
Als regelmäßiger Gast der (architektonisch, akustisch und „programmatisch") exquisiten neuen Essener Philharmonie im alten Saalbau sollte ich mich eigentlich nicht beklagen: Dank leerer Reihen habe ich in aller Regel einen freien Blick aufs musikalische Geschehen - und wenn mir gelegentlich doch mal ein Hüne vor der Nase sitzt, laden mich blickgünstigere freie Plätze zur Rechten und zur Linken zu verstohlenen taktischen Manövern ein. Und doch drängt sich mir die bange Frage auf: Wie lange kann das noch gut gehen?
Am Freitag, dem 13. April - wenn das mal kein schlechtes Omen ist! - stellte Intendant Michael Kaufmann das Programm der vierten Spielzeit seit der Neueröffnung vor. Es lässt auch diesmal kaum Wünsche offen für den an Klassik, Jazz etc. interessierten Liebhaber „anspruchsvoller" Musik. Und die wenig später eintreffende „Jahresvorschau 2007/2008", ein Pfund schwer und fast 300 Seiten stark, ist wie stets informativ und überaus ansprechend gestaltet; kurz: Sie macht einem wie mir starken Appetit, auch künftig die unbestreitbaren Qualitäten dieses noblen Veranstaltungsortes zu genießen.
In der Pressekonferenz am Unglückstag musste Kaufmann leider bekennen, es gelte noch heute, was er zur Eröffnung sagte: „Wir haben unsere Arbeit gemacht, jetzt muss das Publikum nur noch kommen." Und fügte hinzu: „Ich und viele andere auch, wir haben uns das nicht so schwer vorgestellt." Das sind, in nur zwei Sätzen, doch eigentlich gleich zwei Armutszeugnisse. Schon die Erwartung, dass mit der (architektonischen, akustischen und „programmatischen") Etablierung eines vorbildlichen Konzerthauses sein Job getan sei, ist angesichts schrumpfenden Interesses an der „Musik der Hochkultur" mindestens abenteuerlich, wenn nicht gar naiv. Und das Wörtchen „nur" in seinem Statement lässt vermuten, dass Kaufmann keinen rechten Plan hatte und leider noch immer nicht hat, wie er seinem Haus neue, junge Besucherkreise zuführen soll. Mit dieser Abwarten-und-Tee-trinken-Mentalität ist es jedenfalls nicht getan.
Die vielen anderen, die sich „das" angeblich "nicht so schwer" vorgestellt haben wie er - nämlich eine Essener Philharmonie in Konkurrenz zu den konkurrierenden Philharmonien auf Katzensprung-Distanz (etwa in Köln und Dortmund) zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen -, die hätte ich gern namentlich benannt, um sie persönlich befragen zu können, wie sie heute zu ihrem immer offenkundiger werdenden Irrtum stehen. Vielleicht haben sie ja bessere Ideen als Kaufmann, neue zahlende Besucher in die Philharmonie zu locken, dem außer der Programmgestaltung nichts einzufallen scheint: „die richtige Mischung" ist sein Patentrezept, von „Hochkarätern wie dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von James Levine bis zu lokalen Nachwuchskönnern wie dem Essener Jugendsymphonieorchester" (NRZ, Lokalteil Essen v. 14. April).
Hochkaräter und lokale Nachwuchskönner hatten wir schon in den vergangenen drei Spielzeiten erfreulicherweise mehr als genug. Jetzt sind unkonventionelle Ideen gefragt, um neue Besucher zu gewinnen, Schwellenängste abzubauen und insbesondere dem jungen Publikum zu beweisen, wie schön ein Abend in einer Philharmonie sein kann! Und diese Ideen müssen von Kaufmann recht bald einmal kommen - sonst sind (nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung) seine Tage in Essen gezählt.

2 Kommentare
Ein großes Problem sind sicher die Eintrittspreise, bzw. die Vermittlung, dass die Preise nicht so hoch sind, wie man vermuten würde. Natürlich haben große KünstlerInnen ihren Wert und große Orchester zu kriegen ist ganz bestimmt auch nicht billig, aber für den zahlenden Zuschauer ist es halt auch nicht so, dass man problemlos für all die Hockaräter andauernd viel Geld zu bezahlen. Für die anderen, sagen wir mal für den Laien weniger interssante Vorstellungen, ist die Konkurrenzsituation an Veranstaltungen auch hoch.
Ich will damit auf der einen Seite sagen, dass es für die Macher sicher nicht leicht ist, ein solches Haus gefüllt zu kriegen, dass aber bestimmt ein Problem darin besteht, die teilweise günstigen Preise und Angebote auch zu kommunizieren. Wenn ich das Gefühl habe, es lohnt sich gar nicht erst, sich das Programm anzugucken, weil ich es eh nicht bezahlen kann, dann stimmt was nicht. Und das liegt dann nicht nur an mir.
#1 von Christian Scholze am 18.04.07 um 13:48
Die Vermittlung der Tatsache, dass Eintrittspreise in die philharmonische Hochkultur nicht so exorbitant hoch sind, wie viele glauben und fürchten, ist ein, allerdings nur relativ nebensächlicher Grund für die von mir in meinem Beirag zur Sprache gebrachte Kluft zwischen Anspruch (volles Haus) und Wirklichkeit (leere Ränge) am Beispiel der Essener Philharmonie. Hauptthema sollte sein: Wie können wir den jungen Besuchern die Angst vor der Schwelle zu solchen Musentempeln nehmen? Die haben nämlich vor allem Muffensausen, dem "Dresscode" nicht zu genügen. Sie sind eingeschüchtert von der glanzvoll-festlichen Atmosphäre solcher Events - und darum müssen wir (bzw. muss Michael Kaufmann) dafür sorgen, ihnen zu vermitteln, dass offene Ohren auch ohne Frack oder Smoking gut hören und interessante Hörgenüsse erfahren können und dürfen. Keine leichte Aufgabe, zugegeben. Aber eine, an der sich die Frage entscheidet, ob es philharmonische Konzerte in fünfzig Jahren noch geben wird!
#2 von Manuel Heßling am 18.04.07 um 19:18