
Was bisher geschah: Mitte Februar 2007 präsentierten die Strahlemänner Fritz Pleitgen und Dr. jur. Oliver Scheytt, Geschäftsführer der frisch gegründeten RUHR.2010 GmbH, der erstaunten Öffentlichkeit, bei einer ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenzen, ein zweites Logo neben dem altbekannten fröhlich-bunten „Fähnchenmotiv".
Dieses sog. Community-Logo ist eine triste Wortmarke und hat gegenüber dem mittlerweile gut eingeführten Dachmarken-Logo nur einen Vorteil: Jeder darf es kostenlos nutzen.
Aber selbst dieses Plus wandelt sich bei genauerem Hinschauen in ein Minus: Auch dieses „Logo für Arme" darf nur verwenden, wer zuvor einen 2-seitigen „Antrag auf Einwilligung zur Nutzung des Community-Logos RUHR.2010" ausfüllt und unterschreibt. In den 4-seitigen Nutzungsbedingungen wird unter Ziffer 3 eine Vertragsstrafe in Höhe von 5.100 € angedroht für den Fall „eines Verstoßes des Antragstellers für jeden Fall der Zuwiderhandlung unter Ausschluss des Fortsetzungszusammenhangs".
„Wir hoffen, dass dieses Logo so begeistert und breit verwendet wird, wie das Logo der Bewerbung." So die Kulturhaupstadthäuptlinge auf ihrer Internet-Seite. Wer ein solches Stoßgebet gen Himmel schickt, dürfte sich vermutlich schon im Klaren gewesen sein, dass die triste blaugrauschwarze Wortmarke, die sich die Kreativen bei CP/COMPARTNER hier ausgedacht haben, nicht auf die ungeteilte Begeisterung der breiten Kohlenpott-Community stoßen würde. Fast wäre der Schönwetteroptimismus von Pleitgen und Scheytt aber sogar aufgegangen, denn die traditionellen Medien, wie üblich allen voran WAZ und NRZ, meldeten in ihrer vertrauten Hofberichterstattungs-Manier die Präsentation des neuen Zweiklassen-Designs, als gäb's da nichts dran zu hinterfragen.
Allerdings haben wir neuerdings dank Internet eine (mehr oder weniger) unabhängige Gegenöffentlichkeit; und dort erfreulicherweise ein paar ambitionierte Blogger, die sich so ihre eigenen Gedanken machen - und aus ihrem berechtigten Missmut keinen Hehl. Sehr bald waren u. a. bei Pottblog, Gelsenclan, Kochwerkstatt, Emscherblick, Silentblog, pottkinder und blog.50hz zahlreiche kritische Beiträge zur zweigleisigen Logo-Politik des Kulturhauptstadt-Büros zu lesen, die dort aber vermutlich nicht wahrgenommen wurden. („Ich vermute, die Leute bei der RUHR.2010 wissen gar nicht, was ein Blog und so ist", mutmaßt einer, der dich „medienblogger" nennt; und er dürfte damit vermutlich nicht gar so schief liegen.) Und auch Rolf Jansen mit seinem Webmagazin ruhrwärts hat sich solidarisch erklärt.
Anfang April veröffentlichte ich hier bei westropolis zwei Beiträge zu den Logos der Kulturhauptstadt und seinen Nutzungsbedingungen, in Unkenntnis, dass darüber bereits eine kritische Diskussion in den genannten Blogs stattfand. Zunächst wurde ich von den freien Bloggern noch als vermeintlicher WAZ-Lakai kritisch beäugt, dann zunehmend als ernsthafter Gesprächsteilnehmer akzeptiert. Jens Matheuszik vom Pottblog veröffentlichte selbst bei westropolis einen weiteren Artikel zum Thema.
Mittlerweile mutete es schon etwas merkwürdig an, dass es aus der Essener Brunnenstraße 8 so gar keine Resonanz gab. Vielleicht wussten die hohen Herren, die da seit Kurzem im Alfred-Herrhausen-Haus hausen, gar nicht, dass es diese Bloggerszene gibt? Vielleicht waren ja in der frisch renovierten ehemaligen Folkwang-Musikschule, in die ich vor Jahren meine Kinder Jacinta, Vincent, Valentin und Tristan zum Geigen-, Gitarren-, Trompeten- und Hornunterricht geschickt habe, die PCs noch nicht angeschlossen? Also verfassten Djure Meinen (von blog.50hz) und Jens Matheuszik (von pottblog) Anfang April gemeinsam einen persönlichen, bewusst nicht öffentlichen Brief an den „sehr geehrten Herrn Dr. Pleitgen", in dem sie ihre berechtigten Einwände gegen die Logo-Politik des Kulturhauptstadt-Büros bündig zusammenfassten und vorschlugen, die Nutzungsregeln für das Community-Logo auf Basis des Creative-Commons-Regelsystems zu liberalisieren.
Das war ja nun eine sehr höfliche und bescheidene Bitte, angesichts des Logo-Kuddelmuddels, das die Verantwortlichen von der Brunnenstraße da in die Welt gesetzt hatten. Der Revierflaneur hätte gefordert: Gebt das „Fähnchen-Motiv" frei für jeden, der es nutzen will! Und lasst euer peinliches Community-Logo ganz schnell wieder in der Versenkung verschwinden! Ich hätte dem ehemaligen Intendanten des WDR auch nicht einen Doktortitel verliehen, um ihn zu einer Antwort zu bewegen. Am Ende redet er sich noch darauf raus, dass der Brief ihn wegen der unzutreffenden Titulierung gar nicht erreicht habe. Der Doktor im Doppelgespann der Hauptverantwortlichen ist ja vielmehr Oliver Scheytt - Dr. jur., um genau zu sein. Und vielleicht ist genau dies des Rätsels Lösung, warum selbst zum Schutz des langweiligen Community-Logos, das kein Mensch haben will, solch schweres Geschütz („5.100 Euro Vertragsstrafe") aufgefahren wird.
Was weiter geschah? Nichts. Keine Antwort von Pleitgen & Co. bis zum heutigen Tag. Aber dieses Verweigerungs-, Aussitz- und Schweigeverhalten sind die Bürger im Revier ja im Umgang mit dem Kulturhauptstadt-Büro nun schon gewohnt. Auch die über 400 Ideen-Einreicher warten seit Monaten auf einen ersten Zwischenbescheid und sei's nur ein kleines Dankeschön an die engagierten Menschen auf der offiziellen Homepage der Kulturhauptstadt 2010.
Was weiter geschah? Am 3. Mai widmete der lokale TV-Sender floriantv aus Dortmund dem Thema einen kurzen Beitrag. Damit war der Sprung geschafft von der Subkultur der Blogger-Szene in die Hochkultur des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms. Hier der Wortlaut der Sendung:
„Seit November letzten Jahres ist es offiziell: Das Ruhrgebiet wird 2010 ,Kulturhauptstadt Europas‘. Wie gut sich die Region dabei präsentieren wird, hängt auch davon ab, wieviel Werbung die Menschen im Ruhrgebiet für das Großereignis machen. Dafür gibt es jetzt ein Gemeinschafts-Logo. Doch so einfach wie gedacht ist die Nutzung des Markenzeichens nicht. Adrian Pflug und Falk Steinborn berichten:
Mit dem Gemeinschafts-Logo sollen die Menschen die Kulturhauptstadt Europas werbewirksam unterstützen. So die Vorstellung der Organisatoren. Zu diesem Zweck ist das Logo leicht aus dem Internet herunterzuladen. Aber bevor man es benutzen darf, muss man einen langen Vertrag voller Vorschriften akzeptieren. Ganze fünf Seiten umfasst er. Die enthaltenen Nutzungsbestimmungen sind weitreichend. Sie verbieten jede grafische Bearbeitung, sogar eine genaue Schutzzone um das Logo wird vorgegeben. Bei Nichtbeachtung oder Missbrauch droht eine Vertragsstrafe in Höhe von 5.100 €. - Über soviel Bürokratie regt man sich vor allem in der Internet-Gemeinde auf. In Internet-Tagebüchern, den sogenannten Blogs, fordern einige eine freie Lizenz für das Logo. - [Jens Matheuszik, pottblog:] ,Wir schlagen vor, dass man das unbürokratisch lösen soll im Interesse von den Leuten, die das auch wirklich nutzen wollen. Weil: Das ist ja das Prinzip. Der Ehrliche ist der Dumme!‘ - Verständnis dafür seitens der RUHR.2010 GmbH, die die Kulturhauptstadt organisiert. Jedoch sieht sie keine andere Möglichkeit, ihr Logo vor grafischen und inhaltlichen Veränderungen zu schützen. - [Nadja Grizzo, Marketing Ruhr 2010 GmbH:] ,Es soll schon das Bewusstsein damit verknüpft sein: Das Logo gehört nicht mir, aber ich kann es nutzen, wenn ich mich an bestimmte Regeln halte.‘ - Doch was, wenn diese versehentlich verletzt werden? - [Grizzo:] ,Es ist doch klar, dass wir nicht zu ner Privatperson gehen und die verklagen, fünftausend Euro zu zahlen. Aber wenn da keine Einsicht besteht, ja, dann hat man da eine Handhabe mit.‘ - Die halten auch alle kommenden Kulturhauptstädte Europas für notwendig. Sie lassen ihr Logo ähnlich schützen wie die RUHR.2010 GmbH."
Ein Lehrstück sondergleichen: So kann man als Lokalglotzefunk einen berechtigten Einwand denkender Zeitgenossen zu einem mickrigen Gemecker zusammenschrumpfen lassen. Und das in knapp einer Sendeminute!
Haben die freundlichen Blogger denn tatsächlich angenommen, sie würden auf ihren höflichen Brief jemals eine Anwort bekommen? Wo doch die 400 und mehr Projekteinreicher schon viel länger auf eine wie auch immer geartete Antwort aus dem Kulturhauptstadt-Büro warten? Und zumal sie ihren Brief mit diesem unverbindlichen Satz ausklingen ließen: „Falls Sie [gemeint ist Pleitgen] noch Gesprächsbedarf sehen, stehen wir Ihnen natürlich zur Verfügung und verbleiben bis dahin mit freundlichem Glückauf."
Pleitgen sieht natürlich keinen Gesprächsbedarf und zieht sein (und Scheytts, des Juristen) Programm unverdrossen schweigend durch.
Blogger? Was ist das? Bürgerbeteiligung? Was ist das? Wir kriegen hier ja schon „Pickel" (so wörtlich die Integrationsbeauftragte der Kulturhauptstadt Asli Sevindim jüngst auf Zeche Carl) angesichts des inkompetenten Ideenreichtums aus dem einfachen Volke. Unser Briefkasten quillt über von den dösigen Einfällen unserer lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und jetzt auch noch diese Spiel-und Spaßverderber aus der Blogosphäre, die einfach nicht kapieren wollen, dass gewisse Spielregeln eingehalten werden müssen bei einem Mega-Event wie der Kulturhauptstadt Europas 2010. Ein solches hartnäckiges Insistieren ist uns keine Antwort wert, da haben wir ja, weiß Gott!, Wichtigeres vor der Brust.
Vielleicht rührt ja aber das Schweigen aus dem Kulturhauptstadt-Walde ganz woanders her und der Revierflaneur hat den Verantwortlichen bitter Unrecht getan. Vielleicht mangelts in der Brunnenstraße 8 bloß an der notwendigen Hardware zur Abarbeitung der über Pleitgen und Scheytt hereinbrechenden Flut von Anfragen, Projektvorschlägen, Klagen, Wünschen und Bewerbungen. Weiß man denn, ob das Kulturhauptstadt-Büro überhaupt schon einen eigenen Briefkasten hat? Um diese Fragen zu klären, machte ich mich auf den Weg an den Essener Stadtgartenrand, bewaffnet mit meiner Kamera. Die Ergebnisse dieser Exkursion sind unten dokumentiert.
Und zum krönenden Abschluss, um den „Fortsetzungszusammenhang" zu wahren, noch ein Projektvorschlag des Revierflaneurs: Gebt das Dachmarkenlogo frei und ein paar Millionen Autofähnchen in Auftrag, Herstellungskosten: 50 €-Cent. Verkaufspreis: 5,50 €. Reingewinn: 5 € pro Fähnchen! Entfacht bei den Autofahrern mit den Kennzeichen BO, BOH, BOT, DO, DU, E, EN, GE, HA, HAM, HER, MH, OB, RE, UN und WES eine ähnliche Flaggeneuphorie wie bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft. Dann habt ihr - ruck, zuck! - zehn bis zwanzig Millionen Euro im Sack, eine Riesenpropaganda für die Kulturhauptstadt 2010 und den Revierflaneur vom Hals, der euch anderenfalls noch ein Weilchen auf den Wecker fallen wird ...
2 Trackbacks
Im Beitrag Ruhr.2010: Warum die Ruhr.2010 GmbH kein freies Logo zur Kulturhauptstadt Europas haben will verwies ich ja auf den Beitrag von florianTV. Dazu habe ich übrigens auch eine eMail des Au... weiter
#1 von Pottblog am 17.05.07 um 21:01
I can not agree with you in 100% regarding some thoughts, but you got good point of view weiter
#2 von Kds Bbs Pics Russian Child Models Ls Girls am 08.03.08 um 01:19