittenen Scientology-Sekte. Deren Gründer Lafayette Ronald Hubbard strebte zunächst eine Laufbahn bei der Navy an, bis er im II. Weltkrieg durch eine Granate schwer verletzt wurde und vorübergehend erblindete. Dieses Handikap erwies sich aber nachträglich als segensreich, denn in der hilflosen Verlorenheit ewiger Nacht entwickelte Ron die Grundzüge seiner Heilslehre.
(Kleines historisches Intermezzo des Revierflaneurs. Auch der Braunauer Ansichtskarten-Maler erblindete nach einem Gasangriff im I. Weltkrieg vorübergehend. Für Visionäre und Weltverbesserer dieser Couleur ist, zur Ausschmückung der Biographie, die wundersame Wiederkehr der Sehkraft offenbar unter Marketing-Gesichtspunkten, früher nannte man das Propaganda, ein reiz- und wirkungsvolles Detail. Vgl. zur Frühgeschichte dieses Erleuchtungsmythos auch Lukas 18, 31-43. Fehlt jetzt nur noch, dass Umar Abd ar-Rahman in Florence, Colorado plötzlich auch wieder sehen kann.)
Nun möchte der bekennende Scientologe Tom Cruise einen Hollywood-Thriller über das gescheiterte Hitler-Attentat drehen, Arbeitstitel „Valkyrie", nach dem Namen der gescheiterten Verschwörung gegen Hitler, „Operation Walküre", mit sich selbst als Stauffenberg-Darsteller und an Originalschauplätzen in Deutschland, u. a. auch im Ehrenhof des Bendlerblocks.
Gegen dieses Projekt, bei dem nach seiner Überzeugung nur „ein grauenvoller Kitsch rauskommt", hat der älteste Stauffenberg-Sohn Berthold (71) in der Süddeutschen Zeitung dringende Einwände vorgebracht : „Er soll seine Finger von meinem Vater lassen. Er soll einen Berg besteigen oder in der Karibik surfen gehen. Es ist mir wurscht, solange er sich da raushält."
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg weiß eben nicht, wie nah sich Cruise den Verfolgten des Naziregimes fühlt. In einem „Spiegel"-Gespräch (an der Seite von Steven Spielberg) verglich er 2004, anlässlich des Starts von „Krieg der Welten", die öffentliche Kritik an Scientology und die damit verbundenen Boykottaufrufe mit der Diskriminierung der Juden durch die Nazis. So gesehen kann sich der Mut des smarten Mimen durchaus mit der Tapferkeit des „Übermenschen" Stauffenberg messen, muss Cruise doch fürchten, dass er beim Babelsberger „Valkyrie"-Dreh, kaum hat er seinen ersten Tapeziertisch mit Scientology-Propagandaschriften aufstellen lassen, ins nächstgelegene KZ Sachsenhausen verschleppt wird.
Hoppla! Wer nennt denn Stauffenberg, diesen Menschen mit allen Skrupeln, Verzagtheiten, Widersprüchen, einen „Übermenschen", und zwar (natürlich) nicht ganz ernst gemeint, also nicht im (auch längst diskreditierten) nietzscheanischen Sinne? Sondern voller bitterer Ironie? Richtig, wieder ein Adliger, nämlich Florian Henckel von Donnersmarck (34) in seiner Intervention zu dieser Sommerloch-Posse unter der Überschrift „Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise" (FAZ v. 3. Juli). Donnerwetter, das ist ja mal eine Headline! Aber wir dürfen dem polternden Oscar-Preisträger („Das Leben der Anderen") nicht böse sein, er hatte es nämlich auch nicht gerade leicht:
„Meine ganze Kindheit hindurch wurde am elterlichen Esstisch kaum etwas so häufig besprochen wie der 20. Juli 1944. Allerdings ging es nicht so sachlich zu wie bei anderen historischen Themen. Wenn wir auf die Verschwörer zu sprechen kamen, geriet meine - sonst eigentlich rationale - Mutter in einen Zustand fast hysterischer Erregung. Sie wurde nicht müde, zu betonen, dass es niemanden auf der Welt gebe, den sie so sehr bewunderte wie Stauffenberg, niemanden, niemanden! Ihre Stimme wurde dabei seltsam hoch, und es machten sich rote Flecken um ihre Kehle breit." So startet von Donnersmarck sein sehr persönliches, sehr emotionales Bekenntnis pro Cruise, pro Bryan Singer (der sich dieses Filmprojekt ausgedacht hat), pro Steven Spielberg - und contra die in ihren Gefühlen verletzten Witwen und Waisen der Attentäter, contra etliche selbsternannte „aufrechte Demokraten", die es nicht verabsäumten, entrüstet ihre Stimme zu erheben (Antje Blumenthal, Sektenexpertin; Franz Josef Jung, Bundesverteidigungsminister, beide CDU; Klaus Uwe Benneter, SPD; Hans-Joachim Otto, FDP).
Wenn man seine Phantasie bemüht und sich die roten Flecken der Mutter am Esstische derer zu Donnersmarck recht deutlich ausmalt, dann könnte man den reichlich überdrehten Furor, den ihr Filius hier entwickelt, ohne Bedenken entschuldigen. Es ist jedoch geradezu eine Art heiliger Zorn, mit dem er uns an unserem kleinbürgerlichen Frühstückstisch überfällt. Und dieser Zorn reißt ihn zu folgenden unbedachten Sätzen hin: „Tom Cruise ist der erfolgreichste aller Superstars. [...] Er beschäftigt sich sehr genau mit Drehbüchern, hält seine Millionen Fans immer hungrig und erhält sich dadurch seinen Superstar-Status. Aber das allem Anschein nach sehr gute Drehbuch von ,Valkyrie‘ [...], die unerschrockene, männliche Haltung des Attentäters und die Leidenschaft Bryan Singers sagten ihm zu. Er nahm das Angebot an und wird jetzt sein Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen."
Wenn das kein Kitsch ist! Und was heißt eigentlich „allem Anschein nach"? Hat von Donnersmarck das Drehbuch nun gelesen oder nicht? Aber es kommt noch dicker: Cruise werde durch seine Stauffenberg-Darstellung „das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können. [...] Waren uns Stauffenberg und Konsorten nach dem Krieg noch undeutsche Vaterlandsverräter, so ist uns heute selbst der größte Star der Siegernation nicht gut genug, unseren Übermenschen Stauffenberg zu spielen, wenn dieser Star in seinen persönlichen Überzeugungen nicht ganz auf dem gegenwärtigen Kurs Deutschlands liegt."
Jetzt muss ich aber doch mal kurz ganz tief Luft holen. Also liegt der gegenwärtige Kurs unserer Verlierernation nur noch ganz knapp neben Cruises persönlicher Überzeugung? Hindern bloß noch ein paar engstirnige Politiker die Millionen Fans weltweit daran, ihrem Supersupersuper-Star jubelnd zu Füßen zu liegen, wenn er in der Rolle des Märtyrers im Ehrenhof des Bendlerblocks mit klarem Blick den Kugelhagel erwartet? Ganz nebenbei, Herr von Donnersmarck: Dass Sie die Mitverschwörer Stauffenbergs „Konsorten" nennen, ist ein kleiner Skandal für sich; steht das Wort doch laut Duden: „abwertend [!] für Mittäter".
Lassen Sie sich's gesagt sein, lieber Florian Henckel von Donnersmarck, von einem, der dies nicht im Zorn schreibt, sondern mit kühlem Kopfe: Der „erfolgreichste Superstar", den unser Land bis heute hervorgebracht hat, war Adolf Hitler. Das sollte uns doch für alle Zeiten darüber belehrt haben, dem Starkult, gleich welcher Provenienz, bis zum letzten Tag unserer an dunklen Epochen reichen Geschichte zu misstrauen. Auch der „Führer" hielt seine Fans (kurz für: Fanatiker) „immer hungrig", machte sich in der Öffentlichkeit rar und erhielt sich seinen Superstar-Status bis zum Schluss, nämlich bis zum bittern Ende. Diese Marketingtricks sind doch wohl kein Ausweis moralischer Unbedenklichkeit, sondern bloß ein Nachweis von Professionalität in Fragen der Propaganda.
Deutschlands Hoffnung heißt nicht Tom Cruise. Deutschlands Hoffnung heißt auch nicht Angela Merkel oder Oskar Lafontaine. Deutschlands Hoffnungen knüpfen sich hoffentlich nie wieder an einen Namen und an einen Superstar. Wenn man für Deutschland etwas hoffen kann: dass seine Bewohner aus der Geschichte gelernt haben, keinen Heilsversprechungen zu vertrauen, keinen Superstars und keinem irrationalen Glauben, ganz gleich, in welchem strahlenden Gewand sie auftreten, und ganz egal, wieviel Millionen Fans ihnen applaudieren mögen.

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