
Den Staub, der auf der Seele lastet, aufwirbeln - das kann ein schmerzlicher Prozess sein, ein gelebter Alptraum: Einen solchen hat Barbara Schulte jetzt mit Péter Nádas Stück „Hausputz" im Studio des Dortmunder Schauspiels inszeniert.
Klassische Musik erfüllt den Raum. Klára (Monika Bujinski) tritt durch eine von drei Türrahmen. In ihrer Kleidung und entrückten, puppenhaften Schönheit erinnert sie an Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring. Sie steht und starrt. Gefühlte Minuten. Bis sich plötzlich ihre Hand ganz sanft bewegt, als streichele sie eine andere Hand, eine Erinnerung.
Als sie den Raum verlassen hat, ruft eine Stimme aus dem Off: „Der Einlass ist beendet. Katharina bitte!" Katharina Behrens tritt als zupackendes Dienstmädchen Zsuzsa auf. Wie bei einer Stand-Up-Comedy Nummer fängt sie die Zuschauer, verteilt sogar Zeitungsartikel, die sie vom Publikum verlesen lässt, bis ein undurchdringbarer Wortteppich alle zum Lachen bringt.
Zwei Szenen, zwei Stimmungen: Extreme Brüche wie diese sucht Regisseurin Barbara Schulte oft. Es gibt keine Handlung, nur einen Rahmen: Drei Figuren - Hausherrin Klára, Dienstmädchen Zszuzsa und Jóska (Patrick Jurowski) treffen sich zum Hausputz in einer alten Villa. Was sie dabei erzählen, ist das Entscheidende und Eigenartige: ungeordnete Erinnerungsfetzen oder Träume von Dienerschaft, Selbstmord, Macht und Liebe, Opfern und Tätern, Manipulation und Sehnsüchten.
Eine Rückschau auf ein Leben, eine Selbstbefragung und - überprüfung. Bisweilen fühlt sich der Zuschauer in dem kargen Bühnenbild, das drei Wege und drei Ein- und Ausgänge anbietet (Ausstattung Cordula Körber) mehr wie in einem kargen Seelenraum, als in der Realität. Schnell verschwimmen die Grenzen von Wirklichkeit und Phantasie - offen bleibt selbst, wie viele Figuren existieren.
Diese Idee - die natürlich auch eine Reflektion auf das Theater selbst ist - sucht Barbara Schulte in mannigfaltiger Form umzusetzen: Sie lässt die Schauspieler zu Marionetten werden, ihre Rollen wechseln, die Theaterillusion aufbrechen, spielt mit Sprache, Zeit und Erwartungen. Lange zieht diese Spirale der Brechungen die Zuschauer in ihren Bann - irgendwann aber ist der Bogen überspannt und die Form wird zum reinen Selbstzweck. Das Stück findet keinen Schlusspunkt, verliert seine Tiefe.
Dass der Schlussapplaus dennoch lang ausfällt, ist den Schauspielern zu verdanken, die sich mit aller Rücksichtslosigkeit in das Stück werfen. Allen voran Monika Bujinski, die hinter ihrer entrückten, beinahe unheimlichen Statuen-Haftigkeit einen verschlingenden Abgrund erahnen lässt.
INFO
- Der Ungar Péter Nádas war bereits mit 16 Jahren Vollwaise: Seine Mutter starb an Krebs; der Vater beging Selbstmord.
- Er arbeitete zunächst als Fotograf und wurde 1986 mit seinem Roman „Buch der Erinnerung" berühmt.
- Nádas interpretiert für das Kulturhauptstadtprojekt „Odyssee Europa" eine Episode von Homers berühmten Werk neu: „Sirenengesang. Ein Satyrspiel" für das Theater an der Ruhr in Mülheim.
Foto: Thomas M. Jauk / Stage Picture
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#1 von Partnersuche am 22.02.10 um 16:16