
Viele Jahre lang sammelte ich, neben manch anderem unnützen Zeug, auf kleinen Karteikarten „Menschen-Definitionen", wie ich es nannte, also kurze und bündige Antworten auf die Frage: „Was ist der Mensch?" Vielleicht erhoffte ich mir davon eine Orientierungshilfe, um meine Mitmenschen besser zu verstehen in ihrem Tun und Lassen - und am Ende gar Erkenntnis über mich selbst, da ich ja leider auch dieser rätselhaften Species angehöre.
Um es gleich offen zu gestehen: Viel genützt hat mir die lange Liste der Definitionen aus den vergangenen knapp zweieinhalb Jahrtausenden nicht. Jede für sich betrachtet hat viel für sich und einiges gegen sich. Mal gefällt mir diese, mal jene am besten. Auf einen gemeinsamen Nenner lassen sich die schlauen Sentenzen nicht bringen. Und manche sagen mehr über den individuellen Verfasser aus als über den Menschen sui generis. Bevor ich meine Kartei in die „blaue Tonne" befördere, stelle ich sie hiermit in chronologischer Ordnung der Allgemeinheit zur Verfügung. Vielleicht hat der eine oder andere Leser noch eine Definition auf Lager, die ich übersehen habe.
Der Mensch ist ...
[1] ... das Maß aller Dinge. - Protagoras (485-415 v. Chr.)
[2] ... ein zweibeiniges Lebewesen ohne Federn. - Platon (427-347 v. Chr.)
[3] ... das zoon politikon [„gesellige Wesen"] - Aristoteles (385-322 v. Chr.)
[4] ... ein Sinnblid der Schwäche, der Wandelbarkeit [eigentlich: „des Umfallens"] - Derselbe
[5] ... ein Gemisch aus Schleim und Galle. - Ders.
[6] ... ein Ebenbild Gottes. - Jesus (7 v. Chr. - 30 n. Chr.)
[7] ... das kranke Geschöpf innerhalb der Schöpfung. - Augustinus (354-430)
[8] ... das sich seiner Sterblichkeit bewusste Tier. - Ders.
[9] ... das einzige Tier, das mit den Opfern, die es zu essen beabsichtigt, freundschaftliche Beziehungen unterhält, bis es sie isst. - Samuel Butler (1612-80)
[10] ... das einzige Tier, das lacht und eine Staatsverfassung hat. - Ders.
[11] ... das schwächste Schilfrohr der Natur, aber ein denkendes Schilfrohr. - Blaise Pascal (1623-62)
[12] ... das Werkzeuge machende Tier. - Benjamin Franklin (1706-90)
[13] ... ein verdorbenes Tier. - Jean-Jacques Rousseau (1712-78)
[14] ... ein Tier, das Geschäfte macht; kein anderes Tier tut dies - kein Hund tauscht Knochen mit einem anderen. - Adam Smith (1723-90)
[15] ... das Tier, das sich selbst vervollkommnen kann. - Immanuel Kant (1724-1804)
[16] ... das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss. - Ders.
[17] ... das einzige Tier, das arbeiten muss. - Ders.
[18] ... das Wesen, das unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten kommt. - Georg Christoph Lichtenberg (1742-99)
[19] ... das Tier, das einen aufgerichteten Gang hat. - Johann Gottfried Herde (1744-1808)
[20] ... das erste Gespräch, das die Natur mit Gott hält. - Goethe (1749-1823)
[21] ... das einzige Tier, das sich selbst gezähmt hat. - Rivarol (1753-1801)
[22] ... das Wesen, welches will (während alle anderen Dinge müssen). - Schiller (1759-1805)
[23] ... das tollste Ragout, welches je einem himmlischen Kochbuch entschlüpfte. - Christian Ernst Graf von Bentzel-Sternau (1767-1849)
[24] ... ein Gott, wenn er träumt; ein Bettler, wenn er nachdenkt. - Hölderlin (1770-1843)
[25] ... ein denkendes und dadurch freies Wesen. - Hegel (1770-1831)
[26] ... das einzige Tier, das lacht und weint, denn er ist das einzige Tier, das betroffen wird von dem, wie die Dinge sind, und von dem, wie sie sein sollten. - William Hazlitt (1778-1830)
[27] ... das prügelnde Tier; ihm ist das Prügeln so natürlich wie den reißenden Tieren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen. - Arthur Schopenhauer (1788-1860)
[28] ... im Grunde ein wildes Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung. - Ders.
[29] ... ein Tier, das Werkzeuge benutzt. - Thomas Carlyle (1795-1881)
[30] ... das Wesen, welches die oberste Stufe in der sichtbaren Schöpfung einnimmt, welches sich sogar für das Ebenbild Gottes ausgibt, worüber sich jedoch Gott nicht sehr geschmeichelt fühlen dürfte. - Johann Nepomuk Nestroy (1801-62)
[31] ... ein Gott in Trümmern. - Ralph Waldo Emerson (1803-82)
[32] ... ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht. - Georg Büchner (1813-37)
[33] ... ein Blinder, der vom Sehen träumt. - Friedrich Hebbel (1813-63)
[34] ... ein Experiment der Natur. - Ders.
[35] ... ein mit Essen gefüllter Sack. - Morelli (1816-91)
[36] ... eine oben und unten mit einer Öffnung versehene Röhre. - Johannes Scherr (1817-86)
[37] ... das seine Lebensmittel produzierende Wesen. - Karl Marx (1818-83) / Friedrich Engels (1820-95)
[38] ... das arbeitende Tier. - Dies.
[39] ... ein undankbarer Zweibeiner. - Dostojewski (1821-81)
[40] ... ein besonderer Gedanke Gottes; und zwar jeder einzelne. - Paul de Lagarde (1827-91)
[41] ... eine höhere Tiergattung, welche Gedichte und philosophische Systeme auf dieselbe Weise hervorbringt wie die Seidenraupe den Kokon oder die Biene die Wabe. - Hyppolite Taine (1828-93)
[42] ... das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, das Grund dazu hat. - Mark Twain (1835-1910)
[43] ... ein einziger Missgriff der Natur. - William S. Gilbert. (1836-1911)
[44] ... ein Tier, das in verzückte Betrachtung dessen, was es zu sein glaubt, so sehr versunken ist, dass es übersieht, was es ohne Zweifel sein sollte. - Ambrose Bierce (1842-1916?)
[45] ... das Tier, das versprechen darf. - Friedrich Nietzsche (1844-1900)
[46] ... das kranke Tier. - Ders.
[47] ... das Untier und Übertier. - Ders.
[48] ... der Messende, Wertende. - Ders.
[49] ... das Tier, das rote Backen hat. - Ders.
[50] ... ein Seil, das Tier und Übermensch verbindet - ein Seil über einem Abgrund. - Ders.
[51] ... ein mittelmäßiger Egoist: Auch der Klügste nimmt seine Gewohnheiten wichtiger als seinen Vorteil. - Ders.
[52] ... ein Geschöpf, das nicht vom Brot allein lebt, sondern hauptsächlich von Schlagworten. - Robert Lois Stevenson (1850-94)
[53] ... der Triebverdränger. - Sigmund Freud (1856-1939)
[54] ... ein Prothesengott. - Ders.
[55] ... das einzige Lebewesen, das von sich selbst eine schlechte Meinung hat. - George Bernhard Shaw (1856-1950)
[56] ... das arrivierte Tier. Das ist alles. - Rémy de Gourmont (1858-1915)
[57] ... ein vernunftbegabtes Wesen, das immer dann die Ruhe verliert, wenn von ihm verlangt wird, dass es nach Vernunftgesetzen handeln soll. - George Santayana (1863-1952)
[58] ... das Geschöpf, das sich langweilt. - Werner Sombart (1863-1941)
[59] ... das Tier, das sich selbst belügt. - Paul Ernst (1866-1937)
[60] ... das sonderbare Wesen: mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen. - Else Lasker-Schüler (1869-1945)
[61] ... ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur. - Christian Morgenstern (1871-1914)
[61] ... ein Teil der Natur und nicht etwas, das zu ihr im Widerspruch steht. - Bertrand Russell (1872-1979)
[62] ... das denkende Tier. - Ludwig Klages (1872-1956)
[63] ... das unbekannte Wesen. - Alexis Carrel (1873-1944)
[64] ... der Neinsagen-Könner.- Max Scheler (1874-1928)
[65] ... der Gottsucher. - Ders.
[66] ... die ideale Gottesvorstellung eines Hundes. - George Holbrook Jackson (1874-1984)
[67] ... eine Episode, ein Augenblick im Weltschicksal. - Oswald Spengler (1880-1936)
[68] ... das aus sich selbst heraus gefährdete Wesen. - Nicolai Hartmann (1882-1950)
[69] ... das Gemeinste, was lebt, und das Schwächste. - Bertolt Brecht (1884-1956)
[70] ... eine unendlich komplizierte Maschine, um edelsten Rotwein in Urin zu verwandeln. - Karen Blixen (1885-1962)
[71] ... das Maß aller Schneider. - Hans Arp (1887-1966)
[72] ... dasjenige Wesen, das zwischen Gott und der Welt steht. - Friedrich Gogarten (1887-1967)
[73] ... ein wildes Tier, das sich selbst gezähmt hat. - Pierre Reverdy (1889-1960)
[74] ... ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. - Kurt Tucholsky (1890-1935)
[75] ... ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot. - Ders.
[76] ... ein Tier, das schreibt. - Ders.
[77] ... ein Wesen, das nie zuhört. - Ders.
[78] ... eine in der Knechtschaft seiner Organe lebende Intelligenz. - Aldous Huxley (1894-1963)
[79] ... ein Lärmerzeuger, Luftverpester, Wasserverschmutzer, Waldverschandler, Abfallerzeuger en gros, Nahrungsmittelverderber, Erbmassenbedroher, alles durch sein Genie. - John B. Priestley (1894-1984)
[80] ... das dümmste Lebewesen, das die Erde hervorgebracht hat: Er kriecht mit seinem Auto in der Großstadt wie eine Schnecke, nimmt die Umweltgifte in sich auf wie ein Staubsauger und ist obendrein noch stolz auf das, was er zustande gebracht hat. - Ders.
[81] ... ein bedrängtes Wesen, das sich in den Frieden flüchten will. - Ludwig Marcuse (1894-1971)
[82] ... das einzige Lebewesen auf Erden, welches weiß, dass es sterben muss. - Max Rychner (1897-1965)
[83] ... der einzige Primat, der seine Artgenossen ohne biologischen und ökonomischen Grund tötet und quält und der dabei Befriedigung empfindet. - Erich Fromm (1900-80)
[84] ... das einzige Wesen, das imstande ist, sich selber den Daumen zu halten. - Martin Kessel (1901-90)
[85] ... ein Wesen, dem die einzigartige Gabe verliehen ist, Zwiesprache mit sich selbst zu halten. Die einzigen, die diese Zwiesprache mit sich selbst noch versuchen, sind die Schriftsteller. - Hans Erich Nossack (1901-77)
[86] ... der, der immer ein wenig mehr Mut hat, als er verzweifelt ist. - Günther Weisenborn (1902-69)
[87] ... nichts anderes, als was er selber aus sich macht. - Jean-Paul Sartre (1905-80)
[88] ... das einzige Lebewesen, das Lärm und Gestank künstlich erzeugen kann. - Laurence Olivier (1907-89)
[89] ... wie eine Schnecke: ein Weg zu sich selbst. - Stanislaw Jerzy Lec (1909-66)
[90] ... die Krone der Schöpfung. Wie schade, dass es eine Dornenkrone ist. - Ders.
[91] ... ein Abfallprodukt der Liebe. - Ders.
[92] ... das Werk der Literatur, die ihn künstlich von der Tierwelt isoliert hat. - Ders.
[93] ... eine Ganzheit, es sei denn, die Verwandten entscheiden anders. - Ders.
[94] ... das Tier, das Geschichte hat. - Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007)
[95] ... das Tier, das denkt. - Friedrich Dürrenmatt (1921-90)
[96] ... das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. - Loriot (*1923)
[97] ... das gefährlichste Ungeziefer, das die Erde je bevölkert hat. - Friedensreich Hundertwasser (1928-2000)
[98] ... ein Fehler der Natur, der sich selber ausbügeln muss. - Werner Ehrenforth (1939-2002)
[99] ... die Bestie, die bloggt. - Manuel Heßling (*1956)
Und um das Hundert voll zu machen, zum Abschluss noch ein Zitat aus Plato: Kratylos, in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, das ich als Motto in Die Drei von Robert Gernhard, F. W. Bernstein und F. K. Waechter gefunden habe:
[100] „Daher wird unter allen Tieren der Mensch allein Mensch genannt, weil er zusammenschaut, was er gesehen hat."
[Bei der Grundsteinlegung meiner Kartei der „Menschendefinitionen" war mir das Lexikon der boshaften Zitate von Ernst Günter Tange eine wertvolle Hilfe. Ich werde es demnächst in meiner Reihe „Meine 100 liebsten Nachschlagewerke" gebührend würdigen. - Das Titelbild zeigt einen Ausschnit aus dem Ölbild „Das Atelier von David" von Léon-Matthieu Cochereau, der 1817 im Mittelmeer bei Bizerte ertrank. Es befindet sich im Louvre in Paris.]
34 Kommentare
Eine wunderbare Sammlung - danke!
Nr. 24 erscheint mir persönlich "am wahrsten".
#1 von Horst Schimanski am 09.10.07 um 19:39
Mir fällt auf, dass nur eine Frau darunter ist: [60] ... das sonderbare Wesen: mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen. - Else Lasker-Schüler (1869-1945)
Am meisten gelacht habe ich bei:
[96] ... das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. - Loriot (*1923)
Eine Definition die ich aus Loriot und Heßling mische lautet:
Das einzige Lebewesen, das bloggend eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (aktuell: Kürbissuppe)
#2 von Reiner Stock am 09.10.07 um 19:47
..ein vernunftbegabtes Wesen, das immer dann die Ruhe verliert, wenn von ihm verlangt wird, daß es nach Vernunftgesetzen handeln soll. - Oscar Wilde (1854-1900)
#3 von dieJenny am 09.10.07 um 20:59
...des Menschen Wolf.
>Homo homini lupus - Plautus (ca.250 - 184 v.Chr.)
Bekannt wurde der Spruch aber durch Thomas Hobbes (1588 - 1679)
#4 von Horst Schimanski am 09.10.07 um 21:18
Sehr interessante Liste! Habe auch noch so eine Uralt-Kartei aus der Vor-Computer-Zeit, mit lauter Zitaten, die ich leider irgendwann nicht mehr weitergeführt habe. Daraus als Nachtrag zum Thema keine lupenreinen "Definitonen", doch Seitenstücke dazu:
"Jeder Mensch ist ein Museum, das die Scheußlichkeiten der ganzen Rasse beherbergt." (Henry Miller, "Schwarzer Frühling")
"Die Menschen können hie und da hintergangen werden, der Mensch nie." (Lichtenberg, "Über Physiognomik")
"Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht." (Thomas Mann, "Der Zauberberg")
"...kein Wort mehr von 'Menschheit' (...) Je schwerer es einem wurde, ein 'rechter Mensch' zu werden, desto weniger mochte man große Worte in den Mund nehmen." (Robert Walser, "Der Gehülfe)
#5 von Bernd Berke (WR) am 09.10.07 um 21:25
Menschen, die: Daseinsform aus der Familie der sprachbegabten Säugetiere, aufrecht gehender Daumenträger von mäßiger Intelligenz (nur ein Gehirn). Menschen verfügen über zwei Arme, zwei Beine, einen Kopf, aber keinerlei magische, eydeetische oder telepathische Fähigkeiten, was sie in Zamonien zu Außenseitern macht...
Aus dem "Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung" von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller
(Walter Moers: "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär")
#6 von katastrophia am 09.10.07 um 21:33
@ #6: Hihi, "nur ein Gehirn" ist gut...
#7 von dieJenny am 09.10.07 um 21:37
#7 dieJenny: Genau deswegen zitiere ich diesen Fakt auch gern im täglichen Leben.:-)
#8 von katastrophia am 09.10.07 um 21:41
Schließe mich an... SEHR schöne Liste. Aus meiner Sicht wäre inhaltlich - vielleicht - noch Hölderlins Definition beizusteuern:
"In uns ist alles."
#9 von Sunzi Sonnenschein am 09.10.07 um 21:45
Das scheint mir die Mutter aller Listen, heiliger Bimmbamm (übrigens der Schutzheilige aller Blogger).
#10 von Jürgen Overkott [WR] am 09.10.07 um 21:52
@ katastrophia: Werd versuchen, es mir zu merken, damit ichs demnächst irgendwo anbringen kann. :D
#11 von dieJenny am 09.10.07 um 22:16
Also jetzt mal ernsthaft: Da sind aber ganz viele biologische Beschreibungen für den Menschen in der Liste. Die reichen doch alle nicht aus um "den" Menschen zutreffend zu beschreiben.
Also ihren Impuls Herr Heßling: "in die blaue Tonne damit" kann ich gut nachvollziehen. - Beispielsweise alle, die mit "Der Mensch das Tier, ..." beginnen: Da würde ich das eine oder andere rauspicken, vielleicht weil man drüber lachen kann oder es fürs "Museum überholten Wissens" aufheben will, aber der Rest kann in die Tonne.
Die Atome und das Universum entwickeln sich nach Gesetzen, die sich seit Milliarden von Jahren nicht geändert haben. Die Gattung Mensch zu der wir gehören - unsere Gene - ist seit 100.000 Jahren unverändert.
Und wie erkläre ich mir mit Biologie hinreichend, dass wir beispielsweise hier jetzt bloggen und nicht die uns biologisch gleichen Menschen vor vielen tausend Jahren schon das Bloggen erfunden haben?
Die Antwort ist ja ganz einfach. Das läßt sich nur erklären aus der gesellschaftlichen Entwicklung die die biologisch identischen Menschen seit anbeginn ihrer Existenz auf dem Globus gemacht haben. Und die menschlichen Gesellschaften beschreiben die Soziologen. - Bei denen haperts aber offensichtlich noch etwas an zutreffenden Erklärungen.
Nur eins ist auch klar: die Physiker und die Biologen können das Bloggen nicht hinreichend erklären.
P.S.: darf ich Sie noch auf einen Jahreszahlen-Tippfehler bei #18 Lichtenberg hinweisen. Es ist 1742-99 und nicht 1842-99.
#12 von Reiner Stock am 09.10.07 um 23:33
@#12 Reiner Stock: "darf ich Sie noch auf einen [...] Tippfehler [...] hinweisen" - Keine Frage! Für solche Hinweise meiner gründlichen Leser bin ich jederzeit aufrichtig dankbar!
#13 von Revierflaneur am 10.10.07 um 00:00
"Nur eins ist auch klar: die Physiker und die Biologen können das Bloggen nicht hinreichend erklären."
Da möchte ich dir entschieden widersprechen, Reiner. Bloggen ist ein überaus natürliches und keineswegs unerklärliches Phänomen. Beispielsweise, wenn du es evolutionsbiologisch betrachtest.
Kommunikation
--> verbale Kommunikation
--> nonverbale Kommunikation
Verbale Kommunikation
--> orale Kommunikation
--> verschriftete Kommunikation
Verschriftete Kommunikation
--> Papyrus
--> Buch
--> Zeitung
...
--> Blog
Das passt wunderbar in die beobachtbare Ausfaltung unseres Universums nach der bekannten Trial-and-Error-Methode, wie Sie u.a. die Biologie erklärt. Es gibt dabei in jedem Bereich des Lebens so viele Varianten, dass Blogs mir da eher langweilig vorkommen, da sie bloß eine zu nahe liegende sind.
Ja. wenn Manuel Hessling und ich morgen telepathisch miteinander kommunizieren könnten... DAS fände ich eher überraschend und unerklärlich. :o)
#14 von Sunzi Sonnenschein am 10.10.07 um 02:34
@#14 Sunzi Sonnenschein: Exakt die gleiche Argumentationskette ging mir heute Nacht um halb Drei auch durch den Kopf ;-)
#15 von Revierflaneur am 10.10.07 um 09:20
Wenn das kein... Zufall ist! Hehe.
#16 von Sunzi Sonnenschein am 10.10.07 um 09:25
@14 Sunzi, das wird ´ne hart Nuss.
Sicher ist das Bloggen "natürlich" und erklärlich: Im Universum hat sich die Erde gebildet auf der Leben entstand und durch Evolution tauchte die Gattung Mensch auf und die bloggt jetzt. Und was habe ich jetzt von der Erkenntnis?
Also wie erklärst Du Biologe mir jetzt dass die Gattung Mensch seit kurzem bloggt, obwohl sich seit 100.000 Jahren an den Genen nix geändert hat?
Deine schöne Liste:
"Kommunikation
--> verbale Kommunikation
--> nonverbale Kommunikation
Verbale Kommunikation
--> orale Kommunikation
--> verschriftete Kommunikation
Verschriftete Kommunikation
--> Papyrus
--> Buch
--> Zeitung
...
--> Blog"
Das ist doch keine biologische oder physikalische Beschreibung, sondern die Begriffe haben wir uns im Laufe der Entwicklung der menschlichen Kommunikationsbedürfnisse gebildet.
#17 von Reiner Stock am 10.10.07 um 17:58
#17 Der Drang zur Exploration ist beim Menschen genetisch verankert. Ebenso das elementare Bedürfnis nach Kommunikation, dessen Befriedigung sogar überlebenswichtig ist. Aus beidem ergibt sich, dass der Mensch unablässig die verschiedensten Varianten sucht, (er)findet und durchspielt, um beide genetisch bedingten Forderungen zu erfüllen und so seinen unablässigen Anpassungsprozess an seine Umwelt zu vervollkommnen. Dass sich in diesem Prozess das Bloggen entwickelt hat, ist nichts als naheliegend, denn bei diesem Prozess bauen die verschiedenen Generationen natürlich stets auf den Erfahrungen ihrer Vorgänger auf. Das wiederum ist der kulturelle Fortschritt. Verkürzt gesagt ist dieser kulturelle Prozess im Grunde das, was uns von Tieren unterscheidet und den Menscehn im vergleich biologisch so "erfolgreich" macht. Das Bloggen ist also zwar kein genetisch fixierter, aber in jedem Falle ein genetisch bedingter Akt der in völliger Übereinstimmung mit dem geschieht, was uns biologisch auszeichnet.
Die Begriffe stehen übrigens für bestimmte Handlungen oder Dinge. Den Hammer gab es zuerst. Dann erst wurde er benamt. Auch die Sterne waren schon da, bevor man ihnen Namen gab etc. Insofern lasse ich deinen Einweand nicht gelten. Nur, weil wir Namen für Handlungen und Dinge finden heißt das nicht, dass diese keine biologisch bedingten Abläufe bezeichnen.
Wenn du "nur" darauf hinaus willst, dass das Bloggen nicht explizit in der DNS verankert ist, werden wir uns schnell einig. Aber was hätte man schon von solch´ einer Erkenntnis? :)
#18 von Sunzi Sonnenschein am 10.10.07 um 20:08
@18 Wat is der Mensch? Am beste stelle mer uns da ma janz dom:
Die Sterne, das Leben auf der Erde, die gesellschaftliche Entwicklung der Menschen. Die drei Dinge sind glaube ich wichtig zu unterscheiden.
Sind wir BIOLOGISCH erfolgreich? wie Du schreibst. Was ist der Maßstab? 100.000 Jahre Gattungsgeschichte? 5 Mrd. Exemplare Mensch auf der Erde. Ist das wirklich relevant für die Entwicklung des Lebens auf der Erde?
´Nen Unterschied zwischen ´nem Hammer und ´nem Stern würde ich dann doch machen. Den Hammer gäbe es ohne Menschen nicht, die Sterne schon.
Was meinst Du, wenn Du schreibst: "Das Bloggen ist also zwar kein genetisch fixierter, aber in jedem Falle ein genetisch bedingter Akt der in völliger Übereinstimmung mit dem geschieht, was uns biologisch auszeichnet."
Unsere biologische Grundlage, die die bioloische Wissenschaft erforscht, bildet den Rahmen (z.B. Geburt und Tod), in dem wir Menschen einen Freiraum haben, den wir gestalten können und der sich wandelt. Und den wir mit Begriffen wie Kultur beschreiben.
Ich denke es geht oft noch durcheinander, was unsere biologischer Rahmen ist und was unser kultureller Freiraum.
#19 von Reiner Stock am 10.10.07 um 21:29
Folgender Aphorismus von Karl Kraus spricht mich schon seit einiger Zeit an:
"Menschen, Menschen san mer alle - ist keine Entschuldigung, sondern eine Anmaßung."
#20 von Günter Landsberger am 10.10.07 um 22:45
#19 Ob man da wirklich unterscheiden muss, lass ich mal dahingestellt. Eines meiner Lieblingszitate ist dieses berühmte von Carl Sagan: "Wir sind alle Sternenstaub, das Sternenlicht sammelt." :)
Ob wir biologisch erfolgreich sind können wir gerne philosophisch betrachten, Innerhalb der Biologie beantworten diese Frage so gut wie alle Fachleute mit Ja. Der Mensch könnte übrigens innerhalb weniger Stunden sämtliches Leben oberhalb der Einzeller auf der Erde zerstören. Wenn das nicht relevant für die Entwicklung des Lebens auf der Erde ist, dann weiß ich es nicht.
Ich habe versucht zu erklären, wie das Bloggen sich recht leicht vor dem Hintergrund unseres biologischen Apparats und grundlegender menschlicher Antriebe erklären lässt. Danach hattest du ja gefragt. Dass kulturelle Prozesse, wie die Entwicklung neuer Kommunikationsformen sich nur unter bestimmten biologischen Vorgaben entwickeln können und verstehen lassen. "Durcheinander" geht es meiner Meinung nach da also nicht.
#21 von Sunzi Sonnenschein am 10.10.07 um 23:25
@21 "Wir sind alle Sternenstaub, das Sternenlicht sammelt." ist knackberühmt, gut, wäre berühmter, folgte nach Staub DAS sammelnde Tuch.
Oder: ...Staub, IM Sternenlicht rammelt.
Oder: Ist das Kunst? Sagan!
#22 von Blinkfeuer am 10.10.07 um 23:47
Lieber Sunzi, danke, dass Du so mit mir diskutierst.
Ich glaube es wäre besser, wenn man genauer zwischen den drei Bereichen menschlichen Wissens:
1. Sternen, Atomen = Physik
2. Leben auf der Erde = Biologie
3. Menschengesellschaften, Kultur, Zivilisation = Soziologie
unterscheiden würde.
Wir bestehen aus "Sternenstaub" und werden zu "Sternenstaub", wenn Du so willst. Aber wir sind eben auch mehr als Sternenstaub.
Und die Biologie definiert uns Menschen. Aber eben nicht hinreichend. Und ob das Leben im Universum "erfolgreich" ist, weil wir Menschen es vielleicht wieder bis auf das Stadium von Einzellern zurückwerfen können, ist ein seltsames Kriterium um Erfolg zu messen.
Wenn auf so einem Planeten im Universum wie der Erde Leben entsanden ist, was macht uns da so sicher, dass wir hier einzig sind. Wenn sich aus dem von der Physik beschriebenen Universum hier auf der Erde Leben entwickelt hat, wieso soll das nicht auch woanders möglich sein, wenn die Bedingungen ähnlich sind.
Ungenauigkeiten stecken meiner Meinung nach in den von Dir verwendeten Begriffen "unseres biologischen Apparats" und "grundlegender menschlicher Antriebe". Da ist schon noch einiges Durcheinander.
#23 von Reiner Stock am 11.10.07 um 00:00
@22 Blinkfeuer, oder:
"Sternenstaub, der im Sternenlich stammelt" hat auch was.
#24 von Reiner Stock am 11.10.07 um 00:18
Oder ... der Mensch, der im Sternenlicht gammelt.
Wobei das ja entweder sehr romantisch sein kann vor allem wenn Mann und Frau das in einer lauen Sommernacht tun.
Oder es geht um die Verwesung also die Auflösung des Menschen in seine Bestandteile wenn er tot ist: Sternenstaub.
#25 von Reiner Stock am 11.10.07 um 00:28
#23 Äh. Ja.
Was wolltest du nochmal genau wissen? Ich fürchte, wir haben uns irgendwie von der Ausgangsfrage entfernt. :)
#26 von Sunzi Sonnenschein am 11.10.07 um 02:31
Homo ludens (Huizinga - Schiller)
#27 von Günter Landsberger am 11.10.07 um 13:09
@25 Ich befürchte auch, dass wir uns da etwas verheddert haben.
Bis später vielleicht. - zum Spielen? Na ja, das ist schon etwas mehr.
#28 von Reiner Stock am 11.10.07 um 14:51
...siehe auch die Liste von W. Sombart, Vom Menschen, 1938, S. 3 ff.
#29 von Sascha am 13.02.08 um 21:22
ich wuerd so den begiff mensch definieren:
d mensch,
ich weiss es
aber ich sags
nett her
;.)
#30 von tmk am 13.02.08 um 22:14
jetzt fehlte doch ausge-echnet
bei begiff ein rollendes R.
begriff, muss es heissen.
;;)
#31 von tmk am 13.02.08 um 22:37
@#29-31 Sascha und tmk: Ich bin zu Tränen gerührt, dass solch eine olle Kamelle von mir hier noch mal per Kommentar reanimiert wird. Gerade neulich fiel mir eine besonders zynische Antwort zu auf die alte Frage "Was ist der Mensch?":
Der Mensch war das sprachbegabte Lebewesen, das kurz vor seinem Verlöschen zu der Einsicht fand: "Wer Kinder liebt, der zeugt jetzt keine mehr." (Hanswilhelm Haefs)
#32 von Revierflaneur am 13.02.08 um 22:53
32, ehrlich flaneur wenn es sowas gab kannte ich es nicht von ihnen bin ja noch nich so lang dabei
vermute irgendwo in diesem ewig langen beitrag über das wort gott. das ich da nicht alles gelesen habe erklärt sich doch von selbst.zeigen sie mir die stelle. aber geklaut nie und nimmer und nein.
aber wenn es eine zufällige übereinstimmung geben würde, fänd ich das lustig.
#33 von tmk am 13.02.08 um 23:14
und zu der sternstaub diskussion, phillip pullman schreibt gerade ein buch über staub das ich kaum erwarten kann.
#34 von tmk am 14.02.08 um 00:06