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Appuis-livres (II)

Frank Müller: „ß“

„Ein Buchstabe wird vermisst.“ So lautet der Untertitel, den der Autor, ein Frankfurter Germanist, Journalist und Werbetexter, seinem jüngst bei Eichborn erschienenen Abgesang auf eine typisch deutsche Letter gegeben hat. Dass man nicht weniger als 150 Druckseiten über einen einzigen Buchstaben zu Papier bringen kann, das mag zunächst verwundern und manchem weniger an Sprache und ihrem schriftlichen Ausdruck interessierten Leser gar etwas wunderlich vorkommen. Was Frank Müller aus diesem scheinbar so begrenzten, sehr speziellen Thema gemacht hat, erweist sich bei der Lektüre jedoch als ein kleines Wunder.

 

Bevor ich dieses Buch las, bildete ich mir ein, nahezu alles über den sonderbaren Buchstaben zu wissen, den es ausschließlich in der klein geschriebenen Version gibt. Mein Familienname legte mir ja nahe, mich eingehender mit ihm zu beschäftigen. Ob ich nun eigentlich Heßling oder Hessling heiße, das habe ich bis heute nicht mit letzter Sicherheit herausfinden können. In allen aussagefähigen Dokumenten, Taufbüchern und standesamtlichen Eintragungen, Ausweisen und Briefen meiner Vorfahren kommen beide Schreibweisen vor. Anfangs fand ich es lästig, auf die Frage, ob ich mich nun mit „ß“ oder „ss“ schreibe, keine zuverlässige Antwort geben zu können. Irgendwann entdeckte ich dann aber den besonderen Reiz dieser Ambivalenz. Entsprach sie nicht meinem janusköpfigen Charakter?

 

Nachdem ich nun das Buch von Frank Müller gelesen habe, muss ich eingestehen, dass mein Wissen über das „ß“ dennoch bisher nur ein sehr oberflächliches war. Was der Autor über die Herkunft des ß als Ligatur in der Frakturschrift, über sein Aussterben in der deutschsprachigen Schweiz, über sein trauriges Schicksal seit der letzten Rechtschreibreform und über die Karriere der Eszet-Schnitte herausgefunden hat, ist überaus lesenswert, erhellend und erheiternd.

 

Als gelegentlicher Leser der Neuen Zürcher Zeitung wusste ich zum Beispiel zwar längst, dass es in der Eidgenossenschaft kein „ß“ gibt und man dort nur aus dem jeweiligen Kontext erschließen kann, ob man es nun mit „Maßen“ oder „Massen“ zu tun hat. Dass das aber nicht immer so war, vielmehr das „ß“ in der Schweiz erst Anfang des vorigen Jahrhunderts abgeschafft wurde; und dass es zu den Gründen dieser Eliminierung mehrere konkurrierende Erklärungsversuche gibt – das habe ich erst aus Müllers Buch erfahren.

 

Frank Müller streitet mit heiligem Furor und bestechenden Argumenten gegen die Abschaffung des „ß“ – als ginge es darum, eine bedrohte Tierart vor dem Aussterben zu retten, mit deren endgültigem Verschwinden unser ganzes Ökosystem unwiderruflich ins Rutschen geriete. Die partielle Beseitigung dieses Buchstabens durch die Rechtschreibreform, „Kuß“ wurde zu „Kuss“, wertet er als ersten Schritt in den Untergang, der so schnell wie möglich rückgängig gemacht werden müsse.

 

Im Gegenteil sollte endlich der 27. Buchstabe des deutschen Alphabets in den Rang einer vollwertigen Letter erhoben werden, indem sich die Schriftgestalter recht bald einmal auf eine verbindliche Form des Großbuchstabens (Majuskel) für das „ß“ einigen. Zahlreiche Entwürfe hierfür gibt es schon lange. Zufällig meldet gerade heute die Süddeutsche Zeitung, dass am Freitag vergangener Woche „das Unicode-Konsortium die Aufnahme des ,Latin capital sharp s for German‘, also des versalen Eszett (ß) in den Unicode mitgeteilt“ habe.

 

Ich könnte nun Frank Müllers Kampfschrift für das „ß“ nahezu ohne Einschränkung jedem empfehlen, dem es Spaß macht, sich mit einem so speziellen und doch gleichzeitig so facettenreichen Thema eingehend zu befassen. Es liest sich flott, seine Abschweifungen sind überwiegend amüsant und lehrreich. Was mir allerdings negativ auffiel: dass Müller die von ihm erwähnten Quellen nicht ordentlich zitiert und das Buch leider auch auf ein Literaturverzeichnis verzichtet.

 

Und nun entdecke ich, nachdem ich diesen Beitrag so gut wie fertig habe, dass es Müllers „ß“ im Buchhandel gar nicht mehr gibt. Durch den heutigen SZ-Artikel war ich nämlich auf die Internet-Seite des Signographischen Instituts von Andreas Stötzner aufmerksam geworden. Der Typograf Stötzner, Herausgeber und Autor der Zeitschrift SIGNA, wird bei Müller (S. 143 et al.) im Wortlaut zitiert – allerdings ohne dass diese Zitate kenntlich kenntlich gemacht sind. Daraufhin hat Stötzner beim Eichborn-Verlag über seinen Anwalt die Rücknahme des Titels aus dem Buchhandel erwirkt.

 

Nun wird also nicht nur ein Buchstabe, sondern ein ganzes Buch vermisst. Das ist für alle, die ich vielleicht neugierig gemacht habe, sehr bedauerlich. Der Vorwurf des Dilettantismus, den man den Buchmachern kaum ersparen kann, trifft vermutlich weniger den Autor als seinen Verlag. Eichborn ist ja kein Neuling im Buchmarkt und hat eine eigene Rechtsabteilung, die den Verlag vor einem solchen Fauxpas bewahren müsste. Es bleibt beim jetzigen Stand der Dinge leider nur zu hoffen, dass recht bald eine verbesserte, rechtskonforme Neuauflage von „ß“ erscheint. Wenn nicht, dann wäre das wirklich Scheisse … pardon: Scheiße.

 

Nachbemerkung kurz vor zwölf: Nachdem ich jetzt noch ein Stündchen im Internet gesurft und mich eingehender mit der Plagiatsaffäre um Müllers Buch befasst habe, komme ich zu dem Schluss, dass dieses Buch wohl rettungslos verloren ist. Allein die Arg- und Schamlosigkeit, mit der der Autor passagenweise Wort für Wort aus dem Buch Falsch ist richtig des bekannten Rechtschreibreform-Gegners Theodor Ickler abgeschrieben hat, ist so peinlich und daneben, dass man sich eine Neuauflage gar nicht mehr wünschen mag. Zu bedauern ist dies trotzdem, denn durch die Veröffentlichung einer solchen auf den ersten Blick eher „abwegig“ scheinenden Schrift in einem großen Publikumsverlag wie Eichborn bestand die einmalige Chance, das ß-Thema ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit zu heben. Diese Gelegenheit wurde ohne Not verspielt, denn weder Autor noch Verlag hätten sich etwas vergeben, wenn sie die nötigen Anführungszeichen bei den wörtlichen Zitaten gesetzt und in Fußnoten und Literaturhinweisen die wahren Urheber dieser Sätze korrekt ausgewiesen hätten.

 

Hat Frank Müller allen Ernstes darauf vertraut, dass sein so offenkundiger und leicht nachweisbarer Diebstahl geistigen Eigentums unentdeckt und unwidersprochen bleiben würde? Dann müsste man ihm wohl ein gerüttelt Maß Naivität zuschreiben. Zugleich wirft der Fall ein bezeichnendes Licht auf die mangelnde Sorgfalt, mit der heute große und renommierte Verlagshäuser in Deutschland Bücher massenweise auf den Markt werfen. Der Noivitätenhunger des Handels fordert seinen Tribut, die Lektorate sind ständig überfordert und die verlegerische Moral nimmt Schaden.

 

So ordne ich das hier besprochene Bändchen über den vermissten Buchstaben in meiner Bibliothek dann doch nicht unter „Schriftkultur“ ein, wie ursprünglich vorgesehen, sondern in die Rubrik „Indizierte Bücher – Plagiate – Tarnschriften – Rarissima“.

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3 Kommentare

Das EsZett ist also offenbar doch ein "scharfes S", wie ich es anfangs in der Volksschule drei Jahre lang gelernt hatte. -

Buchstabenschwankungen gibt es in meiner großväterlichen Familie Bixner übrigens auch. Manchmal hießen die Vorfahren Pixner. (Beides kommt wohl von Büchsner = Büchsenmacher.)

#1 von Günter Landsberger am 09.04.08 um 13:39

 

Pflegen wir also das zum seltenen Vogel gewordene "ß" fortan zumindest hinter so manchem langen Vokal oder Diphthong, ob nun zum Nies- oder zum Nießnutz!

#2 von Günter Landsberger am 09.04.08 um 13:43

 

diesen schoenen beitrag habe ich mit vergnuegen gelesen. das plagiieren gerade bei mit heisser nadel gestrickten pseudo-wissenschaftlich-populistischen buechern hat allerdings tradition. mit ß oder mit sz - persoenlich habe ich es schon lange abgeschafft; ebenso wie das "ö" und seine vettern;-).

#3 von weltkind am 10.04.08 um 09:32

 

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