
Niemand, der sich hat tätowieren lassen, wird behaupten, dass die Schmerzen unerträglich waren. Das ziemt sich nicht. Wer sich vor Schmerzen fürchtet, lässt sich nicht tätowieren. Es sei denn, seine Freunde schleppen ihn im Vollrausch in eine Tätowierstube und überreden den gutmütigen Stecher zu einer Spontansitzung. Dann kriegt man nichts mit und die Überraschung am nächsten Morgen ist groß, wenn man in den Spiegel schaut und das Wort "HALLO!" in blauer Frakturschrift auf seiner Stirn entdeckt. Und an jedem Morgen von neuem, für den Rest seines Lebens.
Die Erwartung der abertausend Nadelstiche und die kaum fassbare Vorstellung, dass die Hautzeichnung mich für den Rest meines Lebens begleiten würde, ließen mich drei Zigartetten vor dem "Tatau Obscur" rauchen, als der Tag gekommen war.
Es war mir ein Abschied. Keine anständige Frau würde mich mehr nackt umarmen. Meine Freunde und nahen Verwandten würden sich, mit vorwurfsvoll vorgeschobener Unterlippe, von mir abwenden. Von einem geregelten Leben im Glanz gesellschaftlicher Anerkennung und absehbarer Altersversorgung konnte ich nicht mehr ausgehen. Auch habe ich noch nie von einem tätowierten Literatur-Nobelpreisträger gehört.
Fortan würde ich meine Freunde unter Heavy-Metal-Fans finden, unter Extremsportlern und Betäubungsmittelbenutzern. Willkommen in der Welt der gescheiterten Existenzen, im Reich der zerbrochenen Träume, im Tal der gefallenen Engel. Willkommen bei den Kindern aus der Siedlung.
Im Studio lag eine junge Frau auf der Bank des zweiten Tätowierers, dessen Maschine kraftvoll schnurrte. Die Frau ließ sich das ungefähr zehnte Tattoo stechen, und mir fiel die Geschichte des Mannes ein, der als "Scary Guy" verdienten Ruhm erlangte. Nach seiner ersten Tätowierung sagte der Stecher zu ihm: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich - das war nicht deine letzte Tätowierung..." Mittlerweile trägt der "Scary Guy" ein Gesamtkörperkunstwerk.
Meine Meisterin macht eine weitere Vorzeichnung. Dann ließ sie ihre Tätowiermaschine surren. Die Nadeln gruben sich in meine Haut. Ich schloß die Augen und lauschte der Unterhaltung, die Nadeln und Tinte mit meiner Haut führten. Es war ein innige Scharren, ein beharrliches und eindringliches Kratzen.
Kinder kennen die Nahkampftechnik der "Tausend Stecknadeln", bei der Haut und Gewebe gegeneinander verwrungen werden. So etwa fühlte es sich an. Oder wie das Auftauen von verfrorenen Händen im Winter. Die feinen Umrisslinien sind angenehmer zu empfangen als das eher großflächige Verbringen der Tinte in die Haut.
Und es dauert. Man hat Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen.
Ich könnte nun behaupten, ich hätte an Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" gedacht. Oder an Herman Melvilles Beschreibung von Queequegs Körper in "Moby Dick". Oder an Ray Bradburys Geschichte vom "Illustrierten Mann". Doch so war es nicht.
Ich habe, während ich mit geschlossenen Augen dem Weg der Nadeln folgte, ungefähr dies gedacht: Ich will dafür nicht bewundert werden. Ich will dafür nicht verachtet werden. Ich widme diese Tätowierung, in tiefem Respekt und treuer Liebe, meinem allerbesten Freund, heute und immerdar, mir selbst.
Nach zwei Stunden erstarb das Surren der Tätowiermaschine. Meine Meisterin wischte das Blut von meiner Haut, wickelte den Arm in Klarsichtfolie und schärfte mir ein, die bearbeitete Hautfläche abends zu waschen und stets einzucremen. "Wenn irgendwas ist, ruf mich an", sagte sie, "ansonsten sehen wir uns in drei Wochen wieder".
15 Kommentare
sie habens getan! was für eine schöne widmung! dann geht es wohl noch weiter, hoffentlich… farbe, 2. tattoo, 3.... *grins*
#1 von silke schäfer am 18.10.07 um 16:11
"habe ich noch nie von einem tätowierten Literatur-Nobelpreisträger gehört" - Ich schon. Paul Heyse soll auf der rechten Arschbacke eine Tattoo-Inschrift gehabt haben: "O. Panizza nahm mich hier am Sylvesterabend 1894". Das nur nebenbei.
#2 von Revierflaneur am 18.10.07 um 17:14
Und jetzt sind Sie dran, Silke Schäfer!
#3 von Johannes Groschupf am 18.10.07 um 21:47
da *murmel* fallen mir schnell mindestend 5 gute gründe ein, warum ich noch zeit (und mut) brauche. allein das gesamtkonzept… das ruhmesgedärm und den whitman hab ich schweren herzens verworfen… wobei, vielleicht doch ein portrait auf der allertiefsten rückseite? wäre der allerpassendste platz, wo er schreibt ‚I keep as delicate around the bowels as around the head and heart’… sie sehen, das ist noch sehr unausgereift. sie hingegen scheinen ja schon im flow zu sein, johnannes groschupf!
#4 von silke schäfer am 19.10.07 um 10:50
Und wann wird der Schläfer wach und stellt beruhigt fest, fass alles nur ein Traum war? Ich warte auf Teil 4 und das Happy End.
#5 von kelly am 19.10.07 um 19:36
Der Schläger wird wach und fragt: Kann mir mal jemand sagen, wie das Teil wieder abgeht?
#6 von Johannes Groschupf am 19.10.07 um 20:34
#6 nun, Basis ist ein grosses Pflaster, älter schon, einseitig mit Sekundenkleber bestrichen- in eben der erwähnten Sekunde auf das Unerwünschte gedrückt... wirken lassen... und mit einem Ruck abziehen... für des Blutes wild sprudelnde Ströme sollte evtl ein Papiertaschentuch bereit liegen (die Männer unter uns binden einfach ab) und in den entstehenden klötzkenförmigen Kratern lassen sich prima Drogenverstecke für den nächsten einkommensfördernden Grenzübertritt einrichten.
#7 von socursu am 19.10.07 um 21:01
lieber schlafender schläger, „abgehen“ das kann ich ihnen gar nicht glauben wollen. ich warte entspannt auf die wundersamen berichte aus dem tal der gefallenen engel…
#8 von silke schäfer am 20.10.07 um 11:09
#7 Danke - da hätte ich auch drauf kommen können... Sie scheinen sich auszukennen.
Silke Schäfer - es geht Anfang November weiter.
#9 von Johannes Groschupf am 20.10.07 um 17:17
wahooo, danke für den hinweis!
#10 von silke schäfer am 20.10.07 um 18:11
hm... nun ist november, der 6.... ob da wohl was schief gegangen ist?
http://deputy-dog.com/2007/08/24/top-10-physically-modified-people-2/
... johannes... ?!
#11 von silke schäfer am 06.11.07 um 18:20
Johannes Groschupf, geben Sie sich einen Ruck und sagen uns, wie es weitergeht: wir harren atemlos der Fortsetzung...
#12 von Gituska am 08.11.07 um 09:10
also, wie ist es jetzt?
kommen sie hier noch vorbei?
#13 von Gituska am 16.11.07 um 00:55
Zwei Monate rum. Blutvergiftung?
#14 von Revierflaneur am 19.12.07 um 16:03
Geben Sie´s ruhig zu, die Damenwelt liegt Ihnen zu Füßen, seit die Schwellungen abgeklungen sind.
Da haben wir, die wir hier im Forum darben, nichts mehr zu erwarten. Ach. Ich würde so gerne ein Foto sehen...
#15 von Gituska am 03.01.08 um 18:21