
Er gilt als junger Star der Dirigentenszene und ist mit gerade 32 Jahren Musikdirektor des Rotterdam Philharmonic Orchestra geworden: Yannick Nézet-Seguin spielt am Sonntag, 7. Februar, 16 Uhr mit dem Klangkörper im Konzerthaus.
Musik ist eine Droge für Sie: Ist also ein Tag ohne Musik ein verschwendeter Tag?
Nein, es kein verschwendeter Tag, wenn ich ihn mit Menschen oder in der Natur verbringen kann. Aber er ist schon verschwendet, wenn ich ihn nur mit Mails und Management verbringen kann - Sachen, die auch zum Dirigieren gehören. Aber wenn all das mit Musik verbunden ist, macht es mir nichts aus. Musik ist wie eine Droge, aber ich kann einen Tag ohne sie sein. Ich fühle aber nie das Bedürfnis, Urlaub von der Musik zu haben.
Als Sie zehn waren, haben Sie Ihren Eltern erklärt, dass Sie Dirigent werden wollen. Berufung?
Ja, genau das. Mit zehn Jahren war ich von vielem fasziniert, aber beim Dirigieren war es mehr als das, da hatte ich ein sehr sicheres Gefühl. Ich sang damals im Chor und war von dem Dirigenten begeistert. Außerdem war Charles Dutoit mit dem Symphonieorchester von Montreal zu der Zeit sehr berühmt. Für mich war es wichtig, die Konzerte im Fernsehen zu sehen.
Mit 32 sind sie Valery Gergiev als Musikdirektor gefolgt. Hatten Sie Angst, dass die Fußstapfen zu groß sind?
Nein. Jedes Orchester hat seine Geschichte und jeder Dirigent ist ein kleiner Teil davon. Mein Ziel war nicht, mit ihm verglichen zu werden. Die Musiker waren sicher, dass ich anders genug sein, aber auch die wichtigen Dinge beibehalten würde. Ich fühle mich geehrt, auf so einen großen Dirigenten zu folgen. Aber ich wurde auch für das ausgesucht, was ich bin. Es ist gut, anders zu sein.
Sie werden gern als Chamäleon bezeichnet, weil ihr Spektrum von Monteverdi bis Alban Berg reicht. Mögen Sie es nicht, sich zu spezialisieren?
Nein. Wir brauchen natürlich auch Spezialisten, um bestimmte Stile zu verstehen. Aber bei meiner Art, Musik zu machen, brauche ich die Inspiration durch verschiedene Stile. Ich habe das Gefühl, das ein Musikstil mich über den nächsten unterrichtet. Ich will sozusagen in allem spezialisiert sein.
In Dortmund treffen Strauss und Messiaen aufeinander. Eine Reise?
Keine Reise. Dieses Programm ist eins meiner liebsten. Es geht um den Kampf der Menschheit zwischen Hoffnung und Schmerz, wie wir uns in Kriege stürzen und uns selbst zerstören. Messiaen hat eine spirituelle, religiöse Sichtweise, mit Schmerz, Sünde, Hölle und Paradies. Ravels Stück bezieht sich auf den Ersten Weltkrieg, in dem er viele Freunde verloren hat. Strauss Stück ist positiv, vermittelt aber auch, wie Europa sich vor dem Krieg verhielt und dass der große Stolz der Kulturen und der Reichtum Europas ein Stück weit in einem Konflikt münden musste - obwohl das Ende des Werks hoffnungsvoll ist.
Sie sind ein Shooting-Star, spielen mit den wichtigsten Orchestern der Welt, haben viele Preise bekommen: Kann man sich da selbst treu bleiben?
Das ist das allerwichtigste. Der Begriff Shooting Star meint etwas, was schnell aufkommt und wieder verschwindet. Aber ich dirigiere seit einigen Jahren und konnte meine Art, Musik zu machen, Vorspiele zu halten, mein Können entwickeln und ein Repertoire aufbauen. Es ist zwar ein bisschen verrückt, was gerade passiert. Aber ich hatte nie das Gefühl, anders sein zu müssen, als ich in Deutschland, den Niederlanden oder in Amerika dirigiert habe. Ich bleibe mir treu - und ich denke, das ist es, was Musiker und Zuschauer wollen.
Foto: Marco Borggreve
3 Kommentare
"Ich habe das Gefühl, das ein Musikstil mich über den nächsten unterrichtet."
Auch nur als Hörer alter und neuer Musik (im riesigen Bereich der als klassisch oft nur gedankenlos etikettierten Musik) habe ich immer wieder eine ähnliche Erfahrung gemacht. Je mehr Verschiedenartiges (gerade auch in diesem Bereich) man ganz bewusst und konzentriert auf sich wirken lässt, umso besser lernt man nach und nach zu hören.
#1 von Günter Landsberger am 06.02.10 um 12:45
Über den jungen Dirigenten heute ein Artikel in der neuesten Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT.
#2 von Günter Landsberger am 11.02.10 um 11:21
Hallo Herr Landsberger, vielen Dank - sehr aufmerksam von Ihnen.
#3 von Nadine Albach [WR] am 11.02.10 um 17:23