
Die besten Bücher sind regelmäßig jene, die es nicht mehr gibt; die aus den aktuellen Auslagen der Boulevardbuchhandlungen ebenso spurlos verschwunden sind wie aus den Hochregallagern der Barsortimente; von denen sich nicht einmal in den Archiven der Verlage noch ein paar verstaubte Restexemplare gehalten haben; und die niemand mehr kennt - mit Ausnahme einer kleinen Clique ebenso kenner- wie gönnerhafter Connaisseure, die sich auf ihr esoterisches Wissen um diese Rarissima ebensoviel zugute halten wie auf den Besitz solcher verschollenen, heimlichen Meisterwerke. So auch ich!
Obwohl ich schon in meinem siebten Lebensjahr das Schachspiel erlernt und seither mit größeren Unterbrechungen immer wieder leidenschaftlich Schach gespielt habe, bin ich kein auch nur halbwegs ernst zu nehmender Gegner für jemanden, der fleißig die Anfangsgründe der Eröffnungstheorie und die Lehre vom konsequenten Endspiel studiert hat. Aber meine Kenntnisse des „königlichen Spiels" gehen doch immerhin weit genug, um eine Meisterpartie - wie eine musikalische Partitur von Bach oder einen geometrischen Beweis von Euklid - würdigen zu können.
Nachdem Ende vorigen Jahres der amtierende Schachweltmeister Wladimir Kramnik in der Bonner Bundeskunsthalle gegen den Computer Deep Fritz 2 : 4 verloren hat, glaubte mancher der dort versammelten Kommentatoren, nun den Tod von Caissa, der Göttin des Schachs verkünden zu müssen. Mit Kramniks Niederlage wurde aber nur deutlich, dass die Konkurrenz Mensch gegen Maschine eine Sackgasse - und dass das Spiel Mensch gegen Mensch auf den 64 Feldern weitaus lebendiger, vitaler und inspirierender ist.
Der deutsche Jude Emanuel Lasker, geboren 1868 im preußischen Berlinchen, ein Schwager übrigens der Dichterin Else Lasker-Schüler, war von 1894 bis 1921 Weltmeister im Schach, 27 Jahre lang und damit so lange wie niemand vor und nach ihm bis auf den heutigen Tag. Der österreichische Schriftsteller und Journalist Jacques Hannak hat die Lebensgeschichte dieses in vielfacher Hinsicht außergewöhnlichen Menschen in seiner sehr lesenswerten „Biographie eines Schachweltmeisters" nachgezeichnet, die - mit einem Geleitwort von Albert Einstein versehen - erstmals 1952 im Siegfried Engelhardt Verlag in Berlin-Frohnau erschien.
Dieses Buch bietet vielerlei. Zum Beispiel den Beweis, dass Emanuel Lasker von der bis heute gültigen Regel - „Schachspieler mit einer Elo-Zahl über 2700 müssen Fachidioten sein" - die seltene Ausnahme war. Der Psychoanalytiker (und Schachspieler) Reuben Fine hat uns dieses Panoptikum durchgeknallter Schachspezialisten in seinem Buch „Die Psychologie des Schachspielers" (1956; dt. 1982) nahe gebracht. Lasker aber war die rühmliche und bis heute eigentlich unverständliche, weil wohl tatsächlich geniale Ausnahme. Neben seiner souveränen Beherrschung des Schachspiels beschäftigte er sich noch mit einer Reihe anderer Gegenstände: „er lehrte Mathematik, schrieb über Philosophie, erfand im Ersten Weltkrieg eine Art von Panzer, verfasste eine Enzyklopädie der Spiele und ein Werk über Brettspiele und beschäftigte sich gegen Ende seines Lebens (...) sogar noch mit sozialreformerischen Plänen." Und mehr noch: Reuben Fine unterschlägt an dieser Stelle, dass Lasker zudem ein ausgesprochen interessantes, leider vergessenes Brettspiel („Laska") erfunden, sich zeitweise intensiv mit dem japanischen, dem Schach mindestens ebenbürtigen Brettspiel Go beschäftigt und das komplexeste aller Kartenspiele, Bridge, gründlich untersucht hat.
Ein Spieler? Weit mehr als das war Lasker, der am 11. Januar 1941 in New York starb. Auch ein sympathischer Mensch voller Kauzigkeiten und kleinen Schwächen, die Hannak in vielen amüsanten Anekdoten vorführt. Der Schachunkundige wird die über hundert kommentierten Partien überblättern und dennoch großen Gewinn aus der Lektüre dieses Buches ziehen. Für alle leidenschaftlichen „Schachspieler" ist das Buch aber erst recht eine Kostbarkeit.
(Kleine Abschweifung des Revierflaneurs. Mein Bild unten zeigt die Situation nach dem 29. Zug von Lasker mit den schwarzen Figuren in der dritten Partie seines legendären Wettkampfs gegen Frank J. Marshall, gespielt in New York vor fast genau hundert Jahren. Lasker hat soeben den Springer von f6 auf e4 gezogen - was ein Fehler war, obwohl alle zeitgenössischen Kommentatoren diesen Zug mit einem oder zwei Ausrufungszeichen versahen. Und doch war er schlecht, wie eine tiefere Analyse zeigt. Einzig richtig wäre der Bauernzug g7-g6 gewesen. Trotzdem aber rettet Lasker nach der ausgezeichneten Antwort von Marshall: 30. Se5xf7! die trostlose Lage mit dem noch ausgezeichneteren Gegenzug Tc7xf7! Das nennt man: „aus der Not eine Tugend machen". Lasker gewann die Partie und den Wettkampf.)
Lasst die trostlos leblosen, schrecklich erbarmungslosen Maschinen zukünftig nur noch gegen ihresgleichen, gegen andere Maschinen spielen! Und lasst den gegen lebendige, fleischliche, sterbliche Gegner Schach spielenden Menschen (und den ihnen dabei zusehenden und mitleidenden „Kiebitzen") ihren Spaß!


10 Kommentare
Ich stimme dem Revierflaneur voll und ganz zu: Das Spiel mit/gegen einen Computer ist seelenlos und damit letztlich auch freudlos. Und das sage ich nicht (nur), weil ich gegen meinen Mephisto-Schachcomputer auf jeder Spielstufe (jenseits der acht Anfängerstufen) meistens verloren habe. Auch jedes andere Computerspiel leidet unter der Abwesenheit eines fleischlichen Gegenübers. Und da hilft es auch nicht, wenn man (so wie ich) seinem Schachcomputer einen Namen gibt und ihm menschliche Züge und Absichten unterstellt.
Vielleicht bin ich in diesem Punkt eher "old school", aber es geht doch nichts über die Schadenfreude, Häme und Lebendigkeit (und kathartischen Wirkung)z. B. einer "Mensche ärgere dich nicht"-Partie mit Freunden/Lieblingsfeinden etc.
#1 von BiKe am 16.04.07 um 19:09
Das Buch gibt es schon ab 30 Euro. Aber ich blättere lieber in meinem Aljechin.
#2 von Thomas Lau am 16.04.07 um 19:33
@ BiKe: Wann spielen wir mal ein ganz konkretes, fleischliches, leibhaftiges Partiechen gegeneinander?
@ Thomas Lau: dass es das Buch für ne kleine Mark antiquarisch zu kaufen gibt, spricht aber noch nicht gegen Lasker und für Aljechin (welches Buch von Letzterem ist denn übrigens gemeint?).
#3 von Manuel Heßling am 16.04.07 um 20:20
Weiß nicht genau, muß ich erst zuhause nachschauen, entweder irgend ne WM oder Aljechin: Meine besten Partien 1908-1928
#4 von Thomas Lau am 17.04.07 um 10:24
@ Thomas Lau: Ich tippe auf Aljechins Turnierbuch zu New York 1924, über das es in Hannaks Lasker-Biographie (S. 198) heißt: "Es ist das beste Buch, das aus der erfolgreichen Schriftsteller-Hand Aljechins hervorgegangen ist, und wer wirklich bis in die geheimsten Kammern des Schachdenkens eindringende Partieglossen studieren will, wird zu diesem Buch Aljechins greifen müssen." Und wer hat New York 1924 gewonnen? Lasker, obwohl er da schon 55 Jahre alt war. Der mit 33 Jahren noch verhältnismäßig jugendfrische Russe kam (nach Capablanca) nur auf Platz 3. Übrigens darf man durchaus auch mehr als nur ein Schachbuch haben!
#5 von Manuel Heßling am 17.04.07 um 17:00
Ich bin ja mehr so der Bobby Fischer Typ
#6 von Matt Black am 17.04.07 um 17:25
@ Matt Black - Dann hier auch für Sie eine Buchempfehlung. Dagobert Kohlmeyer: "Duell in den Wolken". Schach-WM Kasparow - Anand New York. 11. September (!) 1995 bis 13. Oktober 1995. Berlin und Fürstenwalde: Verlag Bock & Kübler, 1995. Das Match wurde auf den Tag genau sechs Jahre vor dem Anschlag aufs WTC in dessen 107. Etage eröffnet, kurz nach dem ersten Bombenanschlag in der Tiefgarage. Es gibt in diesem Buch ein Farbfoto, auf dem New Yorks damaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani, stellvertretend für den anziehenden Inder Anand, für die Kameraleute den ersten Zug ausführt: c2-c4 (auf dem Bild genau zu erkennen). Anand wollte aber, obligatorisch für ihn, mit e2-e4 eröffnen, und Giulianis Fehlzug wurde umgehend revidiert.(Auch so eine nette antiquarische Kuriosität in meiner ach so skurrilen Bibliothek.)
#7 von Manuel Heßling am 17.04.07 um 21:16
Okay, ich sehe ein, dass mein Kommentar noch etwas erklärungsbedürftig ist. Was hat das mit Bobby F. zu tun? Ganz einfach: Der Held von Reykjavik hatte nämlich am Tag des WTC-Anschlags nichts besseres zu tun, als in seinem japanischen Exil zum Telefon zu greifen und einem Journalisten in den USA seine überschwängliche Freude über den Tod 3000 unschuldiger Menschen aufs Band zu sprechen. Anschließend forderten die USA seine Auslieferung und er entkam nur knapp nach Island. Fishers Schach mag noch so genial gewesen sein - moralisch ist er für mich (ganz im Gegensatz zu Lasker) ein armer, mickriger Wurm.
#8 von Manuel Heßling am 17.04.07 um 21:26
Richtig getippt, Herr Heßling: Das Grossmeister-Turnier New York 1924.
#9 von Thomas Lau am 19.04.07 um 10:10
Lieber Revierflaneur, wir können bei Gelegenheit gerne mal eine Partie miteinander spielen, allerdings bin ich wirklich ein grottenschlechter Spieler - auch wenn ich in jungen Jahren vor sehr langer Zeit das Bauern- und Turmdiplom rechtmäßig erworben habe. Zum Königsdiplom hat es dann aber nicht mehr gereicht - soviel zu meiner Spielstärke, aber wenn Sie mehr auf "Blitzschach" stehen, bin ich genau der richtige Spielpartner - Sie werden mich nämlich blitzschnell Schachmatt setzen.
#10 von BiKe am 19.04.07 um 21:32