
Das Netz, so scheint es, ist der virtuelle Wilde Westens, ein Raum mit anarchischen Freiheiten, ein Raum ohne Regeln, es gilt Darwin 2.0.
Umso verdienstvoller, dass die Technische Universität Dortmund dieser Tage ein Projekt namens "MediaAct" gestartet hat, um sich die Frage zu stellen, wie zivilisatorische Errungenschaften wie Korrektheit der Fakten und ein Minimum von Höflichkeit und Rücksichtnahme auch in der digitalen Welt greifen können.Wichtiger noch ist die Frage, was Opfer von Verleumdung gegen Schmutzkampagnen tun können, zumal das Internet eine nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Informationen bedeutet; Zeit und Raum spielen keine Rolle mehr, von Geld bei einem nahezu kostenfreien Medium mal ganz zu schweigen
Eine Podiumsdiskussion in Dortmund zu Beginn des auf dreieinhalb Jahre festgelegten Projekts in Dortmund stellte redaktionsinterne Ombudsleute zur Diskussion, regte eine Schulung von Bloggern an, schwärmte von Watchblogs fürs Netz und dachte zumindest über die Möglichkeit einer digitalen Variante eines Presserates nach.
Ausgespart blieben jedoch die sozialen Netzwerke. Sie stellen sich bisher als reine Dienstleister dar, die keine Verantwortung für die Inhalte ihrer Nutzer übernehmen wollen - für sie eine billige Variante.
Umgekehrt neigen auch Medienwissenschaftler wie Matthias Karmasin aus Klagenfurt, Österreich, dazu, von den Nutzern zu erwarten, den vollen Überblick für die Konsequenzen ihres Handeln zu erwarten. "Gegen Dummheit", tönte er, "kann man keinen imprägnieren."
Allerdings blendete er dabei aus, dass soziale Netzwerke wie Facebook und SchülerVZ auch Zigtausende minderjähriger Nutzer haben und mit ihnen Geld verdienen.
Ich bin der Überzeugung, dass derlei Netzwerke Community Manager brauchen, die Texte, Bilder und Töne entfernen, die rassistisch, sexistisch und verleumderisch sind. Wer Geschäfte mit vielschichtigen Nutzerdaten macht, muss auch Verantwortung übernehmen.
Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass nationale Lösungen wenig taugen. Das darf aber keinem Denkverbot gleichkommen. Im Gegenteil: Ich fordere eine breite Diskussion über das Thema, um - und da unterstütze ich die Verantwortlichen von MediaAct - die Entscheidungsträger zumindest auf EU-Ebene zu überzeugen, Regeln für eine bessere Selbstkontrolle im Netz aufzustellen.
Die Nutzer brauchen mehr Schutz - je schneller, desto besser.
www.mediaact.eu
2 Kommentare
Wer in eine Stromschnelle geraten ist, bekommt Probleme beim Zurückrudern.
Politik und Wirtschaft. Die Politik rudert immer hinterher. Und das sehenden Auges.
#1 von StefanDernbach am 22.02.10 um 08:26
Ich stimme dir eigentlich zu, Jürgen, halte aber die Durchsetzung für eher illusorisch.
#2 von Matta Schimanski am 22.02.10 um 19:09