
Es gibt ein Leben vor der Rente, und es gibt ein Leben vor der Stadt.
Hochmotivierte Laienspielgruppen proben und spielen sich in dörflichen Turnhallen und Festsälen die Seele aus dem Leib. Soviel Hingabe, das überrascht und rührt gleichermaßen.
Dies hier ist der Anfang einer kleinen Reihe über das ländliche Kulturschaffen und Theaterwesen.
Mein Ziel zum Auftakt dieser Reihe ist Bechen bei Kürten.
Bechen ist ein Dorf mit ca 3000 Einwohnern in der Gemeinde Kürten. Jeder kennt jeden. Es gibt kein Kino, aber zwei Kirchen, keinen Sportverein, aber einen Kegelclub, keinen Tante-Emma-Laden, aber einen Aldi und einen Rewe. Und es gibt Zusammenhalt.
Ich bin zu Gast bei Gudrun Fuhrmann, die mich im Eigenheim begrüßt, dessen kartonlastiger Zustand dem töchterlichen Auszug geschuldet ist.
Bei Kaffee und Selters und dem Gewusel mehrerer Kartonträger erzählt sie mir begeistert von ihrem Werdegang als Mitspielerin (sie sagt nicht „Schauspielerin") und Spielleiterin einer Gruppe namens „Boulevard Bechen", die auf ihrer Website stolz die Chronik ihrer Aufführungen seit der Gründung in 1996 auflistet, mit Titeln und Verfassern. Und das liest sich ein bißchen so wie das Samstagabend-Programm der öffentlich Rechtlichen.
Frau Fuhrmann spricht von sich und der Gruppe als „professionelle Laien", sie sind sozusagen die Bürgerjournalisten unter den Theaterleuten.
Sie war nicht immer Spielleiterin, sondern beerbte einen gewissen Manfred Rahier, der vor vier Jahren starb. Seitdem brachte Frau Fuhrmann drei Komödien auf die Bühne ihrer Stammspielstätte „Kalyva", einer griechisch/kölschen Wirtschaft.
In der Truppe spielen 15 Frauen und Männer, die aber nicht alle in jedem Stück eingesetzt werden.
Auf die Idee, Theater zu spielen, kam man während einer Geburtstagsfeier bei einer „Bergischen Kaffeetafel". Die Stücke werden beim Plausus-Verlag gekauft. Das kann, je nach Besetzungsliste, bis zu €1000 kosten. Daran, selbst Stücke zu erfinden und schreiben, hat man nie gedacht. Frau Fuhrmann setzt auf Bewährtes. Komödien sollen es sein: „Die Leute wollen was zu Lachen haben." Spannung kann auch nicht schaden. Mal ein Krimi, was mit Mord.
Mit Stolz berichtet sie, daß von Anfang an jedes Jahr alle sieben Aufführungen - traditionell im November - immer ausverkauft waren. Da steht Bechen Bayreuth in nichts nach.
Die Vorstellungen sind Selbstläufer. 150 Besucher pro Abend, €12 kostet der Eintritt. In der Pause verkauft die Wirtschaft Häppchen an die Zuschauer, vor oder nach der Vorstellung gehen viele davon noch beim „Kalyva"-Wirt essen. Dafür fällt die Saalmiete weg, und alle sind zufrieden.
Und brummen tut's auch bei „Boulevard Bechen": Am Ende jeder Saison bleiben nach Abzug der Kosten zwischen vier und sechstausend Euro, die an Einrichtungen im Dorf gespendet werden.
Das Stück für den kommenden November heißt: „Keine halben Sachen".
Die Karten gehen weg wie warme Semmeln.

6 Kommentare
cool
#1 von Olram X am 09.08.09 um 22:43
Kürten? - Kürten? - Ach ja, das Dorf mit den zwei Eselsbrücken. Der Dieter Kürten-Brücke und der Karlheinz Stockhausen-Brücke.
#2 von Olram X am 10.08.09 um 01:11
@olram X: am ortseingang Bechen steht auch ein schild: Dorf der Esel... ;-)
#3 von leah am 10.08.09 um 01:43
Klasse! Schöne Idee!
#4 von Michaela am 10.08.09 um 07:58
Schade, dass ich so weit weg wohne. Das macht mich richtig an, mal so'n ganzen Abend in und mit einem Dorftheater zu verbringen, einschließlich aftershow party. Bin ja gespannt, was ihr da oben im Rheinischen noch so alles auf die Bühne bringt. Ich glaub, das gibt's bei uns im wilden Süden nicht so. Hier wird mehr gesungen, mehrfach in jedem Dorf. Weiter so, Leah, vielleicht komm' ich dann mal da rauf.
#5 von Lisa am 10.08.09 um 16:08
Es gibt ein Leben jenseits der Event-Kultur.
Es lebe die Kleinkunst!
#6 von StefanDernbach am 14.08.09 um 23:18