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Kulturhauptstadt-Logos

Kultur und Kommerz? Logo!

Am 14. Februar 2007 stellten die Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, Fritz Pleitgen und Dr. Oliver Scheytt, die neue, zweigleisige Gestaltungslinie des Kulturhauptstadt-Logos vor.

 

Das „alte", inzwischen im Bewusstsein mindestens der im Ruhrgebiet ansässigen Bevölkerung tief verankerte Logo mit dem fast schon psychedelisch verzerrten Flickenteppich aus neun verschiedenen Farbtupfer-Segmenten, der die Landkarte der Region mit ihren vier Kreisen und elf kreisfreien Städten darstellen sollte, wird erfreulicherweise nicht aufgegeben, sondern in modifizierter Form künftig als privilegierte „Dachmarke" fortgeführt.

 

„Das farbige Fähnchen-Motiv stellt den kartografischen Umriss des Ruhrgebiets dar. Das Bild symbolisiert das Netzwerk und den Facettenreichtum der Städte und Kreise sowie der einzigartigen kulturellen Vielfalt in der Metropole Ruhr." So heißt es in der Presseerklärung der RUHR.2010 Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Warum die - wir können ja bis 15 zählen - Verwaltungseinheiten der Kulturhauptstadt-Region von der beauftragten Agentur CP/COMPARTNER auf nur neun Farbbereiche reduziert wurden, bleibt zwar wohl für alle Zeiten ein Geheimnis der Wortbildmarkenschöpfer.

 

Die Formel KISS („Keep It Short Simple"), die sich als Grundregel bei der Gestaltung von Logos und Markenzeichen bewährt hat, wurde beim Bewerbungslogo mit seinen insgesamt 269 bunt flatternden „Fähnchen" wohl kaum berücksichtigt. (Trotzdem hat die Agentur jüngst in Wiesbaden für ihre Bewerbungskampagne „Essen für das Ruhrgebiet - Kulturhauptstadt Europas 2010" den begehrten Deutschen PR-Preis des DPRG in Gold erhalten, den - wie sie selbst schreibt - „wichtigsten Branchen-Award im deutschsprachigen Raum".) Aber egal! Jetzt haben wir das bunte Ding nun mal am Hals, es hat seinen Dienst in der Bewerbungsphase gut getan, und die Verantwortlichen wären ja bescheuert, wenn sie es auf den Design-Müll werfen würden, so unlogisch dieses Logo auch sein mag.

 

(Eine kleine Abschweifung des Revierflaneurs: Was mag es mit der Zahl 269 auf sich haben, nachdem schon die Ziffer neun für die Farben des Logos vorn und hinten nicht passte? 269 ist eine Primzahl, also nur durch 1 und sich selbst teilbar. Ist das die Botschaft, die uns die Agentur übermitteln will? Dass das Ruhrgebiet mit seinen elf Städten und vier Landkreisen, und mit deutlich über 400 Stadt- und Ortsteilen, nur durch sich selbst und durch 1 teilbar ist? Eine willkürliche festgesetzte Primzahl, als kryptisches Signal, wie prima vielfältig und doch so einmalig wir sind? Und das, wo das Revier-Konglomerat doch sonst oft von dem Vorurteil heimgesucht wird, nichts anderes zu sein als ein grauer Einheitsbrei? Ach Quatsch! Das neunfarbige „Fähnchen-Motiv" sollte ursprünglich, als noch niemand zu träumen wagte, was jetzt Wirklichkeit geworden ist, kaum mehr mitteilen als diese simple Botschaft: „Unser Ruhrgebiet ist eine bunte Landschaft aus vielen Städten und Kreisen und aus noch weit mehr Orts- und Stadtteilen!" Eine soziale und kulturelle Patchwork-Family in den Dimensionen einer Magalopolis.)

 

Wer darf nun zukünftig diese althergebrachte, gut eingeführte „Dachmarke" für die „nationale und internationale Vermarktung" nutzen? Lediglich „originäre Veranstaltungen und Projekte", die Ruhr 2010 GmbH selbst und - in der individualisierten bzw. regionalisierten Version - die 15 Kommunen des Ruhrgebiets.

 

Alle anderen - Bürger, Institutionen und Unternehmen - müssen sich ab sofort mit der (allerdings kostenlosen) Verwendung des neuen „Community-Logos" bescheiden, das alles andere als bunt ist, besteht es doch aus den Worten bzw. Zahlen „RUHR." (schwarz), „2010" (grau) und „Kulturhauptstadt Europas", in der englischsprachigen Version: „European Capital of Culture" (hellblau). Wer es verwenden will, muss einen „Antrag auf Einwilligung zur Nutzung des Community-Logos der RUHR.2010" ausfüllen, sich damit zu allerlei verpflichten und die Zahlung einer Vertragsstrafe in Höhe von 5.100 Euro zusicheren, sofern er gegen die zugesagten Verpflichtungen verstoßen sollte.

 

So weit, so gut. Mit deutscher Gründlichkeit wäre somit auch dies wieder einmal erschöpfend geregelt. Auf den Millimeter genau wird z. B. im CD-Manual eine „Schutzzone" festgelegt, die bei der Verwendung des neuen Community-Logos „sowohl für die Positionierung zum Seitenrand hin als auch für den Abstand zu anderen Objekten im Layout" einzuhalten ist.

 

Bei solcher Strenge der RUHR.2010 GmbH in Gestaltungsfragen mutet es allerdings etwas befremdlich an, dass mehr als sechs Wochen nach der Präsentation der neuen Logos auf dem Essener Willy-Brandt-Platz am Eingang zur Kettwiger Straße noch immer das „Fähnchen-Motiv" an der Fassade eines Kaufhauskonzerns hängt, und zwar mit dem endgültig veralteten Zusatz „Essen für das Ruhrgebiet - Kulturhauptstadt Europas 2010" (siehe Foto oben)? Wo doch besagter Konzern wohl kaum als „originäre Veranstaltung" durchgeht, noch nicht einmal im erlauchten Kreis der Sponsoren genannt wird, und erst recht natürlich nicht im weitaus erlauchteren Kreis der Hauptsponsoren!

 

Nichts gegen strenge Regeln bei der Kommerzialisierung von Kultur - aber wenn man solche Regeln verfügt, dann sollte man auch für deren strikte Einhaltung sorgen. Und wenn der genannte Konzern schon keinen Etat in seine Planung eingestellt hat, um sich per Sponsorship an der Förderung jener Effekte zu beteiligen, die auch ihm spätestens 2010 zusätzliche Kunden in seinen „Konsumpalast" spülen werden, dann sollte er mindestens die Regeln beachten und sich für seine Fassadendekoration mit dem neuen Community-Logo bescheiden.

 

Mein Fazit: „Schutzzone" einhalten! Runter mit dem alten Lappen! Auch, oder besser: gerade ein mächtiger Konzern hat nicht das Recht, sich mit fremden Fahnen zu schmücken - so er nicht dafür zahlt.

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7 Kommentare

Das infantile WM2006-Logo haben wir überlebt, dann schaffen wir diese doch sehr kirchentagsstylige Gestaltung auch noch.

#1 von Matt Black am 03.04.07 um 16:40

 

Was wir aus geschmacklichen Gründen so eben noch "schaffen" zu ertragen oder auch nicht, das war nicht meine Frage. Sondern: Was sich wer rausnehmen kann oder auch nicht, um als Zecke und Schmarotzer an der Kultur-Turbo-Beschleunigung seiner ausschließlich kommerziellen Interessen profitieren zu können, ohne wenigstens aus der Porto-Kasse seines Unternehmens daran zu partizipieren. Thema verfahlt? Hätte ich mich noch deutlicher ausdrücken müssen? Offenbar.

#2 von Manuel Heßling am 03.04.07 um 19:25

 

Manueller Trackback: http://blog.50hz.de/?p=621

#3 von 50hz am 04.04.07 um 15:50

 
 

Interview vom 5. April in der NRZ mit Fritz Pleitgen u.d.T. "Universum Kulturhauptstadt" auf die Frage "Rund 450 Projektanträge... liegen vor. Sie werden manchen Antragsteller enttäuschen müssen?" Antwort "....Den Leuten, die sagen, Kulturhauptstadt interessiert mich nicht oder es interessiert mich nur, wenn ich Asche dafür bekomme, denen muss klar sein: Wenn ich nicht mitmache, verpasse ich eine Chance".
Ist doch schön, wenn ein Kaufhauskonzern direkt "ohne Asche" mitmacht. Wissen die bestimmt noch gar nicht, dass man dafür zahlen muss:-I
Übrigens hat ein alter Banker mal vor Leuten gewarnt, die andrer Leute Geld verwalten und es nonchalant umgangssprachlich benennen.

#5 von Schmuslune am 07.04.07 um 09:08

 

Jetzt aber mal vorsichtig! Auch ein Kaufhauskonzern ist ja nur ein Mensch! Und ob der Konzern seinerzeit etwas "Asche" rausgerückt hat oder nicht, ist noch nicht ganz klar. Die Verwendung des ursprünglichen, inzwischen veralteten Logos wurde sehr locker genehmigt. Und es gibt in den neuen Regularien keine klare Bestimmung, wann die veralteten Logos zu entfernen sind.Zu Ostern kommt hier jedenfalls von mir noch ein ausführlicher Beitrag zum Thema, über das ich mich inzwischen schlauer gemacht habe, als ich bei meiner ersten Stellungnahme dort oben war.

#6 von Manuel Heßling am 07.04.07 um 10:41

 

#6 Wie: "Jetzt aber mal vorsichtig"? Sag ich doch: Wissen die bestimmt noch gar nicht...
Aber da überlass ich gern die Diskussion Leuten, die Ahnung haben - wie die von blog.50hz.
Was mich ärgert, ist, dass Herr Pleitgen jetzt schon anfängt, Verzicht zu predigen.
Aber das ist eine andere Baustelle.

#7 von schmuslune am 10.04.07 um 19:49

 

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