
Robert Dudley ist der Sohn John Dudleys, der nach dem Tod von Henry VIII.'s Sohn Edward versuchte, die Erbfolge zu umgehen und Lady Jane Grey auf den Thron setzte. Diese war ganze neun Tage Königin, bevor sie von Queen Mary abgelöst und hingerichtet wurde, ebenso wie John Dudley, dessen gesamte Familie als Verräter danach in Ungnade fiel. Doch das Zeitalter der Tudors war turbulent und es wären nicht die Tudors, wenn der Verstoßene von gestern nicht der Vertraute von morgen sein konnte.
So ergeht es auch der Dudley-Familie, die durch Roberts enge Beziehung zur neuen Königin Elizabeth I. wieder großen Einfluss erlangt. Darüber, wie eng diese Beziehung ist, zerreißt sich das gesamte Königreich den Mund. Eng genug, um Robert Dudley auf den Thron zu bringen, den Elizabeth I. so vielen hochrangigen Männern vor ihm versagt? Eng genug, dass Robert seine eigene Frau umbringen (lassen) würde um für die Königin frei zu sein? Oder gar eng genug, dass die Königin selbst Amy Dudleys Tod veranlassen würde? All diese Spekulationen können fatale Folgen für die Herrschaft des englischen Königreichs haben ...
Ausgangspunkt des historischen Romans von Tanja Kinkel ist die Nachricht des Todes von Amy Dudley, der in aller Öffentlichkeit gedemütigten Frau des Liebhabers der Königin. Die Implikationen dieser Tatsache können nicht nur Robert Dudley den Kopf, sondern auch Queen Elizabeth I. den längst noch nicht stabilen Thron kosten. Also sendet Dudley seinen Vetter Blount nach Cumnor Place um in diesem Todesfall zu ermitteln "ohne Ansicht von Rang".
Ich nenne dieses Buch bewusst einen historischen Roman und nicht einen historischen Krimi, denn dafür fehlt streckenweise die kriminalistische Handlung und Spannung. Als historischer Roman zeigt dieses Buch jedoch eindrucksvoll die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit und wieviel vom Urteil der ausgesandten Jury abhängt. Ihre Entscheidung könnte das Königreich erschüttern, wird aber mindestens die Beziehung zwischen Elizabeth und Dudley verändern.
Die Handlung zieht sich lediglich über den Zeitraum einer Woche: von Montag, dem 09. September 1560, bis Sonntag, den 15. September 1560. Dabei sollten sich Leser nicht vom Todesjahr des Protagonisten Thomas Blount im Stammbaum auf den letzten Seiten des Buches verwirren lassen: laut Aussage der Autorin ein Tippfehler des Verlags, der den Tod Blounts vor die geschilderte Handlung datiert. Unterbrochen werden die Kapitel aus der Sicht Blounts durch sogenannte Zwischenspiele in der Ich-Perspektive von Kat Ashley, der früheren Erzieherin und noch Vertrauten Elizabeths. Auf diese Weise kann der Leser sowohl Einblick in Dudleys Absichten als auch in Elizabeths Gefühle nehmen. Und der interessierte Leser wird wissen, dass Elizabeth nie geheiratet hat.
Kinkel präsentiert in ihrem Buch "Im Schatten der Königin" eigene und überzeugende Theorien - denn nichts anderes stellen historische Romane dar, die sich auf historisch verbürgte Personen beziehen - dazu, wie die Beziehung zwischen Elizabeth und Dudley aussah, warum Elizabeth nicht geheiratet hat und wie es zum historisch verbürgten merkwürdigen Tod Amy Dudleys kam. Auch die Auflösung ist überzeugend und gleichzeitig für den Leser befriedigend, der zwar zum einen mit Blount und Dudley fiebert, zum anderen aber grenzenloses Mitleid mit einer Frau empfindet, die aller Wahrscheinlichkeit nach sehr krank war und überdies in einer Ehe gefangen mit einem Mann, der sie lange nicht mehr liebte, aber von dem sie sich nichts sehnlicher wünschte, als genau das.
Gleichzeitig gewinnt der Leser aber auch Einblick in ein zerrissenes England, das nicht ohne weiteres ein Kind Henrys als rechtmäßigen Herrscher anerkennt und in dem zwei Kirchen gegeneinander kämpfen. Henry VIII und Mary haben Elizabeth ein schweres Erbe hinterlassen, das Elizabeth die Liebe zu Dudley fast unmöglich macht.
Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch kann das Buch voll überzeugen: das Cover ist gut gewählt und zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde "The Death of Amy Robsart in 1560" von William Frederick Yeames aus dem Jahr 1879, der sich damit genau mit dem Tod von Amy Dudley befasste. Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass das Bild jedoch retuschiert wurde, um dem Misstrauen erweckenden Umstand Rechnung zu tragen, dass Amy Dudleys Haare ordentlich hergerichtet waren. Der Geschichte geht zudem eine Zeittafel über die Herrschaft der Tudors voraus und am Ende des Buches finden sich Stammbäume der Tudors, Dudleys und Blounts. Zudem gibt es ein umfassendes Nachwort, das über weitere Umstände und Ereignisse aufklärt.
Mein einziger Kritikpunkt ist, dass die vielen erwähnten Namen und Personen für weniger interessierte Leser oder Neueinsteiger in die Materie der Tudors doch sehr verwirrend sein können. Viele Personen werden nur zur Schilderung politischer Ereignisse und am Rande erwähnt: bspw. Bischof Cranmer, Thomas Seymour und Edward Seymour. Es lohnt sich jedoch, über diese Personen vorab etwas zu wissen, um sie richtig einordnen zu können. Oder notfalls ein einschlägiges Internet-Nachschlagewerk zur Hand zu haben.
Meinem Lesevergnügen hat dies jedoch keinen Abbruch getan und ich habe das Buch geliebt; von der ersten bis zur letzten Seite. Es war fessenld, überzeugend und äußerst gut recherchiert wie wenige andere. Es ist keinesfalls verkitscht, wie oft üblich. Und vor allem: es präsentierte ein realistisches, glaubhaftes und lebendiges Bild des 16. Jahrhunderts am englischen Hof. Dies wird gewiss nicht mein letztes Buch dieser Autorin gewesen sein.


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Dazu mal was Vernuenftiges in den renommierten Suchmaschinen zu finden ist nicht einfach. Die bringen oft nur thematisch neben den Gleisen liegendes zutage und sollten dringend alle mal ihre Datenbank... weiter
#1 von Arbeit Finden am 29.03.10 um 00:10