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Appuis-livres (XV)

Ein lesenswerter Leseverführer

Druckfrisch ist das schmale Bändchen zwar nicht, das ich heute dem Entdeckungsreisenden zu exotischen Gestaden der Literatur ans Herz legen möchte. Es erschien schon 2001 und versammelt zudem Kolumnen, die zuvor bereits (vom Februar 1996 bis zum August 2000) in der Kulturzeitschrift du erschienen waren. Aber es ist ja ohnehin bekanntlich ein naiver Leserglaube, dass das jeweils Neueste auf dem Buchmarkt, dessen Wert noch nicht geprüft ist, mit dem beständig Besten der vergangenen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte ernsthaft konkurrieren könnte.

 

Nach einem Selbstbekenntnis von Robert Walser („Ich war so hübsch, so schön beiseit.") nennt der Schweizer Literaturkritiker und Übersetzer Werner Morlang, der mir zuerst durch seine Monographie über Hanny Fries und Ludwig Hohl aufgefallen war, seine Sammlung von Kurzporträts literarischer Außenseiter So schön beiseit. Die Gründe für diese Abseitigkeit, das Übersehen und Vergessen jener rund 50 Autoren sind so vielfältig wie das Leben selbst. Mal waren es unglückliche biographische Umstände, mal unzeitgemäße Ausdrucksformen, mal lag es am verlegerischen Ungeschick, dass der verdiente Erfolg sich nicht einstellte.

 

Morlang gelingt es auf jeweils nur vier Buchseiten, Neugier zu wecken für jeden einzelnen dieser 50 Porträtierten und ihr Werk. Sein Rezept ist dabei ganz simpel. Auf eine Kurzbiographie folgt ein knapper Blick auf das Gesamtwerk. Und dann wird die eigentliche Glanzleistung des Autors ins Licht gestellt, sein Meisterstück, mit dem er sich die Aufnahme in diesen Olymp der Verkannten und Vergessenen verdient hat.

 

Obwohl ich mich schon immer gerade für die Exzentriker der schreibenden Zunft interessiert habe und Peter Altenberg, Sébastien Nicolas Chamfort, Omar Khayyám, Hans Lebert, John Cowper Powys, José Maria Eça de Queiroz, Juan Rulfo, Rahel Sanzara, Italo Svevo und Unica Zürn in meiner Bibliothek Ehrenplätze einnehmen, waren Morlangs konzise Ausführungen über sie für mich sehr lesenswert. Erst recht aber lohnte sich die Lektüre, weil ich etliche Namen zum allerersten Male las - und nun weit mehr mit ihnen verbinde, als mir etwa ein Literaturlexikon hätte vermitteln können.

 

Dabei ist der Horizont dieses literarischen Universums von keinerlei erkennbaren Vorlieben begrenzt. Morlang beschränkt sich nicht auf Epochen, Kulturräume oder Gattungen. Das Kopfkissenbuch der Sei Shonagon aus dem Jahr 1000 n. Chr. findet ebenso Aufnahme in diesen Kanon wie Nathanael Wests Roman Miss Lonelyhearts aus dem Jahr 1933 oder die hundert Jahre alte Lyrik der völlig verschollenen Gertrud Pfander, deren Passifloren selbst antiquarisch schwer zu beschaffen sind und die bislang noch nicht einmal in die Wikipedia Eingang gefunden hat.

 

Die übrigen Heldinnen und Helden dieses Kuriositätenkabinetts heißen, in alphabetischer Reihenfolge: Victor Auburtin, Steen Steensen Blicher, Emmanuel Bove, Lena Christ, Charles-Albert Cingra, Dominique-Vivant Denon, Leonid Dobytschin, David Goodis, Hermann Grab, Henry Green, Karl von Holtei, Yasushi Inoue, Jean Paul, Wenedikt Jerofejew, Eduard von Keyserling, Robert Lax, Marcel Lévy, Arthur Machen, Xavier de Maistre, Edgar Lee Masters, Horace McCoy, Gerhard Meier [Günter Landsberger wird es freuen], Johann Wilhelm Meinhold, Thomas Love Peacock, Thomas Platter, Antonio Porchia, Umberto Saba, Saint-Évremond, Anna Seghers, Jan Jacob Slauerhoff, Fjodor Sologub, Alfonsina Storni, Ruth Tassoni, Federigo Tozzi, Hermann Ungar, Christian Wagner und Ludwig Winder.

 

Für alle literarischen Fährtensucher abseits der ausgetretenen Pfade des aktuellen Bestsellergeschäfts ist dieses Buch ein heißer Tipp. - Werner Morlang: So schön beiseit. Sonderlinge und Sonderfälle der Weltliteratur. Zürich: Nagel & Kimche, 2001.

 

[Für den Hinweis auf das besprochene Buch danke ich Karoline Dörnemann von Herzen.]

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1 Kommentar

Mich freut es tatsächlich. Endlich wird Gerhard Meier angemessen gewürdigt.
Aber auch andere gute Bekannte und Vertraute finde ich in der Liste wieder.
Omar Khayyám und ein paar andere kenne ich allerdings durch eigene Lektüre nicht.

#1 von Günter Landsberger am 09.07.08 um 12:05

 

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