
Nach zwei Jahren Abwesenheit von deutschen Bühnen gaben "Hot Chip" am Mittwoch in Köln wieder ihr erstes Deutschland-Konzert. Obwohl das neue Album "One Life Stand" der Londoner Elektropop-Formation noch nicht lange in den Regalen steht, war die Live Music Hall bis an den Rande des Sauerstoffmangels gefüllt.
Man musste sich schon fragen, wer da gerade die Bühne betritt, als die sechs nerdigen Gestalten jenseits der 30 sich an die Instrumente und Regler begaben. Den Anschein einer Band erweckten sie nicht gerade, eher den von ein paar Technikern, die letzte Abstimmungen vornehmen wollen. Als sie sich aber mit beinahe akzentfreiem Deutsch als "Hot Chip aus London" zu erkennen gaben, war auch dem Letzten im Publikum klar, dass tatsächlich jenes skurril anmutende Sextett über Wohl und Wehe der Stimmungslage an diesem Abend entscheiden sollte.
Die sechs Londoner ließen jedoch von Beginn an gar keinen Zweifel an ihrer Bühnentauglichkeit aufkommen. Ohne große Umschweife legten sie sich ins Zeug und erfüllten die brechend volle Kölner Live Music Hall mit ihren tanzbaren Electro-Rhythmen, die jegliche Skepsis direkt weichen und in lautstarke Begeisterung umschwingen ließen. Und spätestens als Frontmann Alexis Taylor seine Gesangsqualitäten zum Besten gab, war klar, dass hier eine Formation auf der Bühne steht, die ihr Handwerk versteht. Dessen unverwechselbare Falsettstimme, von der man fast glauben könnte, sie sei ein Kunstprodukt aus dem Studio, hätte sich von CD nicht besser anhören können.
Um einen Blick auf die Quelle dieser Stimme zu erlangen, musste man allerdings schon etwas weiter vorne stehen. Der recht klein gewachsene und unscheinbare Taylor verschanzte sich nämlich die meiste Zeit hinter seinem Keyboard und überließ Gitarrist, Trompeter, Steel-Drummer und Background-Sänger Al Doyle die Animation des Publikums. Schließlich konnte dieser neben seinen musikalischen Qualitäten auch mit ein paar Deutschkenntnissen bei den Fans punkten. Wenn Alexis Taylor dann aber doch mal hinter seinem Keyboard hervorkam, konnte man kaum glauben, dass er wirklich für den Gesang und die Texte verantwortlich ist. Mit seiner knallgrünen Schlabberhose, einer dicken Hornbrille und einem unsagbar trashigen Wham-T-Shirt hätte man aus dem Mund dieses Bilderbuchexemplars eines Nerds höchstens Einsen und Nullen erwartet. Den Besuchern schien der Style allerdings zu gefallen. Selten hat man unter jungen Leuten einen solch hohen Anteil an Hornbrillenträgern gesehen. Und sogar ein paar Schnurrbärte ließen sich unter dem jungen Publikum ausmachen.
Dass bei einer solchen bis zur Selbstaufgabe reichenden Begeisterung die Stimmung kontinuierlich anstieg, versteht sich von selbst. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Stimmungs- wie auch der Lautstärkepegel, als die Band nacheinander den Aufmacher ihres neuen Albums "One Life Stand" und ihren Erfolgshit "Over and Over" zum Besten gab. Von da an war bei mitunter sogar sommerlich-karibischen Klängen kein Halten mehr, und auch die Temperaturen im Publikum näherten sich mehr und mehr karibischen Verhältnissen an. Dass die Band sich dann nach einer guten Stunde Spielzeit zum ersten Mal verabschiedete, wollte dementsprechend natürlich niemand akzeptieren, und so beorderte die Masse die sechs Londoner Elektropop-Virtuosen noch einmal für drei weitere Stücke auf die Bühne.
Nach dem lange erwarteten 2008er Hit "Ready For The Floor" war dann aber wirklich Schluss, und so blieb der einzige Wermutstropfen dieses stimmungsvollen Abends die relativ kurze Spieldauer von 80 Minuten, nach denen die Fans den Heimweg antreten mussten. Die Hornbrillen behielten sie aber auf, und werden sich zuhause wahrscheinlich direkt an den Computer begeben haben, um ihre Videos ins Netz zu laden.

3 Kommentare
Ich fand ja "Keep Falling" besser als "Ready for the Floor". War aber eh nicht in Köln gestern. Doof.
#1 von äpplenäc am 11.03.10 um 20:14
schoen geschrieben
#2 von Helgar am 12.03.10 um 12:55
Oh, das hätte ich gern gesehen - da bin ich direkt neidisch, dass ich Hot Chip verpasst hab. Beim nächsten Mal ...
Und - ja - wirklich schön geschrieben!
#3 von Ein Fen am 16.03.10 um 00:16