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Tagebuch von der Odyssee Europa

Irrfahrt, der erste Teil - mit Guter Nacht!

Juchuh. Jucheissassa. Die ersten Schritte der Odyssee sind gemacht. Und während Homer seine Odyssee beginnt mit den Worten

 

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet

 

Waren meine ersten Worte;: „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie es von hier zum Grillo-Theater geht?" Die erste Erkenntnis also: Selbst als Bochumerin kann der Weg nach Essen weit sein. 

 

Vor dem Grillo-Theater wartet schon eine Schlange von Reisenden auf ihr Check-In. Diverse Schiebeköfferchen sind zu sehen, Schals, Mützen, dicke Schuhe - ja, so sehen sie aus, die modernen Weggefährten von Odysseus. Ich muss erstmal zum Presseschalter, wo mir freundlich erklärt wird, dass ich heute einen Reisebegleiter habe, den ich später an meinem Gruppensymbol - ein Schiffchen - erkennen werde. Er oder Sie soll mich dann nach Bochum, zur zweiten Station fahren.

 

Auf einem Weg, der sein eigener, spezieller ist. Mit einem Gefährt, das bislang nur er kennt - ob Jaguar, Fahhrad oder U-Bahn. Ich lasse mich überraschen.Beim Check-In geht es zügig, ich werde meine dicke Jacke los - und schon stehe ich hier im Café des Essener Grillo-Theaters und darf - warten. Die Vorstellung beginnt um 11.30 Uhr. Areteia von Grzegorz Jarzyna.

 

Der gebürtige Pole hat Philosophie, Theologie und Regie studiert. Seine ersten Arbeiten befassten sich mit dem absurdem nach Theater Stanislaw Ignacy Witkieicz. Er ist künstlerischer Leiter des Teatr Rozmaitości in Warschau, das er zu einem der populärsten und fortschrittlichsten Bühnen Polens gemacht hat. Der mit dem Nestroypreis ausgezeichnete Künstler wird mit seinen Inszenierungen regelmäßig auf internationalen Festivals eingeladen.


Das Stimmengewirr um mich herum wird lauter, die Menschen mehr. Ich bin gespannt. Die Irrfahrt beginnt.

 

Areteia von Grzegorz Jarzyna im Schauspiel Essen 

 

Areteia Einlass, Chaos, Suche der Plätze, falsche Reihe, doch wieder raus und woanders rein. Durcheinander. Dann Dunkel.

Und ein Odysseus (Andreas Grothgar), der von dem sirenenartigen Gesang einer Göttin geweckt wird, die immer wieder seinen Namen ruft. Ein beinahe sanftes Erwachen in einem Albtraum. Odysseus ist zurück und doch nie fort gewesen. Sein Sohn Telemach (Krunoslav Sebrek) ist ein verwöhnter Bengel mit aufgestelltem Polo-Hemdkragen, der seine jugendliche Wut an seinem Tennisspiel auslässt. Seine Gattin Penelope (Katarzyna Herman) wird auf Cocktailpartys von zombieartigen Freiern belagert, die sich gierig an ihr weiden, sie berühren, sie besitzen wollen. Und Odysseus Vater Laertes sieht freudig zu, wie der Hof beim Rockkonzert um die Macht ringt. Odysseus kehrt zurück, als sei er im All gewesen - so sehr sind die Begegnungen von Fremdheit, Hass, Angst und Unfähigkeit zur Berührung geprägt. Nur mit seinem Sohn Telemach findet er eine Verbindung - denn er will sein wie sein Vater. Was in diesem Fall bedeutet: Zum Mörder werden. Odysseus tötet Laertes, Telemach tötet Odysseus. Und die Götter, die wie Mr. Spock aussehen und in ihrem Gemisch aus Altgriechisch und Polnisch so entrückt sind, wie die Figuren in den Nebenräumen von David Lynch, können nur kommentieren und zusehen - zu menschlich, ja sterblich sind sie geworden. Es ist ein Spiel mit Licht und Live-Musik, Menschlichkeit und Erstarrung in das Grzegorz Jarzyna uns stürzt: Das Ausloten von Vater-und-Sohn-Beziehungen, Hoffnung, Gewalt, Erotik, Desillusonierung. Das Ende schließlich ist wie der Anfang - und erinnert daran, dass auch die Odyssee von Homer selbst als Erinnerungs-Erzählung angelegt ist. Fraglich allerdings, dass Grzegorz Jarzyna anders als im Original Odysseus seinen Vater töten lässt - und somit den ödipalen Konflikt in die Odyssee einflechtet.  

 

Samstag, Essen, 14.30 Uhr

 

Vom Theater stürzen wir uns in die Essener Realität, durch die Shopping-Meile in eine Mini-Baguetterie, die noch andere Reisende besetzt haben, So knapp wird es mit der Fertigstellung von Spinat-Broten, dass der Futterneid wächst. Und die Uhr tickt, fordert eine Änderung des Plans. Wir stürzen uns in ein Gruppentaxi - auf zum elften Gesang in Bochum!

 

Der Elfte Gesang von Roland Schimmelpfennig im Schauspiel Bochum

 

Eine Guckkastenbühne. Unzählige Menschen, in der Bewegung erstarrt. Bevor der Zuschauer sie zu sehen bekam, wogten Wellen über eine Leinwand, ins Negativ gekehrt. Roland Schimmelpfennig ist unter den sechs Autoren der Odyssee Europa derjenige, der mit seinem Text Homer besonders nah ist- gleichwohl hat er die Szenerie ins Heute versetzt: Kirke bedient an der Fleischtheke bei Kaisers, Odysseus ist mal Notarzt, mal der Mann vom Schuhdienst, ist irgendwie in allen ein wenig. Der Weltenzerstörer reist hinab, in die Unterwelt, den Hades, wie er es auch in Homers Vorlage tut. Er muss einen Blinden treffen, Teiresias, um in seine Zukunft sehen zu können. Doch auch die Toten warten auf ihn, zu Hunderten, auf ihn, der sie in diese Unterwelt geschleudert hat. Sie erzählen ihm von seinen Träumen - die doch seine Realität ist. Er hilft ihnen, ihre Erinnerungen wiederzufinden. „Schön war die Zeit", sagt einer. Und ein anderer fragt nach dem Moment, in dem er wirklich lebendig war.

 

Roland Schimmelpfennig, sonst eher auf zarte Töne abonniert, schreibt Szenen mit mächtiger Wucht und brachialen Emotionen. Er jongliert mit Zeitebenen, verschiebt Wort und Aktion, setzt auf Wiederholungen und Abbrüche; kurzum er schöpft die Bandbreite von Sprache aus. Und Regisseurin Lisa Nielebock bringt eine erneute Brechung auf die Bühne, indem sie die Darsteller die erhitzten Verse cool und ruhig mit Zigarettenqualm auspusten lässt, die Aktion teils in Zwischentitel verbannt. Sie sucht auch Analogien zum Text, verweist allein schon mit der Guckkastenbühne auf das Spiel von Sein und Schein, spielt mit Licht, Schatten und beeindruckenden Videosequenzen. Die Darsteller agieren immer wieder am Rand der Bühne, die Kommunikation verpufft ins Leere, Spieler schlurfen ganz ohne Sprache oder werden von chorischen Zwischenszenen abgelöst. Ja, in einer Szene kriechen gar die Geister bleich und schwer atmend aus der Unterwelt hervor... Sicherlich ist das teils recht statische der Inszenierung, der Kontrast von leidenschaftlichem Text und coolem Bühnenerlebnis, eine Herausforderung für die Odyssanten und manch einer hustet, nickt ein, raschelt nach Bonbons. Das aber ist wohl mehr den Umständen geschuldet. Denn die Inszenierung und das Stück - sowie die Darsteller, allen voran Wolfgang Michael als Odysseus und Margit Carstensen - bekommen langen Applaus.

 

 

 Samstag, 18 Uhr

 

Mit einem Megaphon werden die Odyssanten aus dem Bochumer Haus gelockt. Linienbusse warten. So viele Menschen wie nur irgend möglich quetschen sich hinein. Es geht zum Rhein-Herne-Kanal - zum Boot fahren. Mit Trolleys und Rucksäcken wandern die Odyssanten im Industriegebiet entlang, zu den zwei wartenden Schiffen. Bei Sauerkraut und Kassler sinkt die Santa Monika elf Meter tief in die Schleuse, während sich die Reisenden über ihre Nachmittagserlebnisse austauschen. Hattinger Altstadt, Frühstückscafé in Gelsenkirchen, Zeche Zollverein in Essen - die Ziele waren so bunt, wie es die Odysse ist.

 

Penelope von Enda Walsh im Theater Oberhausen

 

War in Bochum Purismus, ist am Theater Oberhausen in der Inszenierung von Tilman Knabe Chaos. Abgebrochene Fliesen an den Wänden erinnern noch vage an den trockengelegten Swimmingpool, in dem vier Freier von Penelope ihrer harren, im Wust aus Plastikplanenhäuschen, alten Campingstühlen, Decken, Regalen. Während Odysseus sich auf den Weltmeeren tummelt, fristen die Vier ihr Dasein auf einer Müllhalde ehemaliger Pool-Dekadenz - und Warten. Darauf, dass einer von ihnen erhört, von Penelope erkoren wird. Sie sind die letzten von hundert, nach 20 Jahren. Doch in dieser Nacht hatten sie alle den gleichen Traum, der somit eine Prophezeiung ist: Odysseus wird zurückkehren und sie alle töten. Es ist ihr letzter Tag, ihre letzte Chance auf Kampf, Sieg, Ehre, Würde.  Ähnlich Gefangenen in amerikanischen Folterlagern werden sie von einer schrillen Sirene aus ihren Wortgefechten gerissen, wenn die Videokamera angeht und die verehrte Penelope in ihren BigBrother-Pool schaut. On Air werben sie, versuchen es mit Softpornos, Ehrlichkeit, Show. Weil  ihnen in ihrer Vergangenheit aber ihr Erfolg, ihre Geschäfte, ihre Heldentaten wichtiger waren, ist ihnen allen fremd, was Liebe ist. Sie sind Möglichkeiten dessen, was Odysseus geworden sein könnte.

 

Bei ihnen aber ist es vielmehr das Warten, das ganz im Beckettschen Sinne ihre Existenz definiert. Sie treiben sich gegenseitig in den Tod, gnadenlos, in der eigentlich längst erloschenen Hoffnung, von ihrer Göttin erhört zu werden. Nach der geradlinigen Inszenierung in Bochum ist kaum ein deutlicherer Kontrast vorstellbar: Tilman Knabe weidet sich an Fäkalsprache und derbem Witz, stürzt sich in Trash-Oppulenz und Satire, macht aus den in der Vorlage eher distinguierten Herren Prolos. Und kann sich mit Torsten Bauer, Hartmut Stanke, Peter Waros und Michael Witte auf ein spielfreudiges Team stützen, das die Klippen von Groteske zu Tragödie bemerkenswert meistert. Irgendwann aber überspannt Knabe den Bogen: Er setzt dem andeutungsreichen, aber klaren Ende von Enda Walsh sein eigenes entgegen, das sich für keine Richtung entscheiden kann, sondern mannigfaltig aus Assoziationen schöpft - da übergießen sich die blutverschmierten Übriggebliebenen mit Benzin und fallen in Jesus-Posen auf den Boden, da tanzt die Penelope einen Salome ähnlichen Tanz zu abgedroschener Techno-Musik, bis ein irres Lachen alles nur als einen bösen Traum erahnen lässt. Das Publikum applaudiert dennoch begeistert.

 

Samstag auf Sonntag, 1 Uhr nachts

 

Shuttle. dann Taxi. Zu Hause die letzten Zeilen. Und dann ab ins Bett, träumen von Irrfahrten.

 
 

2 Trackbacks

Nett, dass man sich hier mit dem Thema wenigstens mal ordentlich beschaeftigt. Habe die Ausfuehrungen dazu foermlich verschlungen (-: weiter

#1 von Partnervermittlung am 04.04.10 um 16:12

 

Toll, dass es noch Leute gibt, die mit ihrer Schreibweise so aufschlussreich zu vermitteln vermoegen. Es gibt in der Masse nicht wirklich viele Seiten die Aufmerksamkeit verdienen. Scheint hier doch e... weiter

#2 von Securityshop am 17.04.10 um 08:10

 

2 Kommentare

Hier noch ein Link als Ergänzung zum Thema:
http://www.kepianer.de/wordpress/?page_id=64

#1 von Günter Landsberger am 27.02.10 um 12:34

 

Ich hoffe ja nicht, dass Ihre Kollegen in Wildschweine verzaubert und Sie Jahre irgendwo bei so nem Typ festgehalten werden.

#2 von Thomas Lau am 27.02.10 um 17:54

 

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