
Was für eine Posse, die sich da in Dortmund, in der Bezirksvertretung Innenstadt-West abgespielt hat. Die Benennung der Straßen und Plätze rund um den U-Turm stand auf der Tagesordnung.
Und damit doch eigentlich ein schönes, erquickliches Thema, eines, bei dem die Stadt hätte beweisen könne, welche kreativen Geister dieses Pflaster hervorgebracht hat.
Der berühmte Schriftsteller Max von der Grün aber war schon nicht mehr in der Wertung. Emil Schumacher, der an der Dortmunder Kunstgewerbeschule studierte, wurde abgeschmettert. Und Martin Kippenberger in die Schäm-Dich-Ecke geschickt. Anders lässt der Flecken Erde sich jedenfalls nicht bezeichnen, der nicht einmal direkt am U-Turm liegt und von den Besuchern, die vom Hauptbahnhof zum Kreativzentrum marschieren, höchstwahrscheinlich nie entdeckt werden wird. Noch nicht einmal eine Straße, nur einen Weg gönnt Dortmund wohl einem der berühmtesten Künstler, den es je hervorgebracht hat.
Ein Künstler wohlgemerkt, dem die Tate Modern, K 21 in Düsseldorf und das Museum of Modern Art in New York eine große Retrospektive widmeten. Ein Künstler, dessen Werke heute Millionenwerte erzielen. Und den heutige Studierende als Neuen Wilden verehren.
Dortmund aber will nicht zu viel Kippenberger. Erst recht nicht „an exponierter Stelle", wie es in der Bezirksvertretung hieß. Auslöser ist ein Brief von Propst Andreas Coersmeier. Er wirft Kippenberger vor, mit seiner Werkserie gekreuzigter Frösche „die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt zu haben". Vielleicht ist ihm nicht bewusst, dass Kippenberger mit viel Ironie arbeitete und sich kritisch mit Künstlermythos und Kunstbetrieb auseinandersetzte. Und dass der Frosch in Fachkreisen als Selbstportrait in einer persönlichen Krise, nicht als Religionskritik oder Gotteslästerung gilt.
Tatsächlich aber geht es doch um die Freiheit der Kunst. Die muss auch gewährleistet sein, wenn sie mal provoziert und schmerzt - oder wollen wir ernsthaft Künstler haben, die wohlgefällige, linientreue, blinde, absolut unkritische Kunst machen? Die Einstellung zur Kultur, die sich hier offenbart, ist altbacken und provinziell. Sicherlich haben Leonie Reygers und Emil Moog die Würdigung am U verdient. Auswärtigen Besuchern aber hätte man zusätzlich auch bekanntere Namen gönnen können, um das Konzept zu verstehen.
Der U-Turm soll zu einem modernen Kreativ- und Kunstzentrum werden. Diese Posse aber lässt Böses ahnen. Und Martin Kippenberger lacht sich im Himmel wahrscheinlich kaputt.
Foto: Ralf Rottmann
9 Kommentare
Das Grab von Kippenberger den sein Vadder is au gut: http://www.westropolis.de/thomas.lau/stories/42862/
#1 von Thomas Lau am 01.02.10 um 11:51
Kippenberger ist in Dortmund geboren, aber im noch fürchterlicheren Essen aufgewachsen. Wie alle wahrhaft kreativen Geister, so hat auch er alsbald das Weite gesucht
(*Vorheriges ist als billige Provokation der Revier-Jünger gemeint*).
Dortmund bräuchte übrigens - wenn schon, denn schon - auch eine Peter-Rühmkorf-Allee! Und vielleicht irgendwann eine Norbert-Tadeusz-Straße.
Wenn man bedenkt, welch ein Wind in Siegen aus der Tatsache gemacht wird, dass Rubens dort geboren wurde. Der war im Schlepptau seiner Eltern auch ganz schnell wieder weg...
P. S.: Ich bin kein Fan (Anbeter) der gekreuzigten Kippenbergerschen Frösche.
#2 von Bernd Berke am 01.02.10 um 13:05
Hallo Bernd, fühlst Du Dich auch in Deinen religiösen Gefühlen verletzt? (*Ebenso eine billige Provokation*)
#3 von Nadine Albach [WR] am 02.02.10 um 12:36
Vielleicht, Frau Albach, ist der Herr Herr Berke Sternzeichen Frosch?
#4 von Thomas Lau am 02.02.10 um 12:38
Ich zitiere den Meister selbst:
"Du kannst dich benehmen wie’n Arschloch, aber du sollst es
auf keinen Fall sein."
#5 von Bernd Berke am 02.02.10 um 13:20
Jeder Künstler ist ein Mensch.
#6 von Thomas Lau am 02.02.10 um 14:16
@Bernd Berke: ... fürchterliches Essen ... naja, das ist ein bisschen übertrieben, oder?
Solche Namensvergaben sind immer schlimm. Bei uns zu Hause kommen prinzipiell immer nur tote Priester oder Fußballer in die engere Auswahl.
#7 von Miriam Lessmann am 02.02.10 um 14:27
Liebe Frau Albach, herzlichen Glückwunsch zu dem Artikel. Super geschrieben!
Wussten Sie denn nicht ,dass leider der Künstler in der eigenen Stadt nicht viel gilt?
So ist es , und leider blieb einem so guten Künstler wie Kippenberger einer war_auch nix anderes übrig als zu flüchten. Auch ein Grund für mich nach NY zu gehen mit meiner Kunst und nicht nur in Dortmund zu versauern;) LG e.hs
#8 von eva Horstick-Schmitt am 23.02.10 um 12:18
Auch Mozart war aus Salzburg relativ schnell weg, und wie wird er dort jetzt gefeiert, wie wird dort an ihm verdient.
#9 von Günter Landsberger am 23.02.10 um 13:01