
Da sich hier neuerdings und erfreulicherweise gezeigt hat, dass an einer Diskussion über Religion, Glauben, Gott, Kirche, Jenseits, Spiritualität usw. ein nicht ganz geringes Interesse besteht, setze ich meine alte atheistische Sonntagskolumne, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, nun doch fort - um das Feld nicht widerspruchslos den „Gottgläubigen" jeder Couleur zu überlassen. Was ich an den kommenden Sonntagen liefern werde, könnte mit dem etwas umständlichen Titel überschrieben sein: „Wie man durch reinen Vernunftgebrauch die Reste eines alten Aberglaubens überwindet, auf trügerische Tröstungen zu verzichten lernt und so zu einem freien Menschen wird, der aufrichtig die Wahrheit auch dann sucht, wenn sie schmerzvoll ist." Prägnanter: „Schnellkurs Atheismus in 52 Lektionen."
Heute möchte ich die Aufmerksamkeit auf die triviale, aber oft nicht gründlich genug gewürdigte Tatsache lenken, dass „Gott" zunächst einmal nichts weiter ist als ein Wort, ein Substantiv der deutschen Sprache, männlichen Geschlechts und als solches in der Ein- und Mehrzahl in allen vier Fällen deklinierbar. Vergleicht man dieses Hauptwort mit einem grammatikalisch ähnlichen wie zum Beispiel „Stein", dann fällt ein Bedeutungsunterschied auf, der sehr wesentlich ist. Wenn ich den Wortschatz eines kleinen Kindes um das Wort „Stein" bereichern will, geschieht dies am einfachsten, indem ich ihm einen konkreten Stein zeige.
Ich nehme dazu beispielsweise einen weißen Kieselstein, lege ihn vor das Kind hin und sage „Stein". Das Kind sieht den Stein mit eigenen Augen, betastet ihn mit seinen Händen, hebt ihn auf, fühlt sein Gewicht, lässt ihn fallen, hört seinen Aufprall auf dem Tisch, nimmt ihn wieder in die Hand und empfindet seine Kälte, riecht daran, leckt daran - kurz und gut: Es erfährt mit allen seinen Sinnen, was ein Ding ist, dem das Wort „Stein" entspricht. Das Kind hat die konkrete Bedeutung des Wortes „Stein" begriffen. (Und wenn ich ihm später noch andere Steine, von anderer Beschaffenheit zeige, dann kann es sich auch einen allgemeineren Begriff machen.)
Ganz anders verhält es sich offenkundig mit dem Wort „Gott". Zu ihm gibt es keinen sinnlich erfahrbaren Gegenstand, den ich dem Kind zeigen könnte, um ihm die Bedeutung dieses Wortes nahe zu bringen. „Das Wort Gott", so heißt es bei Wikipedia, „steht in seiner allgemeinen Bedeutung als Gattungs- oder Sammelbegriff für transzendente (d. h. die empirische, erfahrbare Welt übersteigende) Mächte, die religiösen Glaubenssätzen zufolge ihrerseits Einfluss auf das Leben in der für uns erfahrbaren Welt nehmen." Diese Definition ist sehr hilfreich, weil sie bei genauerer Betrachtung gleich mehrere Gründe liefert, auf das Wort „Gott" im eigenen Sprachgebrauch zu verzichten und den gerade erst erwachenden Verstand kleiner Kinder nicht mit ihm zu verwirren.
Tatsächlich ist es ja so, dass keine Wortbedeutung, keines einzigen Wortes keiner Sprache des Menschengeschlechts, die sinnlich erfahrbare Welt „übersteigen" kann. Gleich im zweiten Gebot des Alten Testaments heißt es zwar: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!" Aber da unser Bewusstsein, unser ganzes Denken und Fühlen ausschließlich auf unseren Sinneseindrücken beruht, die „innere Bilder" in uns erzeugen, ist diese Forderung nicht einlösbar.
Fragt man Gläubige, was genau sie eigentlich meinen, wenn sie „Gott" sagen, so erhält man Antworten wie diese: „Das höchste Wesen." - „Den Allmächtigen." - „Den Schöpfer." Sie betonen dabei gern, dass sie sich darunter natürlich nicht den „alte Mann mit weißem Bart" ihres „naiven Kinderglaubens" vorstellen. Aber die Bedeutungsmacht der Worte kann kaum verhindern, dass mindestens bei den letzten beiden Synonymen für „Gott" ein menschenähnliches Wesen ihre Vorstellung beherrscht, und ein männliches dazu. Was konkret denn unter einem „Wesen" zu denken sei, vermochte mir noch kein Christ überzeugend zu erklären, der zu diesem Ersatzwort seine Zuflucht nahm.
Und dass dieses Wesen ein „höchstes" ist, bringt mich auch nicht weiter. Oben und unten sind doch eigentlich ganz wertneutrale Kategorien. Warum das göttliche Gute in religiöser Tradition oben im Himmel angesiedelt wird, während das Böse, der Herr der Unterwelt, aus tiefem Abgrund nach uns greift, um uns hinabzuziehen in sein Reich - es mag vielleicht seinen Grund in animistisch-naiven Vorstellungen und Ängsten unserer Urvorfahren seine Wurzeln haben. Mittlerweile sollten wir uns von solchem Hokuspokus aber doch wohl emanzipiert haben. Die Hiroshima-Bombe kam von oben. Und aus dem Boden, von unten also, wachsen alle Früchte der Natur, die uns nähren. Wie ließe sich also ein moralischer Anspruch aus einer solchen vertikalen Hierarchie ableiten? Das Höchste ist das Beste? Alles Gute kommt von oben? Nicht kindliche, sondern kindische Phantasmagorien.
„Traszendente Mächte" sind also das, was der Sammelbegriff „Gott" laut Wikipedia bedeuten soll. Nun habe ich aus ganz irdischen, historischen und empirischen Gründen gegen „Macht" als solche begründete Vorbehalte, vorsichtig ausgedrückt. Als überzeugter Demokrat, Verfechter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte („Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren") und Feind jeder „Autorität" (übrigens auch der Vormacht des Menschen über die Natur) ist mir „Macht", ganz gleich in welcher Form sie in Erscheinung tritt, zutiefst suspekt.
Von Fritz Mauthner, dem Sprachkritiker, stammt die Einsicht, „dass Gott nur eine Übersetzung von Idol ist, dass wir für Idol oder Gespenst ebenso gut Götze oder Gott sagen könnten, [...]. Gott ist das oberste, das allgemeinste, das unwahrste Idol. Ein Bild, zu dem kein Modell gesessen hat. Ein Idealbild meinetwegen. Ein Wort jedenfalls. Götter sind Worte. Aus der Existenz des Wortes hat man wieder einmal auf die Existenz der Sache geschlossen, als ob der ontologische Beweis zu den Instinkten der redenden Menschen gehörte." (Wörterbuch der Philosophie, Erster Band, S. 458.)
Gott ist ein leeres Machtwort. Mehr nicht - und nicht weniger. Ein Bluff. Fallt nicht länger drauf rein!
6 Trackbacks
Student consolidation with consolidation programs that offers Online debt. weiter
#1 von Consolidation Consolidation am 04.01.08 um 20:24
One notable blogging tool that does not support trackback yet is Blogger. The TrackBack specification was created by Six Apart, who weiter
#2 von roman coins am 01.08.08 um 03:01
Nett, dass man sich hier mit dem Thema wenigstens mal ordentlich beschaeftigt. Habe die Ausfuehrungen dazu foermlich verschlungen (-: weiter
#3 von sie sucht ein paar am 26.02.10 um 16:17
Habe bislang nur wenige gute Seiten zu dem Thema gefunden. Zu suchen kann sich aber scheinbar durchaus lohnen. Dann lassen sich sogar noch solch nette Seiten wie diese hier finden. Finde ich echt klas... weiter
#4 von herren marke am 03.03.10 um 08:22
Manch einer Fantasie scheinen ja wirklich keine Grenzen gesetzt. Habe darueber wirklich schon die tollsten Dinger gelesen. Lohnt aber nicht wirklich darueber zu lamentieren. Die Ausfuehrunge hier sind... weiter
#5 von Partnervermittlung Finden am 05.03.10 um 16:11
Es ist mitunter schon ganz witzig was auf manchen Seiten zum Thema so geschrieben steht. Der Markt an Informationsfluten scheint irgendwie immer weiter mit Undurchsichtigkeiten zu ueberlaufen und die... weiter
#6 von Notebooks Guenstiger am 16.03.10 um 00:10