
Am nächsten Tag stand ich wieder vor der Tür des "Tatau Obscur". Ich wußte, was ich wollte: Das Vermeer-Bild vom Mädchen mit dem Perlenohrring. Die Tätowiermeisterin schüttelte sofort und enschieden den Kopf. "Das geht bei dir nicht", sagte sie und griff nach einem Ordner mit Tätowiermotiven. "Eher etwas Ornamentales", murmelte sie beim Blättern. Wir sahen uns gemeinsam die Blätter, Fotos, Piktogramme durch.
Ein Kosmos von Zeichen, Bildern, Symbolen, Ornamenten öffnete sich vor mir. Wie wäre es mit einem Stacheldraht um den Oberarm? Ein Maori-Ornament vom Schlüsselbein über die Schultern bis hinunter zum Ellenbogen? Ich fand die Formen attraktiv, konnte mich aber nicht dazu durchringen, da ich die Bedeutung der Zeichen nicht kannte.
Ein stilisierter Totenkopf wäre europäischer. Auch der Affe mit Erektion. Damit hätte ich vermutlich die Lacher auf meiner Seite. Auch ein Skelett, das die Trommel schlug, gefiel mir auf Anhieb. Ich mochte es aber nicht für den Rest meines Lebens mit mir herumtragen.
Die Götter meiner Kindheit, Stan und Ollie, hätten auf meiner Brust bequem Platz gefunden. Doch ich zögerte und zauderte.
Die Tätowiermeisterin schlug unwirsch die letzte Seite eines Buches mit japanischen Motiven auf. Sie wollte mich vermutlich aus dem Laden haben. "Vielleicht kommst du wieder, wenn du weißt, was du willst", sagte sie.
Da sah ich es. Mein Bild. Meine Tätowierung. Ein knorriger Baum im Herbststurm, die Blätter flogen rot und gelb zur Seite. Der Stamm war krumm gewachsen, die Wurzeln wölbten sich aus der Haut heraus.
"Das will ich", flüsterte ich.
"Zieh dich aus", sagte die Meisterin der Nadeln. Ich gehorchte sofort. Ich zog mein Hemd aus und biss die Zähne zusammen. Ich ahnte, dass es nun weh tun würde, und ich war nicht darauf vorbereitet, dass es so rasch geschehen würde. Die Tätowiermeisterin sah meine verkrampften Hände, deren Knöchel weiß hervortraten.
"Mein Gott", sagte sie, "ich mache erstmal eine Zeichnung!" Und ich entspannte mich.
Die Filzstifte, mit denen sie die Konturen des Stammes und der Blätter auf meinen Arm übertrug, streichelten meine Haut. Wenn ich litt, dann unter der massiven Beschallung des Studios mit HipHop, die sie offensichtlich zum Arbeiten benötigte.
Sie brauchte eine gute Stunde, bis die Zeichnung fertig war. Als ich sie mir im Spiegel ansah, erschrak ich über die flammend roten und gelben Blätter, die über meinen Arm züngelten.
Doch nun gab es kein Zurück mehr. Ich wollte die Tätowierung unbedingt haben, am liebsten häte ich gleich damit angefangen.
Meine Tätowiermeisterin fotografierte meinen Arm, wischte die Zeichnung ab, gab mir einen Termin in drei Wochen und verlangte fünfzig Euro Vorauszahlung.
Wenn du kommst, machen wir den ersten Teil", sagte sie, "wenn du nicht kommst, verfällt das Geld."
Als wir uns verabschiedeten, war ihr anzusehen, dass sie nicht damit rechnete, mich wiederzusehen.
Die Tage und Wochen danach waren anstrengend. Ich verliebte mich, bekam Besuch, traf Freunde, vertiefte mich in meinen Roman, saß in der Herbstsonne, spielte Tischtennis, kurzum, das Leben schien mir auch ohne Tätowierung ein atemberaubendes Abenteuer zu sein.
Jedenfalls zuckte ich zusammen, als ich in meinem Kalender den selbstverliebten Eintrag "11.00 tattoo!" für den nächsten Tag entdeckte.
Mir fiel zudem ein, dass ich die Tätowiermeisterin nicht eingehend nach eventuellen Schmerzen befragt hatte. Man wird mich nicht unbedingt einen Connaisseur der Schmerzen nennen. Wenn überhaupt, dann schätze ich sie als Erinnerung, nicht als Versprechen für den kommenden Tag.
In jener Nacht also schlief ich unruhig.
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#1 von vermeer am 22.10.08 um 23:39