
Alle paar Monate meint eins unserer überregionalen Printmedien, sich zu einer „Bestandsaufnahme" des teils dämonisierten, teils bagatellisierten Konkurrenzunternehmens aufschwingen oder herablassen zu müssen, jener noch immer anarchisch wachsenden Blogosphäre, die im papierlosen Web 2.0 mit so vielen ehernen Gesetzen des klassischen Journalismus bricht. Heuer haben sich bereits die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Der Spiegel an dem widerspenstigen Thema abgearbeitet.
An diesem Wochenende war nun die Süddeutsche Zeitung an der Reihe. Sie schickte ihren Internet-Spezialisten Bernd Graff ins Rennen, dem wir mal freundlicherweise unterstellen wollen, dass er in den drei Jahren, seit er für einen Beitrag über das Computerspiel „Doom 3" als Ahnungsloser abgewatscht wurde, kräftig dazugelernt hat. Der promovierte Theaterwissenschaftler ist stellvertretender Chefredakteur der SZ online, zu deren Gründungsredakteuren er 1997 gehörte, und leitet zudem dort das Ressort Kultur. Unsere Erwartungen sind also hoch gesteckt, wenn sich ein solcher „alter Hase" des Internetjournalismus eine ganze Titelseite der Wochenendbeilage reservieren lässt, um uns unter der knappen Headline „Web 0.0" seine neuesten Erkenntnisse über die Blogosphäre zu offenbaren.
Schon die vierzeilige Subline unter seinem Titel, vor dem wir verdattert wie vor einer verriegelten Klotür stehen, lässt allerdings erste Zweifel aufkommen: „Das Internet verkommt zu einem Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung." Wir müssen uns also darauf gefasst machen, dass uns hier wieder einmal eine kulturpessimistische Untergangsvision aufgetischt wird, aus deren griesgrämiger Perspektive offene Entwicklungsmöglichkeiten zuallererst einmal als Bedrohung - nämlich des eigenen, gesicherten Status - empfunden werden. Aber es kommt noch schlimmer.
Öffentliche Selbstdarstellung durch freien Zutritt zu den „medialen Bühnen" dieser Welt war bis vor wenigen Jahren nur wenigen professionellen Multiplikatoren vorbehalten. Volkes Stimme, der schmutzige Sound der anonymen Massen, artikulierte sich in den verflossenen fünfeinhalb Jahrhunderten seit Johannes Gutenberg in den engen Grenzen des privaten Raums, in den stakkatohaften Schlachtrufen auf den Barrikaden - und auf den Innenseiten der Klotüren in Kneipen und Spelunken.
Diese Lebensäußerungen des „einfachen Mannes, der einfachen Frau von der Straße" mögen vielleicht kein wertvoller Beitrag zu jener „Wissensgesellschaft mit Verantwortung" gewesen sin, die Dr. Graff sich in seinem Redaktionsstübchen herbeisehnt. Dass das Internet seit kurzem, dammbruchartig, jedem „Dahergelaufenen" ermöglicht, seine Stimme zu erheben und seine ganz subjektive Meinung, im wahrsten Wortsinne weltweit, zur Geltung zu bringen - das verwirklicht doch zunächst einmal eine Utopie von Meinungsfreiheit und damit ein allgemeines Menschenrecht, von dem sich die radikalsten Revolutionäre nicht hätten träumen lassen.
Graff beklagt den Mangel an „Qualität" dieses Wortschwalls, der sich jetzt im Internet Bahn bricht. Mit gespreiztem Finger mokiert er sich über mangelnde Sachkenntnis, das Gepöble nach Gutsherrenart, das Gezetere und Querulantentum, die Verächtlichmachung, den Hohn und Spott - ganz allgemein über die verbreitete Destruktivität in den Weblogs unserer Tage. Ich kann mir nicht helfen, aber sein „Plädoyer" wirkt auf mich wie eine Gardinenpredigt der seligen Erica Pappritz, Adenauers Protokollchefin in den 1950er-Jahren: „Zornige Briefe schreibt man zwar, aber man schickt sie nicht ab. Es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß Ruhe - im mündlichen ebenso wie im schriftlichen Verkehr - auf lange Sicht gesehen immer ,gewinnt‘." Nach dieser Erfahrungstatsache wäre dann der Sturm auf die Bastille ein erfolgloses Unternehmen gewesen.
Ein wirklich degoutantes Wortspiel des Online-Kulturchefs der SZ muss ich abschließend noch wörtlich zitieren, ich kann's mir aus schierer „Lust an der Entrüstung" einfach nicht verkneifen: „Aber wieso all das grundsätzliche Hallelujah auf den ,User Generated Content‘, der nicht selten ein ,Loser Generated Content‘ ist?" Sapperlot, Herr Graff! Da haben doch tatsächlich die Verlierer in unserer ruppigen Hartz-IV-Gesellschaft, wenn sie mit knapper Not ihren PC noch nicht zum Pfandleiher bringen mussten, die Chance, ihren Unmut vor aller Welt zu äußern - und Sie, als verantwortlicher Mitarbeiter einer linksliberalen Tageszeitung, rümpfen darüber die Nase?
Freilich, es stinkt mächtig aus dem Klo namens „Web 0.0". Aber dieser Gestank verbreitet ein authentisches Wissen, das mir allemal lieber ist als solche hochnäsigen Elaborate - die ja übrigens am natürlichen Gang der Dinge wenig ändern werden.
2 Kommentare
Ja, etwas sehr verunglückt, der Beitrag, ohne Kenntnisse über die deutschsprachigen Blogs und mit Metadampfplauderern als Referenz.
#1 von Thomas Lau am 09.12.07 um 15:50
Lieber Manuel Heßling, ich habe den Artikel in der SZ schnell überflogen.
Muss man solche Artikel lesen? Da wird ja fast nur lamentiert und abgewertet.
Das kann ich auch: Wegen solcher Artikel muss man die SZ nicht abonnieren.
Wenn man mal in die Mediadaten der SZ schaut, dann sieht man dass 10% der Topentscheider die SZ lesen. Das heißt dass 90% sie nicht lesen. Ich dachte das wären mehr. http://mediadaten.sueddeutsche.de/home/
#2 von Reiner Stock am 10.12.07 um 00:04