Der Westen - Das Portal der WAZ Mediengruppe

So gehts…Senden Sie uns Ihren Beitrag

Fotografien von Wiebke Elzel und Jana Müller in der Galerie Schütte

Realität ± Inszenierung = Spannung

Ich bin berufsbedingt übersensibel für die inflationäre Verwendung modischer Ausdrücke der diversen Berufsjargons. Wenn seit etlichen Jahren kein Politiker-Statement mehr ohne den Ausdruck „im Vorfeld" über den Bildschirm gehen kann, wäre allein dies ein hinreichender Grund für mich, meine GEZ-Gebühr für die Glotze zu stornieren, so ich denn eine hätte. Das „Vorfeld" bezeichnete in der preußischen Heeresordnung jene Soldaten, die als Kanonenfutter vorausgeschickt wurden. Die Präposition „vor" reicht völlig aus, um zu sagen, dass es „im Vorfeld des G8-Gipfels" Zweifel gibt, ob der beklemmende Zaun um Heiligendamm seinen Preis wert war.

 

Im Jargon der Kunstszene ist das Adjektiv „spannend" seit etlichen Jahren eine solche deplacierte Worthülse. Je langweiliger die monochromen Tafelbilder von Malewitschs Gnaden und je stumpfsinniger die „Appropriations" von Warhols ohnehin schon unerquicklichen „Flowers", desto hartnäckiger werden wir in Vernissage-Ansprachen und Katalog-Texten mit dem jede Menge „Thrill" versprechenden Wörtchen „spannend" geködert.

 

Bei den in der Galerie Schütte in Essen-Kettwig gezeigten Fotografien von Wiebke Elzel und Jana Müller ist das Eigenschaftswort aber ausnahmsweise einmal zutreffend - und sogar in mehrfacher Hinsicht:

 

Erstens, weil diese inszenierten Bilder ihren Reiz zu einem guten Teil der kreativen Spannung zwischen den beiden Künstlerinnen verdanken, die sich bei ihrem gemeinsamen Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (bei Timm Rautert) kennen lernten.

 

Zweitens, weil die Ambivalenz dieser großformatigen Fotografien eine irritierende Spannung beim Betrachter erzeugt, der auf den ersten Blick ein konventionelles Interieur wahrnimmt, bei genauerem Hinsehen jedoch gewahr wird, dass offenbar dem Augenblick der fotografischen „Erfassung" dieses menschenleeren Motivs eine Katastrophe vorangegangen sein muss. (Besonders stark empfand ich diese Spannung bei dem Gemeinschaftswerk „Asche" von 2002: Pompeji im Buddenbrook-Haus.)

 

Und drittens schließlich, weil die beiden vor 30 Jahren geborenen Künstlerinnen (Elzel in Hannover, Müller in Halle an der Saale) auch jede für sich, in ihrem unabhängig vom Team Elzel/Müller entstandenen Werk, nach Spannung suchen und mit Spannung spielen.

 

So hat Wiebke Elzel den allmählichen Verfall eines Hochstands im Wald dokumentiert: Die Natur frisst eine provisorische Vorhut menschlicher Zivilsation, nach menschlichem Tagesmaß langsam, wieder auf - oder eigentlich blitzschnell nach dem Maß der Natur, das nach Jahrmillionen zählt („Siebzehn" von 2003).

 

Und Jana Müller, mit einer nur scheinbar ganz anders gelagerten Vorliebe für Film und Videokunst, zitiert den Großmeister des Thrillers, Alfred Hitchcock, mit fünf fast schwarzen vom Bildschirm abfotografierten Motiven, verdunkelt durch den Rücken des Täters vor der Tat („Blackout. Hitchcock's Rope" von 2006).

 

In dem kleinen, aber feinen Katalog, der zur Ausstellung bei Schütte in Kettwig erschienen ist, sagt Jana Müller (im Gespräch mit dem Kunsthistoriker und Medientheoretiker Prof. Dr. Dieter Daniels) einen schlichten Satz, frei von allen Worthülsen und Modeausdrücken, der die Essenz der Fotokunst des Tandems Elzel/Müller auf den einfachsten Begriff bringt: „Die Inszenierung erscheint real und die Realität wirkt inszeniert." Genau dieser Gegensatz und irritierende Widerspruch ist es, der die Ergebnisse der beiden für mich tatsächlich spannend macht.

 

Wer die Mittel hat, sich eins der großen Fotos von Wiebke Elzel und Jana Müller noch „im Vorfeld" einer vorhersehbaren Wertsteigerung zu sichern, dem sei der Gang zur Galerie Schütte in Kettwig dringend empfohlen. Wer aber in die Notlage gerät, ein solches Bild, ganz gleich nach welcher Wertsteigerung, wieder veräußern zu müssen, der verdient mein aufrichtiges Bedauern.

168 weitere Artikel in Kunst  |  RSS Feed abonnieren RSS Feed abonnieren

 
 
 

2 Kommentare

Wie es der Zufall so will.Leider darf ich keine Namen nennen.Der
Kunstexperte überhäfte mich mich am heutigen Tag
mit dem Wort "spannend" so extrem,
das ich beim ca. sechsten mal mir das Lachen nich verkneifen konnte.
Aus dem Lachen wurde dann ein kleines räuspern um mich nich in schwierigkeiten zu bringen.
Die Ausstellung Elzer/Müller in der Galerie Schütte war wirklich
....prickelnd.
Danke für den guten Artikel
U.K. "kunstwerden"

#1 von Udo H.-D. Karkuschke am 26.05.07 um 22:57

 

neugierig machende besprechung & "lange weilende", aber tatsächlich "spannende" fotografien - & das ist kein gegensatz. faszinierend, würde mr. s. sagen.

#2 von kelly am 27.05.07 um 12:59

 

Sie können diesen Beitrag kommentieren!