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RuhrTriennale: Sauser in Italien

Wenn Nachtigallen rülpsen

 

Sauser ist Federweißer. „Sauser in Italien”? Gibt's den überhaupt in Italien? Bei Christoph Marthaler ist alles möglich. Seine Kreation „Sauser aus Italien” ist jetzt bei der Ruhr Triennale angekommen. In der Maschinenhalle Zeche Zweckel. Nach den Salzburger Festspielen.


 Es soll „Eine Urheberei” sein. Das bezieht sich einerseits auf den großen Unbekannten der italienischen Musik, auf Giacinto Scelsi (1905-1988), den Grafen von d'Ayala Valva, von dem angeblich keine Fotos existieren, der seine Musik mit dem Tonband aufzeichnete und abschreiben ließ, der dem Einzelton exzessiv huldigte und nicht der musikalischen Entwicklung, wie es die Tradtion kennt.
 Oder war „Urheberei” das Heben des Federweißen bei der Planung dieser durchaus bizarren Hommage?


 Natürlich steht das herrlich verrückte Marthaler-Kabinett auf der Bühne. Als Gäste der Pensione Ragusa, die der Bühnenbildner Duri Bischoff als einen Hort des abgeblätterten Charmes, der Tristesse zeigt. Das Klangforum Wien, das zu den besten europäischen Ensemble für Neue Musik gehört, spielt zehn Stücke des geheimnisvollen Scelsi. Es fügt sich ein in Marthalers Welt. Mal auf der Terrasse über dem Frühstücksraum, mal im Zimmer als Quartett. Ob Marthaler hier wirklich auf die asiatisch getönte Klangwelt des Italieners reagiert, mag man bezweifeln. Die Aktionen wären auch mit John Cage möglich. Oder nicht?


 Die Akteure reagieren auf diese Musik. Sie machen gymnastische Übungen, sie kullern auf einem Sitzsack herum, sie pflegen die schwierige Kunst des Standardtanzes, sie geraten zum „Tanz des Shivas” in Verzückung. Und ab und an fallen Sätze wie dieser: „In einer Welt ohne Melancholie würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen!” Der Satz stammt vom Kulturkritiker Emile M. Cioran.


 Und Melancholie ist durchaus ein Stichwort. Es schweben andere Klänge in den Raum, etwa von Scelsis Lehrer Respighi „Pini di Roma”, eine Melodie aus der italienischen Tagesschau und, ganz zum Schluss, wenn sich die Pensionsgäste in Abendrobe auf der Terrasse wie in einem Fellini-Film einstellen, die Trauermusik aus Puccinis Oper „Edgar”. Da kontrastiert dann schwelgerische, dynamisch weit ausschwingende Musik die asketische Strenge Scelsis, den man im eigentlichen Sinne auch nicht einen Avantgardisten nennen kann.


 Es gibt sehr komische Momente: Da hängt ein Verstörter Damenwäsche auf; da entwickelt sich wie im Tanztheater zur Musik ein breites, noch breiteres Lächeln. Da lassen die Damen ihr Haar wie Rapunzel von der Terrasse hinab. Da geraten zwei Herren geradezu in Trance durch Scelsi. Es ist ein wenig Happening, ein Spiel zwischen Wahn und Witz, zwischen gesellschaftlicher Enge und Freiheit – was irgendwo die Kreativität dieses wohl seltsamsten Komponisten des 20. Jahrhunderts berührt. Oder auch nicht.


 Das alles ist kein Drama, kein Musikdrama. Das alles ist ein manchmal auch ausuferndes Nachsinnen darüber, wie abstrakte Musik Menschen bewegen kann. Der Satz von der Melancholie und den Nachtigallen steht da nicht von ungefähr. Diese Menschen auf der Bühne, die vom Publikum belächelt werden, haben in ihrer Langsamkeit auch etwas Verlorenes. Und da tönt ein anderer Satz zu uns: „Seit mehr als 2000 Jahren rächt sich Jesus Christus dafür, dass er nicht auf einem Sofa gestorben ist.”

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2 Kommentare

Ich habe Ihren Beitrag bei 2. scrollen rückwärts gelesen, hat mir gefallen- die Nachtigall der Melancholie verlorene Rache Langsamkeit des Lebens Langeweile zu sinnieren doch zu täuschen entstörend...

#1 von Dr. Angela Scaglione am 05.09.07 um 21:50

 

#1 Dottore:
Das muss er wohl sein, der viel beschworene Dekonstruktivismus.

#2 von Bernd Berke (WR) am 05.09.07 um 21:52

 

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