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Reinhard Kaiser "Koenigskinder. Eine wahre liebe"

Liebesbriefe von einem Juden verfasst

Am Anfang dieses Beitrages moechte ich mir eine kleine Bemerkung -betreffs meiner Person- erlauben: ueblicherweise rieche ich. Oder anders ausgedrueckt: ueblicherweise befinde ich mich in einer durch den Knoblauchsgeruch gebildete Wolke. Gerade gestern jemand, der neben mir stand fragte: - Wonach riecht es hier eigentlich? Ist das Knoblauch? - Ja. - musste ich kleinlaut zugeben, die Hand vor dem Mund haltend. - Also eigentlich dies mal war es Zwiebel. Vielleicht deswegen mag ich so gerne Emails und Briefe schreiben. Ich muss dann nicht staendig die Hand vor dem Mund halten und mich oeffentlich als Knoblauchanhaengerin erklaeren.

 

Und das Buch, das ich jetzt sehr empfehlen moechte strotzt gerade von lauten Briefen und zwar Liebesbriefen, die aber nicht wegen des Knoblauchsgeruches verfasst und aufgegeben worden sind, sondern wegen der Entfernung. Im Jahre 1935 lernen sich ein junger deutscher Jude Rudolf Kaufmann und eine junge sprachbegabte Schwedin Ingeborg Magnusson in Bologna kennen und da er in Deutschland und sie in Schweden leben, stehen sie dann jahrelang, zwischen 1935 bis 1941, in regem Liebesbriefwechsel. Der Wortlaut der Briefe wird reichlich im Buch angefuehrt. Das Buch erzaehlt aber keineswegs nur von einer Liebesgeschichte. Vielmehr erzaehlt es das tragische Schicksal eines jungen deutschen Juden und schliesslich von dessen Ermordung. Im 1933 hat man ihn, weil er Jude war, seines Postens an der Universitaet in Greifswald enthoben. Er, Geologe mit Doktortitel, konnte dann keine Arbeit in Deutschland finden, sogar im Strassenbau als einfacher Arbeiter war er nicht gerne gesehen, nur seiner Abstammung wegen.

 

Ende 1936 musste er fuer 3 Jahre (!!!!!) ins Gefaengis nur weil er mit einer deutschen nichtjuedischen Frau Geschlechtsverkehr hatte. Im 1939 ist er nach Litauen ausgewandert wo er dann doch von zwei deutschen Nationalsozialisten ermordet wurde. Nach der Lektuere des Buches war ich sehr darueber erschuettert, was sich die Nationalsozialisten in den 30er Jahren in Deutschland erlaubt haben. Ich moechte das Buch auf jeden Fall empfehlen.

 

Reinhard Kaiser "Koenigskinder. Eine wahre Liebe" Verlag Schoeffling & Co Erste Auflage 1996

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35 Kommentare

Ich hab heute "Erinnerungen" von Erich Fried gelesen. Dein Beitrag erinnert mich an das Kapitel über seine Großmutter. Am Anfang schreibt er, dass fast alle Geschichten, die er von seiner Großmutter erzählt, komisch anfangen.
Es endet damit, dass sie erblindet, von Wien ins Ghetto Theresienstadt abgeschoben und kurz darauf in ein Vernichtungslager transportiert wurde. Dort ist sie dann in ihrem neunundsiebziegsten Lebensjahr, nicht ganz zwei Jahre vor Kriegsende, vergast worden.

#1 von Olram X am 07.01.09 um 19:12

 

An Olram X
also das Schicksal der Juden in den 30er Jahren (und natuerlich in den 40er!!) war einfach grausam.
Das im Beitrag genannte Buch erzaelt auf eine sehr interessante Weise sehr viel davon.

#2 von marta am 07.01.09 um 21:08

 

Briefe schreiben. Seitenlang. Sich Zeit nehmen. Persönliche Handschrift. Vielleicht ein Foto dazu. In Zeiten der fast messages, kaum noch vorhanden.

#3 von Stefan Dernbach am 07.01.09 um 21:36

 

Das Hocken über einem Wort, einem Satz. Drehen.Wenden. Eintauchen. Denken an den anderen. Ferne. Nähe. Ein Brief braucht Zeit. Da drückt man nicht einfach auf einen Knopf. Briefeschreiben ist Einkehr. Nicht mal eben schnell abhandeln.

#4 von Stefan Dernbach am 07.01.09 um 21:41

 

Viel von dieser Gesamtgeschichte (mit vielen Einzelschicksalen) erfährt man auf bedrängende, ergreifende und zugleich gründliche Weise von dieser Geschichte auf den über 1300 Seiten des Buches "Das Dritte Reich und die Juden" von Saul Friedländer.

#5 von Günter Landsberger am 07.01.09 um 22:08

 

#5 gfl
Das zweite "von dieser Geschichte" ist zuviel. Bitte streichen.

#6 von Günter Landsberger am 07.01.09 um 22:10

 

An Stefan

Beim Abfassen eines einfachen SMS muss man auch eigentlich denken.

#7 von marta am 08.01.09 um 12:37

 

#7 von marta

Ja, damit man beim Laufen nicht auf die Nase fällt. Diese Display-Gucker und Knöpfchendrücker. Aber die sollen nicht, oder nur kurzweilig, mein Thema sein. Morgen oder übermorgen, werde ich dem Briefschreiben in meinem Literatur-Blog nachgehen. Ich habe schon lange keinen Brief mehr im Kaffeehaus geschrieben.
Und Dein Anstoß Marta, gibt mir gute Gründe, darüber nachzudenken und schreiben.

#8 von Stefan Dernbach am 08.01.09 um 16:44

 

Auch ein Anlass:
Ich habe immerhin eine Karte in einem Briefumschlag erhalten. Und dann noch aus Paris.

http://www.derwesten.de/community/StefanDernbach/stories/460378/

#9 von Stefan Dernbach am 08.01.09 um 16:54

 

Als unsere erste Tochter geboren wurde, wollte ich fortan anderen und ihr selber gegenüber geheimgehaltene, ausschließlich an sie adressierte Briefe schreiben - bis hin zu ihrem 18. Geburtstag ... und sie ihr dann an ihrem offiziellen Erwachsenenwerdungstag zu einem großen Packen gesammelt überreichen. Leider bin ich gleich anfangs nicht zum Schreiben gekommen. Die Berufsarbeit hatte mich zu sehr im Griff. (Wiewohl: Vielleicht hätte ich nur einfach anfangen sollen. Schkoda: Schade!)

#10 von Günter Landsberger am 08.01.09 um 17:37

 

Vor drei Jahren hab ich mir Sütterlin beigebracht und meine nähere Umgebung mit Karten und Briefen Rätsel aufgegeben. Auch bezüglich meiner geistigen Gesundheit. Hab aber wieder alles vergessen. Fast alles. Ich bring mit halt gern mal was bei.

#11 von Olram X am 08.01.09 um 17:56

 

#11 Olram X
Meine mährisch-salzburgerische Großmutter hatte uns ihre zahlreichen Briefe immer in dieser Schrift geschrieben. Sie selber nannte diese Schrift Kurrentschrift.

#12 von Günter Landsberger am 08.01.09 um 18:23

 

ad 12: Haben Sie die nicht mehr gelernt, Herr Landsberger? Ein Freund von mir, Jahrgang '46, hat sie noch gelernt. Er hat sogar noch die Schulhefte. Jede Seite mit 2+ benotet, wenn ich mich richtig erinnere. Note 1 gab es bei ihm damals glaub ich noch nicht.

#13 von Olram X am 08.01.09 um 18:38

 

#13
Doch. Ein Jahr lang hab ich das noch zusätzlich gelernt. Die andere Schrift hatte aber Vorrang.

#14 von Günter Landsberger am 08.01.09 um 19:14

 

#13 Olram X
Note 1 gab es in Österreich etwas häufiger. Weil man dort nur 5 Noten hat. Eine besondere Note aber war der "römische Einser". Der war selten. (Auf dem Zeugnis wurde der ohnehin nicht vergeben. Bei Arbeiten - once in a blue moon.)

#15 von Günter Landsberger am 08.01.09 um 19:18

 

10 von Günter Landsberger

Schöne Idee.Das wäre was gewesen. Hätte sicher für viel Gesprächsstoff gesorgt.

Ich wollte mal einer alten Liebe jeden Tag ein Brief ins Exil schicken. Das habe ich auch nicht lange durchgehalten. Aber einige Briefe hat sie erhalten.

#16 von Stefan Dernbach am 08.01.09 um 21:32

 

Und an mich, vor ungefaehr 10 Jahren, hat ein junger Deutsche seine Liebesbriefe gerichtet. Damals hab ich solche Ausdruecke wie "jn lieb haben"
"von jm schwaermen"
"sich tierisch freuen"
in deutsch kennengelernt.

#17 von marta am 09.01.09 um 15:31

 

Gerade habe ich mir ein paar Liebesbriefe von Frieda Kahlo besorgt.
Bin mal gespannt.

#18 von Stefan Dernbach am 09.01.09 um 16:54

 

O ja, die Liebesbriefe von Frieda Kahlo sind wunderschön… und so unglaublich aufrichtig. Lassen Sie sich ruhig inspirieren, Herr Dernbach.

#19 von Rosenrot am 09.01.09 um 17:08

 

Ich habe sehr schoene Erinnerungen an die Suetterline ( oder wie das heisst )Schreibweise.Meine deutsche Oma hat mir das Suetterlin beigebracht,sie selber hat nur diese Schreibweise benutzt.Ich habe damals viele Hefte damit gefuellt.In der Schule wurde die Schreibweise nicht gelehrt.Schade........Alle meine deutschen Verwandten die noch das Suetterlin kannten sind leider schon gestorben,entweder im Krieg oder staeter.So ist das Leben.

#20 von Ziggy The USA Connection am 09.01.09 um 17:19

 

#17 Marta
Fremdsprachen lernt man ohnehin am eifrigsten und auch am erfolgreichsten auf dem Weg über Liebesbriefe. Hab ich mir sagen lassen.

#21 von Günter Landsberger am 09.01.09 um 19:07

 

Ich moechte nochmals zu dem im Beitrag genannten Buch zurueckkehren und moechte
eine Stelle anfuehren, die einiges ueber den nationalsozialist. Staat erzaehlt.

Aus dem “Bayerische Ostmark-Coburger Nationalzeitung”, ein Artikel vom 01.08.1936:

“Kaufmann lernte …eine …junge Witwe kennen und freundete sich mit dieser an. Im Laufe der Bekanntschaft kam es zwischen den beiden zu Geschlechtsverkehr, der fuer Kaufmann
insofern von bedenklichen Folgen war, als er nach einiger Zeit Anzeichen feststellen musste,
die auf Geschlechtskrankheit schliessen liessen. Kaufmann begab sich daraufhin in die Behandlung eines hiesigen Facharztes…Die gesetzwidrigen Beziehungen zwischen dem Juden Kaufmann und der arischen jungen Frau wurden aufgedeckt, als Kaufmann dem Arzt gegenueber verlauten liess, von wem er vermutlich infiziert sei. Daraufhin wurden beide
in polizeilichen Gewahrsam genommen. ….Waehrend die Witwe aus dem polizeilichen
Gewahrsam entlassen wurde, wurde ueber Kaufmann bis zur Aburteilung wegen Rassenschande Schutzhaft verhaengt.” (Reinhard Kaiser “Koenigskinder”)

Man hat ihn zu 3 Jahre Haft verurteilt.

#22 von marta am 09.01.09 um 21:06

 

Das Buch hat uebrigens "Deutscher Jugendliteratur Preis" bekommen.

#23 von marta am 09.01.09 um 21:09

 

19 von Rosenrot

Nun bin ich also bei der Kahlo angekommen.
Mich ruhig inspirieren lassen - genau das. "Entschleunigen" - wie Herr Bauer schrieb.

http://www.derwesten.de/community/StefanDernbach/stories/468016/

#24 von Stefan Dernbach am 11.01.09 um 07:54

 

http://www.westropolis.de/bernd.berke/stories/37611/

"Herzzeit", der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist inzwischen auch (per Lizenz etwas ermäßigt) über die "Büchergilde Gutenberg" zu bekommen.

#25 von Günter Landsberger am 11.01.09 um 08:43

 

Schöne Besprechung von Bernd Berke. - ich erinnere mich. Schwierige Verhältnisse. Schwierige Persönlichkeiten. Schwierige, aber vielleicht eben deshalb, intensive Liebe.
Bie der Frida Kahlo war es ja nicht anders.

#26 von Stefan Dernbach am 11.01.09 um 09:00

 

März 1938
... jetzt hörten wir eine Übertragung aus Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, die den feierlichen Einzug des Führers Adolf Hitler erwartete. Die Männer am Mikrophon, zum Teil ortsbekannte Nazigrößen, hatten Ausblick auf einen großen Platz, auf dem Hitlerjugend und BDM-Mädchen versammelt waren, sowie tausende von Schaulustigen. ... Die Tatsache, dass einige der Nazigrößen offenbar reichlich getrunken hatten, verlieh der Berichterstattung gelegentlich eine eigentümliche Note. So rief einer: „Es ist kalt. Die nackerten Knie der Hitlerjugend wackeln im Wind.“ Daran schloss er die ermunternde Aufforderung an die Hitlerjugend: „So, jetzt singen wir das Lied von den morschen Knochen.“ ... Mittlerweile war es so weit: die betrunkene Stimme am Mikrophon brüllte: „Der Führer ist am Anrollen! Alle Häuser anzünden!“ Sie meinte allerdings nicht, dass Linz sich selbst verwüsten solle. Der Mann hatte nur sagen wollen: „Alle Kerzen anzünden“ war aber nicht mehr nüchtern genug. ...
Aber die Herren waren an diesem Märzabend nicht zu betrunken, um noch Schaden stiften zu können. Gerade noch berichteten sie gerührt, wie in allen Fenstern die Kerzen so schön leuchteten, da sagte einer: „Nur dort drüben, beim Pick ist’s dunkel.“ „Ja“, sagte ein zweiter, „der Pick, der pickt!“ und dann, in einem Ton, der einen schlecht deutsch sprechenden Juden nachahmen sollte: „Nu, natierlich, man werde doch nicht geben a Leuchte!“ Allgemeines Gelächter belohnte diese Darbietung, aber ihr folgte sogleich eine ernste Mahnung, diesen Pick nicht zu unterschätzen. ... und die nächste Stimme sagte schon: „Na, da werden wir hingehen und uns das genauer anschauen!“
Gleichzeitig wussten wir, dass dieser Mann Pick völlig hilflos in der Gewalt dieser betrunkenen Horde war. ...

Mitunter sogar Lachen / Erinnerungen
Erich Fried

#27 von Olram X am 11.01.09 um 09:19

 

#27 Olram X
"Wien Heldenplatz" -
An Thomas Bernhards Stück wäre hier zu erinnern, aber natürlich auch an Ernst Jandl:

http://referateguru.heim.at/Heldenplatz.htm

#28 von Günter Landsberger am 11.01.09 um 09:40

 

Ja, Herr Landsberger, da kotzt nicht nur Ottos Mops. ;-)

#29 von Olram X am 11.01.09 um 10:01

 

Für Marta:
Als Ergänzung passt auch noch gut die Erzählung von Rolf Hochhuth: "Eine Liebe in Deutschland", die von der Liebe einer Deutschen und eines "Fremd"arbeiters zueinander im 2. WK handelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Liebe_in_Deutschland

#30 von Günter Landsberger am 11.01.09 um 10:17

 

Mein Nachbar auf der Schulbank war seit Jahren Herbert Papanek, ein lebenslustiger, aufgeweckter, fast immer freundlicher Junge. Mitglied der illegalen Hitlerjugend, was mich aber nicht allzu sehr störte, sowenig wie ihn die Tatsache, dass ich nicht nur Jude, sondern auch "einer von den Linken" war. Papanek war ein Mathematikgenie und machte meine Mathematik-Schularbeiten für mich, während ich in diesen kostbaren Minuten heftig werbende Liebesgedichte schrieb, die er für seine Freundin brauchte, eine Jüdin. Aber damals, ehe Hitler nach Österriech kam und auch bei uns die Nürnberger Rassengesetze eingeführt wurden, die Liebesbeziehungen zwischen Juden und sogenannten Ariern verboten, trösteten sich unsere Nazi-Mitschüler, wenn ihre Neigungen mit der Rassentheorie in Konflikt kamen, noch mit dem alten österreichisch-schlampigen Antisemitenspruch: "Jüdinnen sind keine Juden."

Mitunter sogar Lachen / Erinnerungen
Erich Fried

#32 von Olram X am 11.01.09 um 13:04

 

# 30 # 31

Ich hab soeben den Inhalt der Erzaehlung "Eine Liebe in Deutschand" kennengelernt.
Fuer eine Liebesbeziehung - so eine brutale und "unmenschliche" Strafe. Grausam !

#33 von marta am 12.01.09 um 13:19

 

#32 #27

Waehrend Rudolf Kaufmann im Gefaengnis sitzt, schreibt eine Verwandte von ihm -im November 1938 - in einem seiner Briefe:

"Wissen Sie, so hart es vielleicht klingt: Wir sind heute irgendwie beruhigt, dass Rudolf wenigstens im Zuchthaus, unter ordentlicher polizeilicher Bewachung ist, und nicht der Willkuer und Rohheit der Nazis ausgesetzt ist..."
Reinhard Kaiser "Koenigskinder"

#34 von marta am 12.01.09 um 18:01

 

Briefe anderer, aber ergänzender Art (da aus der entsprechenden Zeit) findet man zum Beispiel im Band "Abschied und Willkommen / Briefe aus dem Exil (1933 - 1945)/ Herausgegeben von Hermann Haarmann", Berlin 2000

#35 von Günter Landsberger am 12.01.09 um 19:05

 

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