Der Westen - Das Portal der WAZ Mediengruppe

So gehts…Senden Sie uns Ihren Beitrag

"Glückliche Tage" im Dortmunder Studio

Trip unter den Tisch

„Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein! ... Trotz allem... Bislang."

 

Worte wie diese sind es, an die Winnie sich klammert - ihre Helfer gegen das Nichts, in dem sie gemeinsam mit ihrem Mann Willie zu versinken droht. Die Verlorenheit des Menschen in seiner Existenz zeigt Samuel Beckett auch in „Glückliche Tage". Und Uwe Hergenröder macht seine Inszenierung im Dortmunder Studio zu einem Triumph für Kammerschauspielerin Barbara Blümel.

 

Ein Schatten von Mensch ist beim Betreten des Studios zu erahnen: Barbara Blümel alias Winnie, nur unscharf zu erkennen wie ein altes Foto, hinter einem Käfig aus schwarzem, halbtransparentem Stoff. In schwarzer Abendrobe steht sie auf einem Tisch, stolz, aufrecht, lächelnd, und die Füße ihres Mannes Willie (Claus Dieter Clausnitzer) ragen aus ihrem weiten Rock hervor (Ausstattung Ulrich Schulz). Als wäre es nur noch ein Mensch, dieses alte Ehepaar, verschmolzen, so wie ihre Namen kaum zu unterscheiden sind.

 

Tatsächlich aber redet Winnie. Und Willie schweigt. Winnie denkt an ihren ersten Kuss. Und Willie liest Zeitung. Wenn Willie nur ein Grunzen von sich gibt, kann Winnie ihr Glück schon kaum noch fassen. Eine Leere nagt an den beiden. Doch Winnie will die Trostlosigkeit ihrer Situation und ihren langsamen Verfall nicht sehen, sondern klammert sich an Worte, an banale Gegenstände, an Erinnerungsfetzen.

 

Bei Beckett versinkt Winnie in einem Haufen Erde - bei Uwe Hergenröder geht sie langsam in dem Holztisch unter, steckt erst bis zur Hüfte fest, am Ende sieht man nur noch ihren Kopf.

 

Während Claus Dieter Clausnitzer vor allem physische Präsenz zeigen darf, kann Barbara Blümel knapp ein halbes Jahr, bevor sie nicht mehr zum Dortmunder Ensemble gehört, glänzen: Die Massen von Text bewältigt sie mit Bravour, spielt auf der menschlichen Klaviatur zwischen Naivität, Ängstlichkeit, Berechnung, Humor und (durchaus religiöser) Hoffnung auf Erlösung. Sie ist der Anker für den Zuschauer. Denn analog zu Beckett, der keine Handlung, sondern einen Zustand beschreibt und Sprache mehr als Form denn als Sinntransporter nutzt, wirft auch Hergenröder das Publikum in eine Situation zwischen Verlorenheit und anspruchsvoller Konzentration. Es gibt keine Erklärungen, nur Gefühle. Die Videoprojektionen mit Details von Blümels Schauspiel und alten Kinderaufnahmen unterstützen diese Reise ins Innere, in die Erinnerung noch (Dramaturgie Stefan Schroeder). Ein fordernder, anstrengender, aber lohnender Trip.

 

Termine: 03., 14., 21. Februar, 19., 27. März; Karten 0231-5027222

 
 

Sie können diesen Beitrag kommentieren!