
Samstag, 5. Mai 2007. - Eben bin ich zurück von Zeche Carl, wo sich ca. 150 Kulturschaffende aus der Freien Szene zu einem Gedankenaustausch über ihre Projekte zum Kulturhauptstadtjahr 2010 versammelt hatten, um Kontakte (oder gar Netzwerke) zu knüpfen, Anregungen zu empfangen und, wie sich herausstellte, auch ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen.
„Kulturhauptstadt ist Teilhabe - Idee sucht Partner".
Unter diesem Motto hatten Susanne Abeck (Forum Geschichtskultur Dortmund), Rainer Bode (LAG-Soziokultur-NW Münster), Johannes Brackmann (Kulturzentrum Grend Essen), Rolf Dennemann (artscenico Dortmund), Gerd Herholz (Literaturbüro Ruhr Gladbeck), Wolfram Lakaszus (bureau of innovation Bochum), Peter Liedtke (pixelprojekt Herne) und Gerd Spieckermann (Bahnhof Langendreer Bochum) zu dieser Veranstaltung eingeladen.
Von Brackmanns eher förmlichem (und zu langem) Begrüßungsreferat ist mir hauptsächlich in Erinnerung geblieben, dass sein und das Engagement seiner Mitstreiter zur Durchführung dieses Treffens ehrenamtlich-bürgerschaftlich erfolgte. Dafür sollten alle Teilnehmer den acht Organisatoren dankbar sein - denn es war ein in vielerlei Hinsicht aufschlussreicher Nachmittag auf Carl.
Peter Rose, ehemaliger Gelsenkirchener Kulturdezernent, rief Erinnerungen wach („Lasst tausend Blumen blühen!") und empfahl die Rückbesinnung auf die Wurzeln der Freien Szene im Revier. Erstaunlich sein Bekenntnis, dass die Konkurrenz der seinerzeit erblühenden Subkultur - wie sie sich damals noch nannte - ihn in seinem früheren Amt geschmerzt habe. Und sympathisch sein Hinweis, dass Dezentralität gerade im Revier ein wichtiger kultureller Faktor sei, den die Freie Szene nicht preisgeben dürfe.
Höchst unsympathisch hingegen der hemdsärmelige, effekthascherische Vortrag des taz-NRW-Kulturchefs Peter Ortmann: gelungene Bonmots die Menge und entsprechend viele Lacher, aber ausgesprochen deplaciert zur Einstimmung auf eine Veranstaltung, bei der es darum ging, den frischen Schwung in der Freien Szene voranzutreiben, den die Nominierung des Reviers zur Kulturhauptstadt auch unter die kleinen Leute der Basiskultur gebracht hat. Ihm schien es vor allem darum zu gehen, Hoffnungen zu zerstören, Erwartungen als naiv zu demaskieren und seinen „Defätismus" eitel zur Schau zu stellen. Es stimmt zwar, was er sagt: „Die einen ziehen wieder nur die Kohle ab, während die anderen höchstens mal im Stollen übernachten dürfen." Aber es hätte mir besser gefallen, wenn Ortmann aus dieser Übernachtungsgelegenheit unter Tage die Vision entwickelt hätte, ein rauschendes Fest zu feiern. Immerhin einen Satz will ich ihm gutschreiben: „Vielleicht irre ich mich." Und hinzufügen: hoffentlich! (Um eine Antwort nie verlegen, nannte er die Inanspruchnahme des WAZ-Vertriebs durch seinen Arbeitgeber taz „Avantgarde". Auch das trug ihm Lacher ein. Mir blieb zugegeben das Lachen im Halse stecken!)
Wer nun glaubte, damit sei das Tal der Tränen durchschritten, wurde durch den Vortrag der von Fernseh- und sonstigen Kameras umschwärmten Programmdirektorin für das Themenfeld „Stadt der Kulturen", Asli Sevindim, eines Besseren belehrt. Sie hielt, scharfzüngig und brillant, aalglatt und zugleich in herzhafter Sprödigkeit, dem versammelten Auditorium eine gnadenlose Standpauke und erinnerte mich dabei über weite Strecken an eine rohrstockbewaffnete Lehrerin in einem katholischen Mädcheninternat. Dass sie von ihrem ursprünglichen Thema - „Ideen zur Partizipation am Beispiel der Migrationsmilieus" - abweichen werde, begründete sie mit dem im Tonfall eines Vorwurfs angebrachten Hinweis, dass sie nur knapp fünf Migranten unter den Anwesenden ausgemacht habe! Fast versank ich vor Scham im Boden: Hatte ich gar einen türkischen Mitbürger an der Teilnahme gehindert? Aber wann und wo und wie und wodurch und warum?
Tatsache bleibt: Für die (jetzt sind's nur noch) fast 400 Projekt-Einreicher gibt es keine Aussicht, demnächst einmal zu erfahren, ob sie sich weiter Hoffnungen machen dürfen, im „Projektpool" die Nase über Wasser zu behalten. Tatsache bleibt, dass Jürgen Fischers Standardbrief bei allen Einreichern die Erwartung weckte, recht bald einmal nach der Ingangsetzung der Büromaschine an der Essener Brunnenstraße ein wie immer geartetes Feedback zu erhalten. Tatsache bleibt, dass dies eine miserable Kommunikationspolitik des Kulturhauptstadt-Büros ist, Arbeitsüberlastung hin oder her.
Wenn Asli Sevindim allen Ernstes behauptet, die bei ihrem neuen Arbeitgeber eingetroffenen, erfreulich vielen, egal ob guten oder schlechten, kreativen oder abstrusen Ideen zur Teilhabe seien „unverlangt" ins Haus geschneit, dann kennt sie vermutlich den Flyer nicht, der im Herbst vorigen Jahres unter der Fanfare „Es geht los!" massenhaft unters Volk gestreut wurde und (erfreulicherweise!) jene Lawine von Projektvorschlägen ausgelöst hat, unter der nun sie und das Projektbüro mit seinen ach so bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten begraben werden. Eine der lauteren Zwischenüberschriften kündigte ein „Dialogisches Verfahren" im Umgang mit den Einreichern an - nur ist von Dialog bisher bedauerlicherweise nichts zu spüren - was auch in den zahlreichen Interventionen auf Sevindims Levitenleserei treffsicher zum Ausdruck gebracht wurde: Die Teilhabewilligen fühlen sich veräppelt; und das, wie ich meine, mit Fug und Recht.
Angriff ist die beste Form der Verteidigung. Das scheint mir Asli Sevindims Maxime bei der Vorbereitung ihres Statements zu dieser Veranstaltung gewesen zu sein. Als Schachspieler kenne ich aber auch die Regel, dass man sich bei einer solchen beherzten Offensive keine Blößen geben darf. Die Lücken in der Bauernkette und die ungedeckten Figuren sind in der Aufstellung der frisch bestellten Direktorin aber leicht zu erkennen. Heute Abend, so verkündet sie uns empathisch, sei sie vorbildlich basisnah als Eintrittskartenverkäuferin in einem Duisburger Theaterprojekt verpflichtet ... oder habe ich mir das nur eingebildet? Kann es denn sein, dass uns eine Hauptverantwortliche der Verwirklichung dieses großen, erhabenen und erhebenden Traums, der nun auf das Logokürzel RUHR.2010 zurechtgestutzt wurde, mit ihren Nebenverpflichtungen in den Ohren liegt? Nein, wir brauchen Akteure, die sich mit aller Kraft in die Sache stürzen und - verdammt noch mal - die Zeit finden, 400 Projektvorschläge so bald wie möglich auf eine menschliche, anerkennende Weise zu bescheiden, und sei's mit einer begründeten Absage.
Stattdessen erfahren wir von der eloquenten Rednerin auf dem Podium, manche der eingereichten Vorschläge seien so grottenschlecht ausformuliert, dass sie „Pickel davon gekriegt" habe nur schon vom Lesen. Das ist der rechte Sprachduktus, um den Keil ein schmerzvolles Stückchen weiter zu treiben, der die Hochkultur von der Freien Szene abspaltet und aus der Kulturhauptstadt 2010 im Revier am Ende zwei Veranstaltungen machen könnte: eine für die bequeme Loge und eine andere für die Stehplätze im Parterre.
Gerade dies gilt es aber unbedingt zu verhindern. Und dazu war der Nachmittag auf Zeche Carl ein nicht genug zu lobender Beitrag. Das Beste nämlich kam erst nach der Pause: Die überaus anregende, Mut machende und vor Vitalität unserer Heimatregion sprühende Präsentation von 13 ausgewählten Projektvorschlägen.
Die will der Revierflaneur aber nun zum Abschluss an seinen zugegebenermaßen giftigen Beitrag nicht summarisch präsentieren. Jeder einzelne verdient es, dass ihm ungeteilte Aufmerksamkeit widerfährt. (Demnächst mehr in diesem Theater. Eintritt frei, Kartenverkäuferin insofern nicht erforderlich.)
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Wie hier schon erwähnt, war ich am vergangenen Donnerstag im Fernsehen, um zur Logo-Diskussion rund um das Community-Logo der Ruhr.2010 GmbH der Kulturhauptstadt Europas meine Meinung bzw. die M... weiter
#1 von Pottblog am 06.05.07 um 18:12