
Gestern also spazierte ich zum siebten und letzten Mal durch die „Olbricht Collection" im Folkwang-Museum, diesmal in Gesellschaft meines Jugendfreundes, mit dem ich vor mehr als dreißig Jahren die Sammlung Ludwig im Kölner Wallraf-Richartz-Museum entdeckt habe und der heute als Anästhesist in einer Klinik in Oberhausen arbeitet.
Dies zu erwähnen scheint nebensächlich, ist aber nach den Erfahrungen meiner Rundgänge durch die Sammlung im Gegenteil von entscheidender Bedeutung: Jeder meiner Gäste eröffnete mir, je nach seinem persönlichen „Lebenshintergrund", neue und überraschende Perspektiven bei Betrachtung dieses oder jenes Exponats; ja, manche Stücke entdeckte ich gar erst durch ihre offenbar anders fokussierende Aufmerksamkeit.
Schon beim Entree machen viele, vielleicht die meisten Besucher den Fehler, von freudiger Neugier getrieben und vom magischen Blick der „Irène" aus Franz Gertschs überlebensgroßem, fotorealistischem Porträt angesogen, die kleine Treppe hinaufzustürmen und dabei zu übersehen, dass linker Hand eine andere Treppe abwärts führt. Das Unterbewusstsein vermutet hier vielleicht die Toiletten. Stattdessen ist hier aber, in trübes Halbdunkel gehüllt, eine morbide Friedhofslandschaft aufgebaut: ein rostiges Gittertor, eine brüchige Mauer, Grabsteine, eine marode Holzbank, ein Gekreuzigter mit abgebrochenem Arm - Vergänglichkeit, Verfall und Tod. Der beklemmende Raum stimmt damit auf eins der dominierenden Themen der Ausstellung ein, ihn zu verpassen bedeutet das erste von vielen Versäumnissen, deren man sich schuldig machen kann, wenn man sich zu wenig Zeit lässt.
(Auch die offiziellen Führungen, von denen mir berichtet wurde, lassen diese muffige Gruft gelegentlich „links liegen", im ganz wörtlichen Sinn, und das kann ich sogar verstehen, denn eine Gruppe von zwei, drei dutzend plaudernden Besuchern nähme dem Ort die beklemmende Atmosphäre, die gerade seinen Reiz ausmacht.)
Ein weiteres Thema ist ebenfalls gleich zu Beginn präsent: „Money makes the world go around." Ohne Geld keine Sammlung; und ohne sehr, sehr viel Geld keine Sammlung wie diese, die durch ihre schiere Fülle (fast 300 ausgestellte Werke) und durch die großen Namen (Warhol, Gerhard Richter, Beuys) Gefahr läuft, protzig zu wirken. Der Tresor von Elmgreen & Dragset („The Private Museum", 2003) und die Leuchtreklame von Tim Noble und Sue Webster („YE$", 2001) mildern diesen unangenehmen Beigeschmack zwar auf dem Wege der Selbstironie; ganz verliert er sich beim kritischen Betrachter aber doch nicht. Unschuldiger Neid bleibt nun einmal das Privileg der staunenden Habenichtse.
Der Sammler sagt „Ja" und zückt die Geldbörse. Weil er sein Glück und seinen Stolz aber noch intensiver erleben kann, wenn er beides gelegentlich, vorübergehend mit anderen teilt, gewährt er uns Einblick und stellt aus. Auch wir greifen zum Portemonnaie und zahlen fünf Euro Museumseintritt für zwei Stunden Genuss auf dieser Augenweide. Honi soit qui mal y pense? Zum gleichen Tarif hat Ulla vor unserer gestrigen Exkursion auf „Rockers Island" in der „Oase", Essens laut „Überblick" bester Trattoria, einen vorzüglichen Insalata mista gegessen. Hier aber wartet ein formidables Zehn-Gänge-Menü auf den sehhungrigen Betrachter - und alles, was er zu fürchten hat, ist visuelle Übersättigung bis zum Kotzen. (Vielleicht ist das die versteckte Botschaft des titelgebenden Ölbilds von Moritz Schleime?)
Beliebtes Gedankenspiel bei allen meinen „Führungen" in den vergangenen Wochen: Wenn du eins der ausgestellten Werke mit nach Hause nehmen dürftest, für welches würdest du dich entscheiden? Mein Favorit war von Anfang und ist bis zuletzt geblieben: das „Good vs. Evil Chess Set" von Maurizio Cattelan (2003). Dieses Schachspiel, bei dem die 32 Figuren und Bauern durch gleichviele „Prominente" aus Vergangenheit und Gegenwart dargestellt werden, gibt mancherlei Rätsel auf. Dass Martin Luther King, Superman und der Dalai Lama auf der guten (weißen) Seite stehen und andererseits Hitler, Dracula und Stalin auf der bösen (schwarzen) ist ja ohne weiteres plausibel. Aber warum reiht sich der „böse Wolf", das einzige Tier, laut erklärendem Beiblatt „standing on it's hind legs", neben Mutter Teresa und Sitting Bull in die Phalanx der weißen, also guten Bauern? Und warum ist Mata Hari eine schwrze, folglich böse Bäurin, wo uns diese Doppelagentin des 1. Weltkriegs doch in den bekannten Filmen (u. a. mit Asta Nielsen oder Greta Garbo in der Hauptrolle) eher als verkannte Heilige und Märtyrerin präsentiert wird? Warum steht der Baum der Erkenntnis, die einzige Pflanze, als schwarzer Turm im Eck? Und warum ist der italienische Pornostar Ciccolina ein weißer Springer? Vor allem aber: Warum kommt ein Prominenter, nämlich Sigmund Freud, gleich zweimal vor, nämlich auf beiden Seiten, als gute und böse Figur? Das Beiblatt identifiziert die Figuren als „Sigmund Freud with suitcase" (black = evil) und „Freud with a pipe" (white = good). Für jeden offensichtlich hat die weiße Turmfigur aber keine Pfeife, sondern eine Zigarre in der Hand. Wenn schon ein solcher Fehler passieren konnte, sind weitere Zweifel erlaubt: Ist der mit der Zigarre wirklich Freud? Mehrere meiner Begleiter tippten spontan auf Lenin, womit das ganze Cattelansche Spiel eine völlig andere Tendenz bekäme. (Die einzige Figur, die ich nicht identifizieren konnte, war die schwarze Dame: Cruella DeVil. Ich muss mir den Film „101 Dalmatiner" wohl doch einmal ansehen.)
Gut vs. böse - das ist also ein weiteres Generalthema der Sammlung. Darauf darf man, wir sind immer noch in der Initiationsphase, gefasst machen; dahin sollte man seine Aufmerksamkeit schärfen. Doch dann, spätestens dann, überrollt uns das vierte Thema: Sex. Ich habe Heerscharen von flott schlendernden Besuchern an Terry Rodgers‘ gigantischem Öl „The Apotheosis of Pleasure" (2005) vorbeidefilieren sehen - und immer wieder kam der wiedererkennende Kommentar: „Das da ist Paris Hilton!" Das Bild zeigt 14 vor Jugendlichkeit strotzende Körper, sieben Frauen und sieben Männer, mehr oder weniger bekleidet, dicht gedrängt in einem prunkvoll-kitschigen Raum, rauchend, trinkend - eine Orgie in statu nascendi. Alle sehen aus wie die weltweit bekannten Mega-Stars, kraftstrotzende Jünglinge und verlockende Models mit Idealfigur. Identifizierbar als Individuum mit Namen und Biografie bleibt aber allein die Hotelerbin am rechten Rand. Das Ideal verschwimmt ins Verwechselbare, absolute Schönheit ist anonym.
Drei ineinander gestülpte Eimer stehen auf dem Boden, ein zur Schlinge geknüpftes Seil hängt von der Decke, absurderweise zur Decke hin in eine rosafarbenes Gazetuch gehüllt: Vorbereitung auf einen Selbstmord offenbar. Schnell erfasst und rasch begriffen: die provokative Inszenierung eines tabuisierten Akts. Höchst unerfreulich! Wenden wir uns geschwind dem nächsten Werk zu. - Aber nicht doch, lieber Besucher. Schau doch mal genauer hin! Und wenn er dann ganz nah mit der Nase an die Eimer heranfährt, wird er gewahr: Dieses Environment der Amerikanerin Liza Lou („Stairway to Heaven I", 2005) ist aus winzigen Perlen gefertigt. Die Eimer, der Strick an der Decke: alles aus Perlen. Höchste Kunstfertigkeit, besessener Fleiß - ein fünftes Thema der Olbricht‘schen Sammlung.
Diese höchste „Meisterschaft des Machens" kann man in vielen Ecken und Winkeln der Ausstellung bestaunen, in höchster Konzentration in der „Wunderkammer", in der neben vielen Kuriositäten vergangener Zeiten z. B. eine Seychellen-Nuss den Betrachter in ihren Bann zieht, von unbekannter Künstlerhand im17. Jahrhundert zur „Coco de Mer" mit fein gravierten Mustern versehen. Auch der Konsolentisch mit Einlegearbeiten, aus Walnussholz und Elfenbein nach dem Design von Konrag Gesner (spätes 17. Jh.) verdient eingehende Betrachtung: welche atemberaubende Kunstfertigkeit!
In provokativem Kontrast zum besinnlichen Minne-Brunnen hat Olbricht hier zwei schreckliche Car-Crash-Bilder von Dirk Skreber aufgehängt („It rocks us so hard - Ho, Ho, Ho 6.0", 2002). Doch Rettung ist nah! Nämlich in einem geräumigen Glasschrank, wo der Allround-Sammler hunderte Spielzeugautos und Miniatur-Hubschauber aufgestellt hat, in Reih und Glied, allesamt Rettungsfahr- und -flugzeuge, Mitbringsel seiner Patienten (Olbricht war im Hauptberuf Arzt) aus aller Welt. Weiß und rot - das Rote Kreuz - sind die vorherrschenden Farben dieses sanitären Parkplatzes im Liliput-Format. Und nur zu leicht übersieht man, dass ein einziges Modellauto aus dem Rahmen fällt, obwohl es sich, ganz rechts und in Augenhöhe, geradezu danach drängt, entdeckt zu werden: ein weißer Trasporter mit der roten Aufschrift: „Wella". (Diesen Hinweis schulde ich Birgit Kernebeck. Noch einmal: Vielen Dank!)
Eine überaus erfreuliche Begleiterscheiung meiner Rundgänge war übrigens, dass die Museumswärterinnen und -wärter ganz offensichtlich ebensoviel Freude an der Sammlung empfanden wie ich und hier und da mit wertvollen Hinweisen auf versteckte Reize aufwarteten. Dass sich die beiden Sitzbänke in den Räumen mit der fotografischen Sammlung (Paul Outerbridge jr., Lisette Model, Diane Arbus, Otto Steinert, Cindy Sherman u. a.) in Bewegung versetzen, wenn man sich daraufsetzt - ich hätte es sonst nicht entdeckt (Jeppe Hein: „Moving Bench", 2000). Und ebenfalls wäre mir entgangen, dass das obszöne Luftmatrazen-Sexgummipuppen-Ensemble der Chapman-Brüder (nicht im Katalog) keinesfalls aus Kautschuk, sondern aus Bronze gefertigt ist, wenn nicht eine verschmitzte Kunstbewacherin mit dem Finger dagegengeschnippt hätte: Ping!
Es ist unmöglich, von der Olbricht Collection nicht gefesselt zu sein. Ich habe keinen Besucher erlebt, der nicht von Evan Pennys „No One - in Particular #15, Series 1" (2005) geradezu magisch angezogen worden wäre (Bild oben), ein höchst irritierendes Objekt im Übergang zwischen Malerei und Plastik: die Frau mit dem grellrot gefärbten Haar und dem feinen Goldkettchen um den Hals. (Überhaupt Haare. Bilde ich's mir nur ein, dass der Mann, der seinen Reichtum einem Haarpflegemittel-Konzern verdankt, auch zu diesem Motiv eine besondere Affinität hat?) Neben solchen unübersehbar-spektakulären Stücken, denen keiner entgeht, gibt es auch die verhaltenen Wunderwerke, deren Reiz sich erst auf einen zweiten oder dritten Blick erschließt. Ganz stark fand ich z. B. Peter Doigs albtraumhaftes „Red House" (1996/96) - so eindrücklich, dass ich in der Nacht drauf tatsächlich von diesem Haus geträumt habe. Die Tür stand offen - aber ich konnte nicht hineingehen.
Bis morgen, Sonntag, 1. Juli 2007, 18:00 Uhr stehen die Türen des Folkwang-Museums noch offen, dann wird diese zauberhafte, unvergleichliche Ausstellung in dieser Form nie wieder zu sehen und zu erleben sein. Mein dringlicher Rat: Gehen Sie hinein! Noch ist es nicht zu spät.

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I encourage EVERY single one of you guys out there to take a \"before\" picture. Yeah yeah yeah… I know… it sucks to see yourself not looking the way that you want to… but I ASSURE you… it will motiva... weiter
#1 von Americola am 11.04.09 um 21:21