Der neue, alte Bundestagspräsident Norbert Lammert ist ein kluger Kopf. Und clever obendrein. Er hat heute losgepoltert. Was ARD und ZDF über die konstituierende Sitzung der Bundestages berichteten, reichte Lammert nicht. Stattdessen, lamentierte er, servierten die beiden Öffentlich-Rechtlichen Seichtes.
Warum der Vorstoß? Na logo: Lammert redet, weil er in Berlin nichts zu sagen hat. Das Amt des Bundestagspräsidenten mag formal das zweitwichtigste in der Republik sein. Tatsächlich hat Lammert kaum mehr als einen Ehrenjob.
Sehen wir uns die Fakten an: Ausgiebige Berichterstattung aus Berlin lieferte Phoenix, der Info-Kanal der Öffentlich-Rechtlichen. Und dort ist eine rein formal wichtige Sitzung wie die gestrige perfekt aufgehoben.
Hinter Lammerts Schelte steht ein weiterer Versuch, Parlamentsfernsehen zu installieren. Allein, die Rechtslage verbietet es. ARD und ZDF haben staatsfern zu sein, und das ist gut so (auch wenn der Versuch von Hessens Roland Koch, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zu kippen, ein schlimmer Versuch, genau das zu unterlaufen).
Noch schlimmer wäre ein Parlamentskanal, der ungefiltert Politiker-Reden überträgt, nicht redaktionell eingeordnet, nicht kommentiert. Abgesehen davon, dass die Quote in der Regel gegen null tendieren dürfte.
8 Kommentare
Nein, das sehe ich nicht so.
Wer guckt schon Phoenix, und wer wusste überhaupt von dem Termin? In der Fernsehzeitung stand der jedenfalls nicht drin – natürlich nicht, denn er konnte ja erst kurzfristig angesetzt sein. Ich kann mich auch nicht erinnern, gestern in den Nachrichten eine Mitteilung gehört zu haben "morgen tritt der neu gewählte Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen; die Sitzung wird auf Phoenix ab ... Uhr übertragen".
Es geht hier nicht um die paar politisch hoch Interessierten, die regelmäßig Phoenix gucken.
Da wird so geklagt, dass die Bevölkerung politikverdrossen ist, die Jugend sich nicht für Politik interessiert, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht wählen geht – und was tut dass öffentlich-rechtliche Fernsehen? Es bestärkt sie darin!
Der Bundestag ist nicht "die da oben, gegen die wir nichts machen können"! Den Bundestag haben wir gewählt, und zwar dazu, dass er uns vertritt. Dann sollten wir ihm auch auf die Finger gucken.
Die Eröffnungssitzung des von uns frisch gewählten Bundestages müsste doch von allen WählerInnen als ein feierliches Ereignis betrachtet werden. Wie bei den meisten feierlichen Ereignissen passiert zwar nicht viel konkretes da drin außer zwei längeren Reden, aber das ganze hat Symbolkraft, es bezeichnet die Souveränität des Volks, unsere Demokratie.
Außerdem gab es in der Sendung in den Pausen ein paar interessante Interviews, aus denen der Laie etwas von der Arbeit im Bundestag erfahren konnte.
Aber was sagen die Herrschaften, die in unserer Medienlandschaft das Sagen haben? "Die Leute interessieren sich nun mal nicht für Politik, sie wollen lieber Telenovelas und Beziehungskomödien sehen – und das ist auch gut so und soll möglichst so bleiben!"
Telenovela- und Beziehungskomödien-GuckerInnen kann man besser beherrschen als politisch Interessierte.
#1 von eule70 am 28.10.09 um 01:45
Es sei darauf hingewiesen, dass in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren (vielleicht sogar noch etwas länger) alle Bundestagsplenarsitzungen und auch die konstituierenden Sitzungen des jeweils neuen Bundestages in voller Länge in mindestes einem der Hauptprogramme des Hörfunks UND des Fernsehens (ARD; - ZDF) live zugänglich gewesen ist. Erst die veränderte Fernsehlandschaft hat das verändert.
#2 von Günter Landsberger am 28.10.09 um 07:45
@ Jürgen Overkott:
Finde auch, dass Parlamentsdebatten bei Phoenix gut aufgehoben sind und nicht bei ARD/ZDF laufen müssen.
Die Notwendigkeit, Politikerreden im Bundestag zu kommentieren, sehe ich allerdings nicht. Da fängt die Filterung doch schon an. Denke, man kann mündigen Zuschauern durchaus zutrauen, sich ein (eigenes) Urteil zu bilden.
Zumal es ja genug politische Magazine gibt, die eine Kommentierung vornehmen. Deutlich schwieriger ist es, an ungeschnittene O-Töne zu kommen.
#3 von Ingo Juknat am 28.10.09 um 11:58
Tatsache ist, dass ARD und ZDF fast alles halbwegs Schwierige und Sperrige in Spartenprogramme abgeschoben haben. Es gab mal Zeiten, da liefen wichtige Theateraufführungen zur Prime Time. Kaum zu glauben, aber wahr.
Und: Norbert Lammert hat sicherlich keine allzu große Gestaltungs-Macht (also im übertragenen Sinne "nichts zu sagen" / "nichts zu melden"), aber inhaltlich hat er mehr zu sagen als die allermeisten Volksvertreter.
#4 von Bernd Berke am 28.10.09 um 12:06
Lieber Ingo,
Sitzungen ungefiltert zu übertragen ist Staatsfernsehen, und das ist im Rundfunkstaatsvertrag verboten. Natürlich müssen Politikerstatements so ausführlich dargestellt werden, dass ihre Argumentation klar wird, gleichzeitig sollte das Fernsehen mehr sein als ein Geschmacksverstärker der Macht.
Lieber Bernd:
Lammert redet pro domo. Ich will es mal so zuspitzen: Lieber Politiker, feilt mal an Eurer Rhetorik! Seid so publikumszugewandt wie einst die Römer mit ihren flammenden Reden! Werft Eurer Juristendeutsch (mindestens genauso schlimm wie anglisiertes Werbedeutsch) auf den Müllhaufen der Geschichte! Vielleicht findet Ihr dann wieder mehr Gehör.
Umgekehrt drängt sich mir der Vredacht auf, dass die herrschende Klasse lieber unter sich diskutieren will - deshalb die Rhetorik, die Nichteingeweihte ausschließt.
#5 von jürgen overkott am 28.10.09 um 20:34
Liebe Eule70:
auch hier mal was Zugespitztes: Die konstituierende Sitzung des Bundestages ist, bei allem Respekt vor der besten aller möglichen Staatsformen, wie Opium für das Volk: Sie macht beim Zuschauen schläfrig. Form geht hier eindeutig vor Inhalt.
Also noch mal: Lammert lamentiert - in eigener Sache. Die konstituierende Sitzung des Bundestages ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen er Gehör findet, und die Situation hat er, je nach Betrachtungswinkel, genutzt oder ausgenutzt.
#6 von jürgen overkott am 28.10.09 um 20:38
Lieber Jürgen,
Geschmacksverstärker der Macht ist das Fernsehen nicht durch das ungefilterte Übertragen von Parlamentssitzungen etc., sondern durch seine Programmgestaltung, die in den besten Sendezeiten nur belanglose Unterhaltung, allenfalls ein paar spannende Krimis, bringt, und die wirklich guten Filme und gesellschafts- und sonstwie kritische Sendungen nur zu Zeiten, in denen ein Arbeitnehmer längst schlafen muss! Dieses Dummhalten des Volkes halte ich für von der Staatsmacht durchaus gewollt.
#7 von eule70 am 28.10.09 um 23:18
Einspruch!
Der Auftrag von ARD und ZDF lautet: Information, Kultur UND Unterhaltung. Über Geschmack lässt sich streiten.
Ich bin sicher, dass die Republik nicht in ihren Festen erschüttert wird, wenn die KONSTITUIERENDE Sitzung des Bundestages nicht übertragen wird - von der ARD.
Zugleich bin ich sicher, dass wir uns nicht zu Tode amüsieren. Auch pflichte ich Verschwörungstheorien nicht bei, das genau das gewollt ist.
Der Info-Kanal Phoenix ist über alle Verbreitungswege - also auch über das Überallfernsehen DVB-T - zu haben. Es bedarf nur eines Knopfdrucks.
Mündige Zuschauer schaltet ein!
#8 von Jürgen Overkott [WR] am 29.10.09 um 15:36