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Blindlings

Hart am Wind durch die Zeiten

Claudio Magris ist ein Meister des Mosaiks. Seine Romane, wie etwa „Donau. Biografie eines Flusses", für die er regelmäßig mit dem Nobelpreis in Verbindung gebracht wird, baut der Italiener aus einem Sammelsurium an Fundstücken zusammen, aus Anekdoten, Kuriositäten und Zurückgelassenem. In seinem neuen Roman „Blindlings" setzt er nun die Scherben des 20. Jahrhunderts zu einem außergewöhnlichen Panorama zusammen.

 

Salvatore Cippico heißt der Mann, der in „Blindlings" sein Leben erzählt. Seine Gegenüber sind ein Doktor und ein Tonbandgerät. Wahrscheinlich befinden wir uns in einer psychiatrischen Klinik in Turin. Cippico ist der Sohn eines nach Tasmanien ausgewanderten Italieners und einer Aborigine, vor allem ist er Kommunist. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wies Australien ihn aus, er kam nach Europa, kämpfte dort im Spanischen Bürgerkrieg, wurde von den Nazis in Dachau interniert und später unter Titos Regime auf der Gefangeneninsel Goli Otok. Das sind die Fakten aus Cippicos Leben, erzählt werden sie jedoch nicht linear. Ein immer wieder auftauchendes Bild ist die gläserne Drehtüre eines Turiner Cafés, deren Lichtreflexe „schleudern Hände voller Glasscherben ins Café". So ungebändigt wie diese Lichtreflexe dem Cafébesucher begegnen, arrangiert Cippico auch seine Erzählung. Zeiten und Orte fließen durcheinander und in die Schilderung seines Lebens dringt die Stimme Jorgen Jorgensens, eines Revolutionärs, der Anfang des 19. Jahrhunderts lebte und dessen Biografie zu Cippicos Leben parallel geführt wird. Dieser Jorgensen, eine historische Figur, ein Däne, gründete eine Stadt in Tasmanien, war ein Walfänger, der für drei Wochen König von Island war und schließlich als Gefangener in jene Stadt verbannt wurde, die er einst selber gegründet hatte.

 

Salvatore Cippico berichtet als Ich-Erzähler Jorgensens Leben. Ist er deswegen in der Anstalt? Weil er sich für Jorgensen hält? Das bleibt offen. Zunächst begegnen dem Leser viele offene Erzählstränge, die sich nicht zu einem roten Faden verbinden lassen wollen. Der Text hüpft von Kontinent zu Kontinent und vor und zurück auf der Zeitleiste, und die Splitter der Geschichte, die der Leser dabei nur erhaschen kann, muss er selber identifizieren und zusammensetzen. Später werden die Kapitel kürzen, rhythmisieren den Text, helfen bei der Sinnstiftung. Später entwickelt der Roman mit seiner präzisen Sprache und gut gefügten, um nicht zu sagen verfugten Sätzen, einen starken Sog. Um dort hinzugelangen, muss man sich durch den sperrigen Anfang hindurch arbeiten.

 

Mit der Verquickung beider Leben reicht die Spanne der erzählten Zeit von den Walfängern bis zum World Wide Web. Entlang dieser Zeitleiste reihen sich gefangen, gefoltert, gehängt die gescheiterten Revolutionäre, seien es die überwältigten Meuterer auf einem Walfangschiff oder von diversen Staatsmächten verfolgte Kommunisten. Magris untersucht die Gründe für ihr Scheitern und den Umgang mit dieser Desillusionierung. „Warum ist es später so anders? Vielleicht weil ich die Welt in Ordnung bringen wollte anstatt mir einen Schlupfwinkel zu suchen, und das verzeiht einem die Welt nie."

 

Doch Revolution und Kommunismus sind nur ein Erzählstrang, den Magris verfolgt. Wie in allen seinen Werken spielt das Wasser, das Meer eine tragende Rolle und die mythischen Argonauten spiegeln hier mit ihrer Suche nach dem Goldenen Vlies sowohl Cippicos als auch Jorgensens Fahrten und Begehren.

 

Immer wieder thematisiert wird das Erzählen selbst, die Sprache als Machtinstrument bei den erzwungenen Geständnissen und der Zweifel an der eigenen Erzählung „Ich weiß nicht, wer mir diese feige Geschichte eingibt mich zurückzuziehen - diese verhasste Stimme, die mich nachäfft, als ob sie aus meinem Mund käme, aber nur, um mein Leben zu verfälschen. Wenn ich sie nur zum Schweigen bringen könnte ..."

 

Claudio Magris bringt in „Blindlings" viele Stimmen zum Reden und webt aus diesem Chorgesang eine Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachtet von den Klippen der Gefängnisinsel Goli Otok. Claudio Magris erweist sich als ein Meister des Scherbenlegens.

 

Claudio Magris. Blindlings. Hanser Verlag 24,90 € 

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1 Kommentar

Ist "Blindlings" nicht das erste seiner bisher immer lesenswerten Bücher, die sein Autor erstmals selber als Roman bezeichnet? Und ist sonach auch "Donau. Biographie eines Flusses" nicht eher romanähnlich? Immerhin "Mutmaßungen über einen Säbel" von 1984 darf als Erzählung gelten. Die meisten anderen Bücher des Autors Claudio Magris, abgesehen von seinen genuin literaturwissenschaftlichen, entziehen sich jeder strengen Gattungszuordnung.

#1 von Günter Landsberger am 29.11.07 um 15:04

 

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