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Kulturhauptstadt-Logos (II)

Osterlogelei

Das Thema „Kulturhauptstadt-Logo(s)" ist wesentlich vielschichtiger, interessanter und insofern auch ergiebiger, als ich‘s mir beim Schreiben meines ersten Blogs hierüber habe träumen lassen. Durch den Kommentar von Djure Meinen wurde ich auf eine wild wuchernde Diskussion aufmerksam, die zurzeit hauptsächlich bei blog.50hz.de, pottblog und gelsenclan ausgetragen wird. Geplant ist sogar ein Brief zum Thema an Fritz Pleitgen - und wenn Blogger schon ins steinzeitliche Briefeschreiben zurückfallen, dann muss ich mich fragen: Was geht denn hier ab? (Die Post an Pleitgen soll übrigens direkt nach Ostern abgehen.)

 

Noch mal kurz der Hintergrund. Vor gut drei Wochen stellten die Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, das neue Corporate Design der Kulturhauptstadt Europas 2010 der Öffentlichkeit vor.

 

Ab sofort ist erstens das bisherige, bunte, schon gut eingeführte Logo („Fähnchen-Motiv") der alleinigen Verwendung durch die RUHR.2010 GmbH vorbehalten und wird ausschließlich zur Kennzeichnung von Veranstaltungen und Aktionen genutzt, die zum (offiziellen) Kulturhauptstadt-Programm der RUHR.2010 gehören. Der bisherige Schriftzug „ESSEN FÜR DAS RUHRGEBIET Kulturhauptstadt Europas 2010" wird ersetzt durch „RUHR.2010 Kulturhauptstadt Europas" (sog. Dachmarken-Logo), für die Nutzung von Stadtverwaltungen ergänzt um den Namen der Stadt, also z. B. „UNNA Ruhr.2010 Kulturhauptstadt Europas" (sog. Städte-Logo).

 

Und zweitens gibt es jetzt ein sog. Community-Logo für alle anderen Institutionen, Unterstützer oder einfach „Interessierten", die damit kostenlos ihre Unterstützung und ihr Commitment zum Ausdruck bringen dürfen - so sie denn einen zweiseitigen Antrag einreichen, in dem sie erklären, in welchem Zusammenhang und auf welchen Werbeträgern sie das Logo verwenden wollen. Dieses Logo ist eine vergleichsweise schlichte, dreifarbige Wortmarke „RUHR.2010 Kulturhauptstadt Europas", in schwarz-grau-blau (und auch in der englischsprachigen Variante „RUHR.2010 European Capital of Culture" zu haben). Der Antragsteller verpflichtet sich gleichzeitig zur Einhaltung der vierseitigen „Allgemeinen Nutzungsbedingungen".

 

Dieses auf den ersten Blick unverdächtige, wenngleich ziemlich bürokratisch anmutende Regelwerk hat nun in den genannten Blogs für eine ganze Reihe von Fragen, Einwänden, Irritationen und Spötteleien gesorgt - mit einem Wort: für Stunk! Ich geh's mal der Reihe nach durch:

 

1. Warum muss es - mit dem neuen Community-Logo - ein „Logo zweiter Klasse" geben? Als Antwort der Verantwortlichen stelle ich mir vor: Damit nicht jede Pommesbude sich mit fremden Fahnen (bzw. dem „Fähnchen-Motiv") schmücken kann und für seinen Reibach von der Kultur schmarotzt. Andererseits: Gerade manche Pommesbude ist ja doch wohl, auf sehr liebenswerte Weise, ein ausgesprochen typisches Beispiel für die hiesige (Ess-)Kultur, oder?

 

2. Warum wurde der ursprüngliche Begriff „Ruhrgebiet" zu „Ruhr" eingeschrumpft? Die überzeugendsten Argumente (Kürze, damit Prägnanz und internationale Verständlichkeit) liegen ja auf der Hand. Was ich nicht wusste und staunend zur Kenntnis nahm: dass Norbert Lammert dies mit den unschönen Konnotationen bei Wörtern auf „-gebiet" begründete, wegen Krisen-, Notstands- oder Überschwemmungsgebiet. Ich bin schon etwas erstaunt, dass unser Bundestagspräsident offenbar ein notorischer Schwarzseher ist. Mir fallen zu „-gebiet" nur positive Komposita ein, wie etwa Waldgebiet, Quellgebiet, Küstengebiet, Wohngebiet, Naturschutzgebiet usw. Sehr witzig fand ich in diesem Zusammenhang auch den Kommentar von Schmuslune, die (oder der?) daran erinnerte, dass auch „Ruhr" nicht frei von unschönen Konnotationen ist, da mit diesem Wort nicht nur der Fluss, sondern auch die gefährliche Seuche (Dysenterie) bezeichnet wird.

 

3. Warum muss selbst um die Sparversion des Community-Logos solch ein Antrags-Brimborium im juristischen Kauderwelsch veranstaltet werden, mit Androhung einer Vertragsstrafe zumal? Tja, darauf fällt mir ehrlich gesagt auch keine plausible Antwort mehr ein. Allenfalls der Dadaist, Hochstapler und Flaneur Dr. Walter Serner und dessen Habilitation unter dem dadaistischen Titel: „Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache". Ich sehe hier auch die Gefahr, dass juristische Regelungswut jede Initiative, jede Kreativität und jede Spontaneität, wie so oft, im Keim erstickt. Dass die Blogger Djure und Jens diese Erstickungsgefahr frühzeitig erkannt haben und Fritz Pleitgen per offenem Brief bitten wollen, über das Procedere noch einmal nachzudenken, ist aller Ehren wert und ein schönes Beispiel für die kritische Sensibilität in der Blogosphäre. Bis ein solches Problem in den traditionellen Medien angesprochen würde, hätten wir 2011 und alles wäre zu spät.

 

4. Kann Victor Seroneit in diesem Jahr komfortabel, aber unverdient Urlaub machen? Ein findiger Blogger hat nämlich herausgefunden, dass „ein gewisser Herr Seroneit aus Essen" sich beizeiten die nun hochoffizielle Marke „ruhr 2010" beim Deutschen Marken- und Patentamt in München hat eintragen lassen. Nun wird ihm unterstellt, dass dieser schlaue Fuchs bei der RUHR.2010 GmbH für seine wertvoll gewordenen Markenrechte abkassiert und sich anschließend auf den Seychellen oder sonstwo die Sonne auf den Bauch scheinen lassen kann. Dies wiederum ist ein eher unschönes Beispiel für die verbreitete Paranoia oder (wahlweise) für die Neidkomplexe in der Blogosphäre. Hier gilt für mein Empfinden zunächst einmal der Grundsatz „in dubio pro reo". Und Zweifel an einer hier unterstellten Abzocke sind durchaus angebracht. Um es auf den Punkt zu bringen: Zwischen „ruhr 2010" und „RUHR.2010" gibt es zwar kleine, aber ja wohl entscheidende Unterschiede, oder? Auch muss man, wenn man sich schon auf die detektivische Fährte begibt, den Herrn Seroneit keinen „gewissen" nennen. Jeder, der es nämlich wissen will, erfährt nach zwei, drei Mausklicks, dass Victor Seroneit nicht nur „Betreiber der Website www.ruhrcultur.de" ist, sondern sich auch auf vielfache Weise um die Kultur in Essen und darüber hinaus verdient gemacht hat: als Mitbegründer des „Plakat Kunst Hof Rüttenscheid", als Stifter des jährlich vergebenen „Jazz Pott Preises" und des „Internationalen Plakat Kunst Hof Rüttenscheid Preises", als Veranstalter von - dem Vernehmen nach - überaus kommunikativen Festen für die Essener Kulturszene in seinem Plakathof an der Rüttenscheider Annastraße. Und zudem engagiert er sich noch, z. B. mit seiner Aktion „Kinder trommeln für Essen" (2002), für den Deutschen Kinderschutzbund e. V. Sollte er sich tatsächlich durch seinen guten Riecher eine Auszeit in südlichen Gefilden verdient haben - es sei ihm herzlich gegönnt. (Und die „Verantwortlichen der RUHR.2010 GmbH", die - wenn es denn so wäre - dummerweise die falschen Marken geschützt haben oder besser: hätten, würde ich auch nicht feuern, wie es Andreas in seinem Kommentar fordert. Missgunst und Häme, Neid und Verfolgungswahn vergiften bloß das Klima, das wir brauchen, wenn 2010 ein entspanntes, kreatives und für uns alle im Ruhrgebiet nachhaltig förderliches Kulturhauptstadt-Jahr werden soll.)

 

5. Ich muss zugeben: Angesichts dieser neuen Aspekte, die mir erst nach eingehenderer Beschäftigung mit der Materie zu Bewusstsein kamen, erscheint mir meine Kritik an der Weiterverwendung des veralteten „Fähnchen"-Logos an einer Essener Kaufhausfassade inzwischen etwas kleinlich - einerlei, ob dafür bezahlt wurde oder nicht. (Eher nicht, denn wie ich jetzt weiß, wurde die Freigabe bislang sehr großzügig erteilt.) Auch entdecke ich dieses alte Logo nun überall, z. B. auf Briefumschlägen. Ich wäre der Letzte, der fordern wollte, dass man die nun zu Gunsten des Community-Logos einstampfen sollte. Immerhin ist doch etwas befremdend, dass es zur Weiterverwendung der bisherigen Gestaltungslinie, bei der sonst minuziös ausgearbeiteten neuen Regelung, keine Bestimmungen wie Auslauffristen usw. gibt.

 

6. Ganz rührend finde ich übrigens die Beispiele, die sich die Agentur CP/COMPARTNER in ihrem „Logo-Manual Community" (S. 39-40: „Do's & Don'ts") ausgedacht hat, um uns vorzuführen, wie das Community-Logo nicht verwendet werden darf. Die Kreativität, die dabei zur Entfaltung kam, hätte der Gestaltung des eher tristen „Gesamterscheinungsbildes" der erlaubten Versionen sehr gut getan. (Besonders die Herzchen-Variante hat mein Herz im Sturm erobert!) Das muss der Osterhase übrigens ganz ähnlich empfunden haben, als er mir heute in aller Herrgottsfrühe ein bunt bemaltes Osterei in den Garten legte. Incredible! Grand malheur! Da hat er sich doch glatt an dem heiligen Dachmarken-Logo vergriffen. Und es dann noch, die Krümmung des Maluntergrunds ließ es zwar nicht anders zu, verzerrt! Ich versuchte noch, ihn bei den Hinterläufen zu packen, um ihn als „Markenkriminellen" zu schlachten und den „Verantwortlichen" als Ostersonntagsbraten zu servieren - doch da war er schon über alle Berge.

 

Der Revierflaneur wünscht frohe Ostern!

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5 Trackbacks

Das Djure und ich mit dem Community-Logo zur Ruhr.2010 (also dem Ruhrgebiet und Essen als Kulturhauptstadt 2010) nicht zufrieden sind, konnte man schon das eine oder andere Mal hier im Pottblog lesen.... weiter

#1 von Pottblog am 02.05.07 um 16:55

 

Unter dem Motto Bochum macht jung! gibt es eine gleichnamige Imagekampagne der Stadt Bochum. Im Orangennetz und bei Djure konnte man schon einiges dazu lesen, bei mir erst jetzt (warum begründe... weiter

#2 von Pottblog am 01.06.07 um 15:21

 

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#3 von Kds Bbs Pics Russian Child Models Ls Girls am 08.03.08 um 01:16

 

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#5 von Preteen Preteen Lolitas Innocent Preteens am 07.05.08 um 00:20

 

4 Kommentare

Danke für die Zusammenfassung. Zu zwei Aspekten habe ich drüben bei mir noch etwas angemerkt: http://blog.50hz.de/?p=633

#1 von 50hz am 09.04.07 um 11:46

 

Mir gefällt die Zusammenfassung auch recht gut, da sie das insgesamt gesehen gut verständlich thematisiert.

#2 von Jens am 09.04.07 um 14:47

 

Schade, dass die Zusammenfassung der Diskussion nicht auf die pikante Aufteilung des alten und der neuen Logos eingeht. Bei ruhrwärts.de hatte ich am 9. März den Versuch einer kritischen Bildbetrachtung gewagt:

"Weiterhin verwenden dürfen eine Abart des Fähnchens die RUHR.2010 GmbH, die Städte und die Großsponsoren. (...) Viele Neider werden behaupten, dass sich selbst in solch kleinen Dingen wie dem Logo herausstellt, dass sich Kapital und Bürokratie die besten Stücke aus dem Kuchen greifen und für das einfache Volk die Krümel bleiben.

Wie gut, dass mir Neid fremd ist. Dafür belustigt mich umso mehr, dass das Community-Logo dies auch widerspiegelt - das 'einfache Volk' bekommt eben nur die obere rechte Ecke des alten Logos, die 'wichtigen Leute' alles andere dazu. Schöner könnte man den oben angeführten Vorwurf doch gar nicht ins Bild setzen."
http://www.ruhrwaerts.de/ruhrwaerts/index.nsf/url/D6D7562661FE8050C12572990048E9BF

#3 von Rolf Jansen am 10.04.07 um 02:44

 
 

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