Der Westen - Das Portal der WAZ Mediengruppe

So gehts…Senden Sie uns Ihren Beitrag

Kurt Tucholsky "Traktat über den Hund"

Danke, Herr Tucholsky, für Ihren köstlich Text!

Der Monat Februar war für mich ein Monat des Suchens nach den Hunden in der deutschen Literatur. So fand ich vor einer Woche einen Text von Kurt Tucholsky „Traktat über den Hund, sowie über Lärm und Geräusch". Den Text habe ich sofort verschlungen: nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal.....Es hat mir sehr gefallen. Spitze. Brillant. Nur schade, dass der witzige Text, der sich vor allem mit dem ... Bellen des Hundes befasst, so kurz ist!

 

Der Text beinhaltet auch viele interessante Gedanken:

  1. Der Hund ist „treu um der Treue willen, ohne viel zu fragen, wem er eigentlich die Treue hält".
  2. Der Hund „bewacht das Eigentum, das er nicht verwerten kann, um des Eigentums willen" ohne daran zu denken warum er das macht.
  3. Für einen Hund gibt es keine neutrale Leute; es gibt entweder Freunde oder Feinde.
  4. Wenn ein Hund keinen Anlass zum Bellen hat, „erbellt er sich einen".
  5. Wenn der Hund seinen Besitzer ansieht, „zerschmilzt er (Hundbesitzer) vor Lyrik".

Das sind nur ganz wenige -und das möchte ich ausdrücklich unterstreichen- ganz wenige der vielen interessanten Gedanken von Kurt Tucholsky, die er dem Thema „Hund" widmet und die er köstlich in seinem Aufsatz zu vermitteln vermag. Tucholsky zeigt auch in seinem Text viel Verständnis und Herz für das Thema Hund: „Es ist das äußerste an Quälerei, ein jagendes, laufendes und unruhiges Tier zu fesseln und in seiner Freiheit zu beschränken" schreibt er.Nur der letzte Satz des Traktates: „Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn (den Hund) als barbarisch abschaffen." stieß bei mir -als einer Hundeliebenden Person- auf Ablehnung, oder sogar Widerstand.

 

Dieser kurze 3,5 Seite lange Text ist sehr empfehlenswert und im Internet im vollem Wortlaut zu finden.

 

1288 weitere Artikel in Literatur  |  RSS Feed abonnieren RSS Feed abonnieren

 

25 Kommentare

"Nur der letzte Satz des Traktates:

„Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn (den Hund) als barbarisch abschaffen."

stieß bei mir - als einer hundeliebenden Person - auf Ablehnung, ja sogar Widerstand."

Ihr Widerstand gegen diesen letzten Satz, liebe Marta, erscheint mir nicht ganz gerechtfertigt. Mit diesem letzten Satz dürfte Tucholsky weniger den Hund als solchen meinen, sondern viel eher einen naiv rationalitätsgläubigen Fortschrittsbegriff massiv in Frage stellen, wenn der erklärtermaßen "die Barbarei abschaffen" will, unter Barbarei aber dann eilfertigst alles Nicht-Rein-Rationale, z. B. auch die Liebe zu einem Hund, verrechnet.

#1 von Günter Landsberger am 25.02.09 um 10:35

 

Und hier noch ein kleiner Hunde-Textabschnitt von Alfred Polgar, entnommen aus Polgars größeren Text "Tiere, von uns angesehen", desssen Schluss der Abschnitt bildet:

"Unter allen Vierfüßlern ist der Hund jener, mit dem wir uns am besten verständigen. Diese Beziehung zum Hunde gründet sich nicht allein darauf, daß er uns gefällt, Spaß macht, beschützt, Gesellschaft leistet oder sonst welche Dienste. Es kommt noch etwas hinzu: eine kuriose Hunde-Eigenart, der das gute Verhältnis zwischen ihm und uns zum Großteil zu danken ist. Von allen Tieren nämlich scheint der Hund dasjenige, das den Menschen am ehesten erträgt. Schwer zu entscheiden, ob das für oder gegen den Hund spricht.

Ich für mein Teil schätze an ihm besonders die freimütige Art, mit der er, wie hoch immer der Grad seiner Anhänglichkeit sein mag, unsere Neigung, ihn zu humanisieren, durchkreuzt und sich zur Realistik seines unverfälschten Hundetums bekennt. Gerade etwa, wenn wir so recht auf Anschmiegsamkeit, Wedeln, zärtlichen Aufblick und dergleichen eingestellt wären, setzt er sich auf die Hinterbeine und beginnt, das Auge ins Leere gewandt, sich mit unverhohlener Hingabe an dieses Geschäft das Fell zu kratzen. So weit geht seine Sympathie für den Menschen doch nicht, daß er sich zur Heuchelei erniedrigt, nicht zu kratzen, wenn ihm zum Kratzen ist."

#2 von Günter Landsberger am 25.02.09 um 11:14

 

#2 gfl
"aus Polgars größerem Text"

"dessen Schluss"

sollte es eigentlich richtig geschrieben heißen

#3 von Günter Landsberger am 25.02.09 um 11:16

 

Marta, du hast da einen "dicken Hund" in deiner Überschrift. Korrekt müsste sie lauten: Danke, Herr Tucholsky, für Ihren köstlichen Text.
Na ja, und wo ich grad dabei bin, in Zeile 4 ist noch 'n Fiffi: "Er (der Text) hat mir sehr gefallen."
Sonst, alles super! Sachen von Knut Tucholsky les ich auch immer wieder gern.

#4 von Olram X am 25.02.09 um 18:21

 

#4 Olram X
Ist der Olram nicht nett, jetzt hat er extra Knut statt Kurt geschrieben.

#5 von Günter Landsberger am 25.02.09 um 18:39

 

Heute ist "Bad first name day" bei Westropolis.

#6 von Olram X am 25.02.09 um 18:59

 

Ein Namensgewitter nicht nur an Namenstagen.

#7 von Günter Landsberger am 25.02.09 um 19:28

 

Sehr geehrter Herr Tucholsky,
oder
Lieber Kurt,
Ihr Lebenslauf hat mich sehr beruehrt. Es tut mir sehr leid, dass Sie in Ihrem Leben so viel gelitten haben (als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener). Seit ein paar Tagen verweile ich gedanklich nur bei Ihnen (fast) und hege nur warme Gefuehle Ihnen gegenueber.

zum Beispiel:
"Für das Scheitern der beiden Ehen Tucholskys machen Biografen meist sein schlechtes Verhältnis zu seiner Mutter verantwortlich, unter deren Regiment er nach dem frühen Tod des Vaters gelitten habe. Tucholsky und seine beiden Geschwister beschrieben sie übereinstimmend als tyrannischen Typus der „alleinstehenden Hausmegäre“." (Wiki)

zum Beispiel
"Angesichts seiner kompromisslosen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten war es auch folgerichtig, dass Tucholsky seinen Namen auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 wiederfand und dass seine Werke nach 1933 verboten wurden. Bei den Bücherverbrennungen durch Studenten in Berlin und anderen Städten am 10. Mai wurden er und Ossietzky explizit genannt: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“" (Wiki)

Danke, Herr Tucholsky, fuer Ihren koestlich geschriebenen Text!

#8 von marta am 26.02.09 um 18:25

 

#8 marta
Liebe Marta, der Ihrem Beitrag zu Grunde liegende Tucholsky-Text ist im Original sogar noch etwas länger, etwa doppelt so lang wie im Internet.
Er ist wie folgt gegliedert:
1. Scherz

a) Das Tier
b) Der Tierhalter

2. Satire
3. Ironie und tiefere Bedeutung

(In der Gliederung spielt Tucholsky also auf den Titel einer Komödie von Christian Dietrich Grabbe an: "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" -)

http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Dietrich_Grabbe

#9 von Günter Landsberger am 26.02.09 um 19:24

 

"Wenn der deutsche Richterstand sich das verlorene Vertrauen wieder erringen will, dann soll er, ganz abgesehen von den Sprüchen der Justiz, zunächst einmal darauf halten, daß die Vorsitzenden das elementare Gebot einfachsten Anstands beachten und einen Unglücklichen nicht noch durch Beleidigungen demütigen, die in ihren Kreisen prompt mit einer Forderung werden."
(aus: K.T.: "Unart der Richter" 1927)

(Kurt Tucholsky: "Gesammelte Werke, Bd.5, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 386)

#10 von Günter Landsberger am 26.02.09 um 19:33

 

#10 gfl
fehlendes Wort ("bedacht") in der letzten Zeile des K.T.-Zitats:
"mit einer Forderung bedacht werden"

#11 von Günter Landsberger am 26.02.09 um 19:36

 

Danke fuer die ergaenzende Information.Ich meine natuerlich 1. Der Scherz(Der Wortlaut von 2. und 3. sind uebrigens auch im Internet zu finden) (Ueber Grabbe werde ich mir in den naechsten Tagen lesen)

#12 von marta am 26.02.09 um 20:11

 

Es ist auch so, dass ich ziemlich viel zum Thema: tyrannische herrschsuechtige gewalttaetige unausgeglichene usw. Weiber weiss. Die werden auch sehr oft -leider!- Muetter. Solche misshandelnde Frauen (solche Frauen taugen als Mutter nicht!!)bekommen auch Kinder (ein Kind- so ein wunderbares gesundes Geschenk "vom Himmel"!)Wenn ich von solchen Weiber hoere, dass sie eben Kinder bekommen, dann finde ich das sehr schade fuer das Kind. Es ist immer(!) ein Trauma fuer ein Kind in Anwesenheit von solcher Person aufwachsen zu muessen.
Laute Misshandlungen finden leider dann statt.Das Kind hat leider keine Wahl.
Solche Frauen pflege ich manchmal als "Nazis" oder Henker zu bezeichnen.Das Thema ist leider ernst.Das Thema ist auch wie ein Meer. Die Kinder brauchen gesunde ausgeglichene Personen um sich herum.
Schade, dass auch ein Schriftsteller Kurt Tucholsky so eine Person als Mutter (?) haben musste.
Das ist meine persoenliche Meinung.

#13 von marta am 26.02.09 um 20:51

 

#13 marta
Dabei gibt es von Tucholsky ein sehr zärtliches berlinisches Muttergedicht:


Mutters Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm -
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht...
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen -
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält...
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch'n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben...
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.







Autor: Kurt Tucholsky (1890-1935)

#14 von Günter Landsberger am 27.02.09 um 06:02

 

Ist das nicht so, dass die Kinder -trotz groben Misshandlungen, denen sie wehrlos in manchen Familien ausgesetzt sind- immer noch zu ihren Eltern stehen?
Ist das nicht so, dass die Kinder einfach liebende Wesen sind?

Ich finde schade, dass es solche Muetter (sagen wir tyrannischer Typus)gibt. Schade fuer das Kind.

Ich gruesse Sie, Herr Landsberger.

#15 von marta am 27.02.09 um 18:42

 

#15 marta
Aber es gibt doch auch liebende Mütter. Ich könnte da eine ganze Reihe von Beispielen nennen.
Aber vielleicht habe ich in meinem Erfahrungsbereich Glück gehabt.
Herzliche Grüße auch von mir für Sie, kochana pani Marta.

#16 von Günter Landsberger am 27.02.09 um 23:07

 

Guenter, ich haette eine Frage und zwar beschreiben sie mir wie das Wort: -r Betreute zu verstehen ist.
Ich brauche das.

Es soll am Ende Marto stehen.

#17 von marta am 28.02.09 um 20:25

 

Beschreiben Sie mir bitte alle Bedeutungsmoeglichkeiten, die Ihnen zum Wort der Betreute einfaellt (auch ungebraeuchliche Bedeutungen)

#18 von marta am 28.02.09 um 20:29

 

Der Betreute ist mit nichts betraut, er hat auch keine Braut, wozu?

die Bräute scheute der Betreute,
betraute lieber eine Meute,
ihm nicht zu vertraun.

#19 von ullala am 28.02.09 um 21:10

 

Viele Leute
betreute der Betreute
daraufhin mit seinem Miss-
traun.

Wem traute der Betreute
im Vertrauen an
seine Bräute?

Niemandem.
Dafür sorgte die Meute,
die ihn betreute.

#20 von ullala am 28.02.09 um 21:13

 

Ob er´s bereute, der Betreute?
Nö.

Er bestreute seine Häute
mit wilder Beute.

#21 von ullala am 28.02.09 um 21:19

 

Ist der Kranke der Betreute?
Oder ist der Pfleger der Betreute?
Ich denke der Kranke ist der Betreute. Ist das so?

#22 von marta am 28.02.09 um 21:43

 

Kommt auf die philosophisch-soziologisch-psychologische Perspektive an ;-)

Das Verhältnis Pflegebedürftiger-Pflegekraft oder Betreuter-Betreuender kann sich durchaus umkehren.

Das hängt davon ab, wer von beiden die besseren Nerven hat.

#23 von ullala am 28.02.09 um 22:01

 

#22 marta
Ja, ein hilfsbedürftig Kranker ist ein von einem Pfleger zu Betreuender. Und wenn das geschieht, ist er ein Betreuter.

#24 von Günter Landsberger am 01.03.09 um 01:15

 

#22 marta
"Betreuen" heißt vom Wortsinn heute (wieder): einem Schwächeren, einem Hilfsbedürftigen, einem Kranken, immer aber einem jeweils "Anvertrauten",
"zuverlässig" zur Seite zu stehen, ihm beizustehen.
In diesem Sinne sagt man oft , dass Kinder (Babys, Kindergartenkinder, Schulkinder, Urlaubskinder) und Hilfsbedürftige - durch dazu Ausgebildete - (auch im Sinne des Auf-sie-Aufpassens) betreut werden.

Oft wird "Pflege und Betreuung" in einem Atemzug genannt. Vgl. beispielsweise:

http://www.ihrepflege.eu/?gclid=CIrNlvqKgZkCFQNTtAodTVuImA

Ich selber benutze das Wort "betreuen" kaum, obwohl es heute wieder ganz arglos und selbstverständlich benutzt wird. Mir ist bewusst, dass es zur Nazi-Zeit zu einem Wort ( einem euphemistisch beschönigendem Wort) aus dem "Wörterbuch des Unmenschen" geworden ist.
Im Wikipedia-Artikel zu Dolf Sternberger kann man dementsprechend lesen:

"Zwischen 1945 und 1948 schrieb er zusammen mit Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind für die Zeitschrift Die Wandlung Artikel. 1957 wurden die Beiträge erstmalig unter dem Titel Aus dem Wörterbuch des Unmenschen in Buchform veröffentlicht. Die Artikel untersuchen anhand von 28 Begriffen die Sprache der Nationalsozialisten, die bis in die heutige Zeit wirkt. Sternberger schrieb in seinem Vorwort zur Buchausgabe von 1957: „... Das Wörterbuch des Unmenschen ist das Wörterbuch der geltenden deutschen Sprache geblieben, ...“. Es finden sich u. a. Kommentare zu folgenden Wörtern (bzw. deren spezifische Ausrichtung, also ihren Missbrauch bzw. Gebrauch im Nationalsozialismus): Anliegen, Ausrichtung, Betreuung, charakterlich, durchführen, echt, einmalig, Einsatz, Frauenarbeit, Gestaltung, herausstellen, intellektuell, Kulturschaffende, Lager, leistungsmäßig, Mädel, Menschenbehandlung, organisieren, Problem, Propaganda, querschießen, Raum, Schulung, Sektor, tragbar, untragbar, Vertreter, wissen um, Zeitgeschehen. In der dritten Auflage 1967 enthielt das Wörterbuch 33 Begriffe: Mädel wurde herausgenommen, Auftrag, Härte, Kontakte, Menschen, Ressentiments u. a. wurden hinzugefügt."

Zum Wort "Betreuung" - im Sinne dieser Perversion, im Sinne dieser zynischen Bedeutungsverkehrung zur Hitlerzeit -noch ein weiterer Link:

http://artsweb.bham.ac.uk/doddwj/student/dodd/unmensch2.htm

#25 von Günter Landsberger am 01.03.09 um 07:57

 

Sie können diesen Beitrag kommentieren!