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30 Jahre „Schreibheft“

Zwischen Glück und Grete

In der ausverkauften „Heldenbar" im Essener Grillo-Theater wurde gestern Abend ein denkwürdiger Geburtstag gefeiert - der genau genommen allerdings einen kleinen Schönheitsfehler hat. Das Kind, das im Jahre 1977 das Licht der Welt erblickte, war nämlich genau besehen eine rechte Missgeburt. „Schreibheft" hieß das Heftchen - und so sah es auch aus. Mit der „Zeitschrift für Literatur", die später als eines der anregendsten und wagemutigsten Periodika dieses Genres reüssierte, hatte dieses von Winfried Bienek und Ulrich Homann kaum über die Essener Stadtgrenzen hinaus verbreitete Blättchen nicht mehr als den Namen gemein.

 

Nicht umsonst hat Norbert Wehr, der erst später dazustieß und bald zum eigentlichen „Macher" der Zeitschrift wurde, den fünfbändigen Reprint bei Zweitausendeins (1997) erst mit Heft 22 aus dem Jahr 1983 beginnen lassen. Was davor war - davon schweige des Sängers Höflichkeit. Oder sagen wir's taktvoller: Das waren Wehrs Fingerübungen vor dem großen Auftritt, zu dem Hermann Wallmann (der übrigens bei der Geburtstagsparty unentschuldigt fehlte) ganz sicher über viele Jahre einen nicht zu unterschätzenden Beitrag als Co-Redakteur leistete.

 

Dass ausgerechnet in Essen eine avantgardistische Sumpfdotterblume wie das „Schreibheft" sich zur witterungsbeständigen Orchidee entwickeln konnte, ist auch im Rückblick annähernd so unwahrscheinlich wie das Erscheinen von Thomas Pynchon an diesem Abend in der „Heldenbar". Beate Scherzer von der Buchhandlung proust, die als Veranstalterin in ihrer immer von ganzem Herzen kommenden Fröhlichkeit den Abend eröffnete, tröstete ihr Publikum (und den Star des Abends) über Pynchons Fernbleiben hinweg - wobei ich mich frage, warum sie in dieser Sache so sicher war. Vielleicht weilte doch mindestens eins der Enden der Parabel mitten unter uns?

 

Besonders gut kommt bei solchen Veranstaltungen der Hochkultur - der Revierflaneur ist bekanntlich ein ausgewiesener „Fan" der Hochkultur - der programmgemäße Auftritt der kulturpolitischen Funktionsträger, die uns intime Einblicke in ihre Schlafzimmer gewähren. Diesmal war's kein geringerer als Dr. Oliver Scheytt, „Vater der Kulturhauptstadt 2010", der freimütig gestand, das „Schreibheft" immer auf seinem „Schreibtisch, äh, Nachttisch" liegen zu haben. Auch den Zweitausendeins-Reprint hat er sich geholt - und trotzdem die zuvor erschienenen Hefte nicht zum Altpapier gegeben, weil er darauf spekuliert, dass seine Erben sie in fünfzehn Jahren oder so für viel Geld als Sammlerstücke verhökern können. Worum doch so die Gedanken eines Kulturdezernenten keisen, das ist schon interessant.

 

Ich saß übrigens auf weichem Polster zwischen Glück und Grete, mit bestem Blick auf das rote Sofa, wo die Literaturchefin der Frankfurter Rundschau, Ina Hartwig, den „Schreibheft"-Herausgeber Norbert Wehr interviewte. Wehr ist nach meinen persönlichen Erfahrungen - ich kenne ihn "per Du" mindesten so lange, wie es das „Schreibheft" gibt - ein eher widerständiger Gesprächspartner. Man könnte auch sagen: Er bekommt die Zähne schwer auseinander. Kompliment an Frau Hartwig: Es gelang ihr immerhin Fragen zu stellen, die keine (für uns Zuhörer) allzu strapaziösen Bedenkzeiten beim Befragten verursachten.

 

Wir erfuhren: dass Norbert Wehr den vor zwei Jahren verstorbenen Thomas Kling für den bedeutendsten Lyriker seiner Generation hält; dass er den ersten Anstoß zu seinem Lebenswerk von Nicolas Born empfing, als dieser 1975 auf Betreiben von Jürgen Manthey an der GHS Essen als „poet in residence" auftrat und ihm Namen wie Hans Henny Jahnn, Louis-Ferdinad Céline und Rolf Dieter Brinkmann erstmals nahe brachte; dass er Peter Handke als einen „souveränen Pop-Star" der Literatur erlebte; dass es ihm Spaß gemacht habe, den Hanser-Verlag mit seiner Melville-Nummer zu ärgern und damit gleichzeitig dem düpierten Übersetzer Friedhelm Rathjen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; dass er sich auf ein in Planung befindliches Serbien-Heft schon unbändig freue, unter der Schirmherrschaft von „Pop-Star" Handke; und sich ebenso freue auf die zu erwartenden Konflikte, obwohl er privatim ein eher ängstlicher Mensch sei; und noch manch anderes mehr.

 

Auf einer Geburtstagsfeier ist es ja eigentlich nicht angebracht, Abfälliges über das Geburtstagskind zu sagen. Und dem „Schreibheft" kann man in Deutschland sowieso nur allerhöchstes Lob spenden: Weil es nämlich, was die „avancierte Literatur" (watt fürn bekackter Ausdruck!) angeht, konkurrenzlos dasteht. Und doch wagt der Revierflaneur ein Diktum, das dem vielfach Prämierten (Hermann-Hesse-Preis1994, Förderpreis zum Kurt-Wolff-Preis 2001 u. a.) sicher nicht schmecken wird: Typographisch war das „Schreibheft" über viele Jahre eine Folterbank für seine Leser! Viel zu lange Zeilen! Und diese unsägliche Arial! Das sah immer so aus, als wollte man jene, die bereit waren, sich mit inhaltlich nicht eben leicht verdaulichen Texten zu befassen, zusätzlich noch damit quälen, dass man diesen Gutwilligen den „Fraß" nicht auf Tellern, sondern im Rinnstein servierte.

 

Die Intermezzos - von Anselm Glück und Ivana Sajko - waren: ersteres „nomen est omen", letzteres ermüdend. Den anschließenden Umtrunk im Café Central sparte ich mir, um dies zu schreiben.

 
 
 

4 Kommentare

In der Tat ist das "Schreibheft" ein hervorragendes Periodikum und ihm ist ein weiteres langes Leben zu wünschen. Aber, lieber Manuel Heßling, es ist immer ein Problem, über etwas zu schreiben wenn man nicht dabei war. Dann sind die Infos stets aus zweiter Hand, und solche haben oft nur den Wert eines "Stille-Post"-Spiels. Bekannt sollte eigentlich sein, dass das "Schreibheft", entstanden ist aus einem fürwahr armseligen ersten Heft, das aber bereits im zweiten Jahr, wo es sich auf Initiative von Ulrich Homann und mir mit dem Aachener "Fenster" vereinigte, Lob auf sich gezogen hat - von niemand Geringerem als Alfred Andersch, um nur ein Beispiel zu nennen. Das war die Zeit, als gerade Heinrich Vormweg drei meiner Gedichte in "Neues Rheinland" veröffentlich hatte und es tat gut. Für die Arbeit von den Anfängen bis 79 wurde dem Doppelheft "Schreibheft"/"Fenster" der Aachener Literaturpreis zuerkannt.
Übrigens war die Intention damals eine andere als heute: Es ging nicht darum, der Hochliteratur oder verlorenen Schätzen nachzuspüren, sondern Nachwuchs-Autoren ein Forum zu bieten. Dazu kam ein politischer Anspruch mit Berichten über Zensurfälle, Nazi-Literatur etc, Themen, die heute wieder brandaktuell sind. Wir Schreibheft-Macher aus den Anfängen wollten - welche Anmaßung, zugegeben - ein kleines Korrektürchen sein an der geballten Macht des Literatur - Managements der Verlage und des Buchhandels, die vorgaben, "Literatur" sei ihnen wichtig, heilig gar, dabei ging und geht es schlicht um Geld, Marktanteile, Teilhabe und Formung dessen,was die Menschen denken. Und den Zuarbeitern der Branche um persönliche Profilierung und das Gefühl, ein wenig am Tisch der Literatur-Entscheider mitzusitzen. Das ist in Ordnung im real existierenden Kapitalismus, und ich habe, als ich als Texter Werbung gemacht habe für große Verlage und den Buchhandel, das auch nicht für den sprichwörtlichen warmen Händedruck getan. Nur war mir klar: Der Zweck heiligt die Mittel - und nicht, wie das manchmal velwechsert (Danke, Jandl) wird, den Mittler.
Soweit will ich es offen halten, mein kleines Korrekt-Türchen an Deinen Schilderungen, Manuel. Trotzdem weiter viel Erfolg!

#1 von Wilfried H. Bienek am 01.10.07 um 15:09

 

Zufällig gerate auch ich auf diese Seite und finde es einigermaßen lustig, wie da über die Anfänge des Schreibhefts diskutiert wird. Auch für Norbert Wehrs spätere Arbeit war es ja wichtig, dass überhaupt mal etwas angefangen wurde, auch wenn mittlerweile von den Anfängen nur noch der Name übrig geblieben ist, der also schon mal nicht so schlecht gewesen sein kann. Vieles, was später in hellem Licht erstrahlt, hat mal als kleine Funzel angefangen. Selbst das erste Heft wurde 1977 (!) anders wahr genommen als heute. Wir haben es mit Rubbelbuchstaben gemacht. Dies heute mit den Möglichkeiten der PCs zu vergleichen, ist aberwitzig. Man sollte den Gründern ein Atom der Ehre, die dem Schreibheft gebührt, überlassen. Sie haben es verdient.

#2 von ulrich homann am 12.10.07 um 15:44

 

@#2 ulrich homann: Drei Atome der Ehre habe ich soeben den "Schreibheft"-Gründern überlassen, indem ich die Titelseiten der ersten drei Hefte nachträglich in meinen Beitrag oben eingefügt habe. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, indem ich bekenne, dass ich's von Norbert Wehr ehrlicher gefunden hätte, wenn er seinen 2001-Reprint ganz authentisch mit Heft 1 begonnen hätte, statt die ersten 21 Hefte untern Tisch fallen zu lassen. Vielleicht konnte er das ja aber auch bei Lutz Kroth nicht durchsetzen? Ach was, er schämte sich der dilettantischen Vorgeschichte - die aber vermutlich ebenso begeistert bei der Sache war. Doch vorm hohen Gericht der Literaturkritik geht's unterm Strich nicht um Begeisterung, sondern um Qualität. Das ist gnadenlos, aber leider nicht zu ändern.

#3 von Revierflaneur am 12.10.07 um 18:26

 

#4
Ohne vorausgegangenen, begleitenden und nachkommenden Dilettantismus würde es vielleicht dennoch manchmal bedeutende Kunst, aber wohl keinen großen Kunstsinn geben.

#4 von Günter Landsberger am 04.11.07 um 08:44

 

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