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Journal intime (II)

Dienstag, 18. Dezember 2007

Sonnenaufgang 8:33 Uhr. Heiter bei Temperaturen zwischen 6 °C und minus 2 °C, Windrichtung Ost, Windstärke 4 Beaufort, also eine mäßige Brise. Kein Niederschlag. Das hört sich freundlich an, wenn man ein Dach überm Kopf hat und nur eben mal kurz mit dem Hund vor die Tür muss. Da ich aber meine fellgefütterten Lederhandschuhe nicht finden konnte, musste ich nach der Heimkehr meine Hände erst einmal unter warmes Wasser halten, um dies schreiben zu können.

 

Harte Zeiten für Obdachlose. An einem warmen Sommersonntagmorgen in diesem Jahr machte ich bei der Pinkelrunde mit Lola am Rande der Bahngeleise eine überraschende Entdeckung. Genauer gesagt machte die Hündin die Entdeckung, als sie sich seitlich in die Büsche schlug und einen schlafenden Penner, pennenden Schläfer im Schutz eines Trafohäuschens witterte, der es sich dort mit seinem mobilen Hausstand bequem gemacht hatte. „Bei Fuß!"

 

Diese Schlafstelle gibt es, wie ich eben feststellen musste, noch immer, jetzt mit der ruppigeren Jahreszeit angepasstem Interieur (siehe Titelbild). Oder sollte man besser sagen: „Exterieur"? Nein, für solche unüberdachten Wohnungseinrichtungen gibt es wohl keine Fachbegriffe aus dem Wortschatz der professionellen Innenausstatter. Diese „Bettwurst" (ich klau mir mal den Filmtitel von Rosa von Praunheim) schützt zwar nicht vor Regen, wenn man hineinkriecht, saugt sich bei Niederschlag wohl eher voll wie ein Schwamm; sie eignet sich aber vermutlich doch als Isolationsschicht gegen die bittere Kälte. Und für Lektüre am Kopfende ist, wie unschwer zu sehen, ebenfalls gesorgt.

 

Nein, ich meine das nicht zynisch. Ganz im Gegenteil! Zynisch ist das feige Wegschauen von den Elendsbildern am Rande unserer Wohlstandsgesellschaft, in der sich die Gegensätze zwischen „Prekariat" und „upper class" zunehmend verschärfen. Das passende Gegenargument habe ich, wo ich dies sage, schon im Ohr. Wer eine solche menschenunwürdige Schlafstelle bevorzugt, statt sich zur Nachtruhe in eines der vielen staatlich finanzierten, zentralgeheizten Obdachlosenasyle zu begeben, tut dies ja nur, weil er auf den alkoholischen Schlummertrunk nicht verzichten will - und ist insofern selbst schuld. So leicht kann unsereiner sein Gewissen beruhigen, im warmen Zimmer.

 

Aber wenn wir einigermaßen ehrlich sein wollen, dann müssen wir doch wohl sehen: Alkoholabhängige gibt es in allen sozialen Schichten. Und wenn es selbst sozial Privilegierte nicht schaffen, von dieser extrem suchtbildenden Droge loszukommen, wie viel schlechter sind dann die Erfolgsaussichten eines Entzugs für den Mann oder die Frau neben dem Trafohäuschen?

 

Mein schlechtes Gewissen geht mit mir durch und versaut mir den zwar kalten, aber sonnigen Wintertag. „Bei Fuß!" Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt doch der christliche Appell. Aber eben nur den Nächsten, nicht diesen Penner, der mir so fern ist wie der nach einem Überfall auf seine Luxusvilla traumatisierte Dieter Bohlen oder der soeben in Afghanistan verschleppte Betrüger Harald K. aus Amberg in der Oberpfalz. Mit wem soll ich denn sonst noch Mitleid haben? Das alltäglich präsentierte große Elend aus den Medien bewirkt eine Abstumpfung gegen das kleine Elend vor der eigenen Haustür.

 

Und die Moral von der Geschichte? Nein, die gibt es nicht. Vielleicht gehe ich heute noch mal am Trafohäuschen vorbei, zum Nachtspaziergang mit Lola, mit einer Flasche Schnaps unterm Arm. (Vorausgesetzt, ich finde meine fellgefütterten Lederhandschuhe.)

 
 

11 Kommentare

"...mit einer Flasche Schnaps unterm Arm."

Wollen Sie dem Kälteexitus ein wenig nachhelfen?

#1 von Matta Schimanski am 18.12.07 um 14:49

 

Ich weiß nicht, wie der Obdachlose auf Schnaps reagiert. Aber als eine Freundin von mir in ähnlicher Situation Decken und etwas zu essen brachte, wurde sie grob abgewiesen. Mich wunderts nicht...

#2 von dieJenny am 18.12.07 um 14:57

 

@#1 Matta Schimanski: Danke für den Tipp! Also besser Rotwein? Chateauneuf du Pape? Oder besser ne Zweiliterpulle Amselfelder?

#3 von Revierflaneur am 18.12.07 um 15:38

 

http://www.medizinfo.de/hautundhaar/sonne/erfrierungen.htm

4. Absatz

#4 von Matta Schimanski am 19.12.07 um 00:13

 

Da unter den Brücken aber auch gerne geraucht wird, verengt sich das Gewebe auch wieder- und zack-
muß wieder `n Schluck rein.
Worauf Schmacht sich meldet, um dann....

#5 von Bllinkfeuer am 19.12.07 um 00:37

 

Alter Zyniker! Geh´ schlafen!

#6 von Matta Schimanski am 19.12.07 um 00:41

 

Dass "Nächstenliebe" im ur-christlichen Sinne sich nicht von vornherein und zuguterletzt auf die biologisch und im Sinne der Zugehörigkeit Nächsten beschränkt, dürfte, wenn man das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wirklich ernstnimmt, doch klar sein.
Wie weit es damit bei fast uns allen her ist, ist auch klar. -

Was aber wirklich hilft, auf Dauer und für den Augenblick, ist auch nicht immer ganz klar.

#7 von Günter Landsberger am 19.12.07 um 06:34

 

Weil hier noch so viel Platz ist im Faden der Kommentare, teile ich gleich noch 3 Weihnachtsgedichte von Klabund mit. An dieser Stelle -glaub ich - nicht ganz unpassend.

#8 von Günter Landsberger am 19.12.07 um 06:37

 

Weihnacht

Ich bin der Tischler Josef,
Meine Frau, die heißet Marie.
Wir finden kein' Arbeit und Herberg'
Im kalten Winter allhie.

Habens der Herr Wirt vom goldnen Stern
Nicht ein Unterkunft für mein Weib?
Einen halbeten Kreuzer zahlert ich gern,
Zu betten den schwangren Leib. -

Ich hab kein Bett für Bettelleut;
Doch scherts euch nur in den Stall.
Gevatter Ochs und Base Kuh
Werden empfangen euch wohl. -

Wir danken dem Herrn Wirt für seine Gnad
Und für die warme Stub.
Der Himmel lohns euch und unser Kind,
Seis Madel oder Bub.

Marie, Marie, was schreist du so sehr? -
Ach Josef, es sein die Wehn.
Bald wirst du den elfenbeinernen Turm,
Das süßeste Wunder sehn. -

Der Josef Hebamme und Bader war
Und hob den lieben Sohn
Aus seiner Mutter dunklem Reich
Auf seinen strohernen Thron.

Da lag er im Stroh. Die Mutter so froh
Sagt Vater Unserm den Dank.
Und Ochs und Esel und Pferd und Hund
Standen fromm dabei.

Aber die Katze sprang auf die Streu
Und wärmte zur Nacht das Kind. -
Davon die Katzen noch heutigen Tags
Maria die liebsten Tiere sind.

#9 von Klabund1 am 19.12.07 um 06:42

 

Berliner Weihnacht

1918

Am Kurfürstendamm da hocken zusamm
Die Leute von heute mit grossem Tamtam.
Brillanten mit Tanten, ein Frack mit was drin,
Ein Nerzpelz, ein Steinherz, ein Doppelkinn.
Perlen perlen, es perlt der Champagner.
Kokotten spotten: Wer will, der kann ja
Fünf Braune für mich auf das Tischtuch zählen ...
Na, Schieber, mein Lieber? - Nee, uns kanns nich fehlen,
Und wenn Millionen vor Hunger krepieren:
Wir wolln uns mal wieder amüsieren.

Am Wedding ists totenstill und dunkel.
Keines Baumes Gefunkel, keines Traumes Gefunkel.
Keine Kohle, kein Licht ... im Zimmereck
Liegt der Mann besoffen im Dreck.
Kein Geld - keine Welt, kein Held zum lieben ...
Von sieben Kindern sind zwei geblieben,
Ohne Hemd auf der Streu, rachitisch und böse.
Sie hungern - und frässen ihr eignes Gekröse.
Zwei magre Nutten im Haustor frieren:
Wir wolln uns mal wieder amüsieren.

Es schneit, es stürmt. Eine Stimme schreit: Halt ...
Über die Dächer türmt eine dunkle Gestalt ...
Die Blicke brennen, mit letzter Kraft
Umspannt die Hand einen Fahnenschaft.
Die Fahne vom neunten November, bedreckt,
Er ist der letzte, der sie noch reckt ...
Zivilisten ... Soldaten ... tach tach tach ...
Salvenfeuer ... ein Fall vom Dach ...
Die deutsche Revolution ist tot ...
Der weisse Schnee färbt sich blutrot ...
Die Gaslaternen flackern und stieren ...
Wir wolln uns mal wieder amüsieren ...

#10 von Klabund2 am 19.12.07 um 06:43

 

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

#11 von Klabund3 am 19.12.07 um 06:45

 

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