
Manche Graffiti laden zum Spekulieren ein. Was wollte der Sprayer uns ursprünglich mitteilen, bevor er von einem ausgeschlafenen Nachtwächter oder Bahnpolizisten an der Fertigstellung seines „Kunst-am-Bau"- bzw. „Art-on-Wagon"-Werkes gehindert wurde? Weit ist der Fassadenmaler im hier vom Limbecker Platz in Essen dokumentierten Fall jedenfalls nicht gekommen, wenngleich hoch hinaus; und wenn uns schon die Differenziertheit seiner Mitteilung keinen sonderlichen Respekt abnötigt, dann doch immerhin seine Risikobereitschaft.
Wie ist er da bloß raufgekommen? Hat er sich, vielleicht versteckt in einer Umkleidekabine, nach Ende der Ladenöffnung einschließen lassen und dann den Weg hinauf gefunden bis zur Spitze des Turms über dem Eingangsportal und schließlich auf dessen Dach? Oder ist er gar als Freeclimber an der Außenwand hochgekraxelt? Wir wissen es nicht und werden es vermutlich nie erfahren.
Fest steht, dass seit seiner wagemutigen Expedition auf der stillosen Aluminiumrotunde nun für einige Zeit noch das Wort Ei zu lesen ist. Allerdings sind die Tage dieses Ei-Graffitos ebenso gezählt wie die der stillosen Rotunde und des nicht ganz so stillosen Hauses. Im Mai 2008 rückt die Abrissbirne an, vier Jahre vor seinem 100. Geburtstag muss ein weiteres Dokument Essener Baugeschichte einer kommerziellen „Vision" weichen: dem „größten Innenstadt-Shoppingcenter Deutschlands" - oder gar dem „größten Einkaufscenter in ganz Europa"? Die Quellen überbieten sich in Superlativen.
Der Architekt Wilhelm Kreis, der 1911-12 im Auftrag des Dülmener Einzelhändlers und Warenhauspioniers Theodor Althoff am Limbecker Platz diesen für damalige Verhältnisse äußerst imposanten Bau errichtete, im Volksmund bald „die Warenburg" genannt, ist mir ehrlich gesagt nicht sonderlich sympathisch. Weder seine Serienproduktion von Bismarck-Denkmälern nach seinem Masterplan „Götterdämmerung" (1899-1912) noch seine eifrige Tätigkeit als Generalbauinspektor unter Albert Speer (1940 bis zum Schluss) können mich für ihn einnehmen. Überdies stehen noch sattsam genug Wilhelm-Kreis-Bauten hier in der Gegend herum, etwa das Haus der Emschergenossenschaft an der Kronprinzenstraße in Essen (1908-10), das Rathaus von Herne (1911-12) und ein Sparkassengebäude am Bochumer Dr.-Ruer-Platz (1928-29). Was spricht also dagegen, das Essener Althoff-Haus (seit 1920 Karstadt-Haus) abzureißen?
Zumal der Klotz am „Limbecker" in seinem heutigen Erscheinungsbild nicht eben unseren Augen schmeichelt: verdreckt, heruntergekommen, durch unsägliche zweckfunktionale Anbauten verunstaltet - ein geschändetes Monstrum. Und doch! Für viele Essener ist die „Warenburg" Karstadt eins der nicht mehr allzu vielen Wahrzeichen ihrer Identifikation mit ihrer Heimatstadt, wie das Glockenspiel von Deiter, die Lichtburg und das Baedekerhaus an der Kettwiger Straße; wie der Grugaturm, die Alte Synagoge oder die Villa Hügel. An die Stelle dieses baulichen Signals für großstädtische Heimatempfindung tritt nun ein zwar imposantes, gigantisches, um nicht zu sagen: megalomanisches Architekturensemble, das aber in seiner Beliebigkeit ebenso gut in Singapur, Sao Paolo oder Sydney positioniert werden könnte. Das geplante Bau-Monster, dessen schwungvolle Linie an den überm Lüftungsschacht flatternden Rock von Marilyn Monroe („Das verflixte 7. Jahr") erinnern soll, wird dem Bekunden der Planer zufolge dem Ruhrgebiet "Weltstadtflair" verleihen.
Zunächst einmal wird es aber nach meiner (und nicht nur meiner) Einschätzung zu einer weiteren Verödung der Essener Innenstadt beitragen. Die Kettwiger Straße wird nach 2010 ähnlich traurig aussehen, wie die Viehofer Straße schon längst. Es wäre immerhin eine architektonische Herausforderung mit allerdings höheren Ansprüchen gewesen, den alten Bau von Wilhelm Kreis in eine zeitgemäße Neubauplanung einzubeziehen und ihm bei dieser günstigen Gelegenheit, als „historische Perle" und „Objekt der Erinnerung", zu neuer Geltung und neuem Glanz zu verhelfen. So aber globalisiert sich meine Heimatstadt wieder ein Stück näher in Richtung Beliebigkeit.
Was wollte also der anonyme Sprayer aufs Dach des Karstadtturms schreiben, bevor er unterbrochen wurde? Vielleicht: „Eigentlich schade!" Vielleicht auch: „Ein Skandal!"

1 Trackback
After reading this post, I am not sure I understand what you are trying to relate. Please expand on your thoughts a little more. Thanks weiter
#1 von add man url ware am 11.08.08 um 15:07