
Neulich habe ich sie in meinem Literatur-Rätsel mal zum Thema gemacht: die letzten Worte auf dem Sterbebett. Karl Marx (+1883) hielt sie für maßlos überschätzt: „Letzte Worte sind etwas für die törichten Leute, die nicht genug zu sagen gehabt haben." Dies waren seine letzten Worte an den treuen Freund Engels, als wollte er noch mit dem allerletzten Atemzug der Welt verkünden, dass sich ein Materialist keine Sentimentalitäten gestatten darf. Mir persönlich wäre ja ein trotzigeres Statement aus dem Munde des Rebellen lieber gewesen, wie zum Beispiel: „Ergebt euch nicht, nie!" Das hatte aber schon fast hundert Jahre früher Aristide Aubert du Petit-Thouars, der Kommandant der Le Tonnant, gen Himmel gebrüllt, als er in der Schlacht bei Abukir tödlich verwundet wurde.
Neben der Patientenverfügung und dem Testament sind die letzten Worte und die Grabinschrift prämortale Lebensäußerungen, über die man sich nicht früh genug den Kopf zerbrechen kann. Damit man nicht bloß einem der sogenannten „Großen" der Weltgeschichte nachplappert, sollte man sich vielleicht zunächst damit vertraut machen, welche bedeutungsschweren Aussprüche es schon gab. Mir liegen gleich drei unterhaltsame Sammlungen letzter Worte vor, die ich emsig studiert habe: „Hier kann ich doch nicht bleiben" von Herbert Nette (1971); das Lexikon der letzten Worte von Werner Fuld (2001); und das in diesem Jahr erschienene Büchlein von Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan.
Dieser letzte Satz stammt übrigens von Albert Einstein (+1955) - der interessanterweise an den des Anarchisten Michail Bakunin (+1876) erinnert: „Ich habe mein Lied gesungen." Schön, wenn man in einem solchen Lebensfazit bekennen kann, dass man dem Diesseits nichts schuldig geblieben ist. Und doch tendiere ich zu einem verbalen Ausklang, der den Hinterbleibenden ein kleines Rätsel aufgibt oder doch mindestens beweist, dass der Scheidende selbst in der angeblich „schwersten Stunde" noch seinen Humor bewahrt. Mustergültig in dieser Hinsicht ist der an Tuberkulose verendende Christian Morgenstern (+1914): „Der Husten ist vierdimensional." Und sehr bemerkenswert finde ich auch, was Kurt Schwitters (+1948) nach einem Blutsturz noch herausquetschte: „Ich habe so wenig Zeit." Dieses letzte Wort gewinnt nämlich erst vor dem Hintergrund eines früher, in gesunden Tagen niedergeschriebenen Schwitters-Satzes seine wahre Bedeutung, der da lautete: „Ewig währt am längsten."
Ja, gegen die vielen eindrucksvollen letzten Verlautbarungen berühmter Frauen und Männer ist nicht leicht anzustinken. Und auch der Grabspruch von Timm Ulrichs - „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen" - ist nur schwer zu toppen. So muss ich wohl oder übel, bis mir was Gescheites einfällt, noch ein Weilchen mit dem Sterben warten. (Vorschläge sind mir stets willkommen.)

19 Kommentare
Wie wär's mit "Gott befohlen !" ??
(mehrdeutig, auslegbar)
#1 von Bernd Berke (WR) am 28.11.07 um 22:47
@#1 BB: Hoffentlich bleibt dies der mickrigste Vorschlag.
#2 von Revierflaneur am 28.11.07 um 22:54
Wieso? Vielleicht ja auch als Kürzel im Sinne von: "(Ich habe) Gott befohlen, (nicht zu existieren.)"
Aber mal im Ernst: Sind nicht viele dieser "letzten Worte" bloße Legenden, von der Nachwelt mehr oder weniger passend dem Verblichenen angegossen? Na gut, wenn's denn eherne Worte sind, so sei's, wie es sei.
#3 von Bernd Berke (WR) am 28.11.07 um 22:59
Ach, ich will den Thread nicht okkupieren, aber den hier muss ich noch nachschieben - die angeblich letzten Worte von Brendan Behan, auch dem Atheisten bekömmlich:
Brendan Behan, irischer Dramatiker: „Bless you, Sister. May all your sons be bishops.“ („Gott segne Sie, Schwester. Mögen alle Ihre Söhne Bischöfe werden.“) [zu der Nonne, die ihn pflegte]
#4 von Bernd Berke (WR) am 28.11.07 um 23:05
@#3 BB: "(Ich habe) Gott befohlen, (nicht zu existieren.)" Für eine solche alberne Mitteilung wäre mir mein letzter Atemzug gewiss zu schade.
#5 von Revierflaneur am 28.11.07 um 23:08
Wissen Sie was? Ich glaube, Marx hat Recht. Was man beim letzten Atemzug sagt, ist so gut wie wurscht. Man haucht eben aus. Das war's. Und was danach kommt, können wir eh nicht wissen.
Und damit gut. Jetzt sollen andere Leute 'ran.
#6 von Bernd Berke (WR) am 28.11.07 um 23:12
@#4 BB: Einer meiner Lieblings-Abspannsätze ist übrigens dieser hier: "Was ist die Frage? Was ist die Frage? ... Wenn es keine Frage gibt, gibt es auch keine Antwort." Von wem? (Dafür gibt's aber keine Punkte.)
#7 von Revierflaneur am 28.11.07 um 23:12
Okay, my last statement for today:
Gertrude Stein closed her eyes and whispered: "Then, what is the question? What is the question?"
Is this right, Mister?
#8 von Bernd Berke (WR) am 28.11.07 um 23:26
"To be or not to be...that!" answered Alice B. Toklas.
#9 von Matta Schimanski am 28.11.07 um 23:30
Ihr seid grundgütige, gebildete Leute.
#10 von Revierflaneur am 28.11.07 um 23:36
Hello Mr.Manual Hessling,you might cry out for God.
#11 von Ziggy - The USA Connection am 28.11.07 um 23:41
Vorschlag für Ihre letzten Worte, allerdings einem anderen Beitrag entlehnt:
Winkewinke!!!
(mit entsprechender Betonung zu jodeln, daher tiefer letzter Atemzug vonnöten)
#12 von Matta Schimanski am 28.11.07 um 23:41
Ich würd´ gerne mein Lieblingsgedicht aufsagen, wenns so weit ist. Ist aber ja auch irgendwie blöd, weil man nciht weiß, ob mans noch hinbekommt und die Vorstellung, die letzte Zeile nicht mehr anbringen zu können finde ich... gruselig.
Und: Nein. Es hat nichts mit Loriot zu tun. ^^
#13 von Sunzi Sonnenschein am 29.11.07 um 01:48
Der 2. Satz von Schuberts Streichquintett in C-Dur,
gespielt z. B. vom Brandis-Quartett, Berlin + Jörg Baumann (oder vom Alban-Berg-Quartett + ...), wäre mir das liebste letzte Wort, dem ich zuhören wollte. Es sagt mir mehr als jedes gesprochene Wort.
(Aber wer hört schon Kammermusik? Und sogar noch bis zuletzt?)
#14 von Günter Landsberger am 29.11.07 um 06:37
Sein eigenes letztes gesprochenes Wort vorwegnehmen zu wollen, erschiene mir unanständig. Allenfalls hoffen wird man dürfen auf die richtige Eingebung, wenn denn einmal die Zeit zu unserem vorläufig letzten Wort gekommen sein wird.
Denn alles, was wir sagen können, ist immer nur vorläufig und wird immer nur vorläufig sein. -
Sinn habe ich aber schon jetzt für "des Mauren letzten Seufzer" oder für den Schluss von Verdis "Falstaff" und für den Gesichtsausdruck von Rembrandts letztem Selbstbildnis. -
Schopenhauer hebt einmal das Schlusswort von Shakespeares "Cymbeline" im Sinne grundlegender Anwendbarkeit hervor: "Pardon is the word to all".
Ich sehe in diesem letzten Wort nicht etwa den Freibrief, dass alles erlaubt sei, wohl aber den Trost, dass wir Menschen allesamt -auch bei höchst beachtlicher Leistung (welcher Art auch immer) - noch am Unzulänglichen, am Menschlich-Allzumenschlichen teilhaben.
#15 von Günter Landsberger am 29.11.07 um 16:34
@#15: Ich glaube nicht, dass es da auf "Eingebung" ankommt; das hört sich so an, als würde man - sterbend - ganz bewusst auf einen Geistesblitz warten, was man jetzt schnell noch Schlaues sagen könnte, bevor es nicht mehr geht.
Was auch immer in einem sterbenden Menschen vorgeht, seine letzten Worte sind meines Erachtens keine bewussten, bzw. keine bewusst letzten.
#16 von Matta Schimanski am 29.11.07 um 16:50
#15
In diesem Sinne meine ich Eingebung auch nicht. Nicht: Geistesblitz.
#17 von Günter Landsberger am 29.11.07 um 18:59
Ein-gebung. Wörtlich. Jemand gibt einem etwas ein, worauf man nicht von sich aus käme.
#18 von Günter Landsberger am 29.11.07 um 19:00
Ach so. Na, dann ist mein Kommentar hinfällig.
#19 von Matta Schimanski am 30.11.07 um 00:21