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Bernhard Schlink - Das Wochenende

Resozialisierung eines Verirrten

Jörg war Terrorist, hat nach 24 Jahren Zuchthaus einen Antrag auf Begnadigung gestellt, der angenommen wurde, und seine ältere Schwester Christiane veranstaltet zur besseren Wiedereingliederung ein Treffen mit alten Freunden, das an einem Wochenende in einem brandenburgischen Herrenhaus stattfindet. So war der Plan von Christiane, die Jörg wie eine Mutter erzog, denn sie sind Frühwaisen. Als sich die alte Clique nun trifft, stellt sich heraus, dass alle Mitglieder inzwischen zu bürgerlichem Dasein und Wohlstand gelangten und nur Jörg noch alten Zielen nachhängt.

 

Verspätet trifft Marko Hahn ein, der Jörg als Galionsfigur für eine neue revolutionäre Bewegung gewinnen will, in ihm das strahlende Vorbild sieht und in seinem Namen eine Presseerklärung herausgeben will. Bereits jetzt wird Jörg zwischen Marko und dem Rest der Gruppe hin und her geschoben. Am zweiten Tag trifft noch ein vermeintlich an der Architektur des Hauses interessierter Student ein, der sich in einer abendlichen Runde, die sich an alte Zeiten erinnert, als Jörgs Sohn zu erkennen gibt. Er gibt seinem Vater die Schuld am Selbstmord der Mutter und konfrontiert ihn mit den Morden, die Jörg begangen hat.

 

Der merkt nun, dass er seinem Sohn keine Erklärung mit alten Politparolen geben kann. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass die Presseerklärung ohne Einvernehmen weitergeleitet wurde und nur durch Einsatz von Andreas, dem Anwalt und Freund Jörgs, eine großflächige Verteilung vermieden werden kann. Die Gruppe hört sich die Berliner Domrede des Bundespräsidenten im Radio an, in der die Begnadigung ein zentrales Thema darstellt. Durch eine Bemerkung des Präsidenten erfährt die Gruppe, dass Jörg an Krebs erkrankt ist. Beim Leerschöpfen des Kellers, der durch den nächtlichen Regen voll Wasser gelaufen ist, glätten sich die Wogen innerhalb der Gruppe weitgehend, und Freund Ulrich bietet Jörg eine Stelle in einem seiner Dentallabors an. Die Gruppe verteilt sich auf die Autos und fährt ins heimische Berlin zurück.

 

Das liest sich alles schlüssig, die Positionen der einzelnen Lager werden stimmig dargestellt. Für ca. 220 Seiten ist das natürlich eine Menge Stoff, der reißerischer hätte dargestellt werden können. Wobei die handelnden Personen in epischer Breite vielleicht lebendiger geworden wären und der Eine oder Andere Sympathiepunkte eingeheimst hätte, aber die Standpunkte wahrscheinlich verwässert worden wären. So wirkt das Ganze, als hätte man ein Papier zur Aufarbeitung deutscher Nachkriegsgeschichte für die Oberstufe vor sich. Die Sprache fast aller Beteiligten klingt wie die Rezitation von Manifesten. Aber die wurden ja damals auch inflationär veröffentlicht. Von daher passt es wieder. Der Agitator lässt das Proklamieren nicht …

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