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Meine erste Tätowierung

Irgendwann ist die Zeit gekommen. Man möchte keinen Tag länger ohne Tätowierung leben. Man ist wochenlang herumgestreunt, durch die Nacht gelaufen, hat sich in Rocker-Kneipen herumgedrückt, hat in billigen Bars und Kaschemmen mit abgehalfterten Matrosen und Knastbrüdern getrunken. Was sie sagten, ging an einem vorbei. Doch wenn sie die Unterarme auf den Tresen legten, schimmerten ihre Tätowierungen auf.

 

Bei älteren Männern ist es meist das Kreuz auf dem Hügel mit Strahlenkranz. Oder eine langbeinige Schönheit. Oder der Kopf einer Frau mit wallendem blonden Haar. Nicht immer sind ihre Gesichtszüge schön. Darunter ein Name, ein Datum: "Renate 11. 5. 1977". Oder ein flammendes Herz.

Bei den Knastbrüdern sind oft Lebensweisheiten zu lesen. Einer trug auf seinem rechten Handrücken die Empfehlung "Lerne leiden", auf dem linken Handrücken: "ohne zu klagen".

Ein Blick in sein Gesicht reichte, um zu spüren, dass der Träger sich an sein Motto hielt. Unter dem Auge hing die Knastträne. Zwischen Daumen und Zeigefinger die drei Punkte, nach deren Bedeutung man lieber nicht fragt.

 

Der Mann hatte sich entschieden. Er hatte die Seite gewechselt.

Ein Marathonläufer unterteilt die Menschen in solche, die einen Marathon gelaufen sind, und die Flaschen.

Wer sich tätowieren läßt, verabschiedet sich aus der Gesellschaft der Glatten. Er verabschiedet sich aus der Welt der Eigenheimzulage, der Pendlerpauschale, des tariflichen Mindestlohns, der Steuererklärungen, der Baupsparverträge.

Sein Lebensziel besteht nicht mehr darin, die Vormittage mit Vorstandssitzungen zu verplempern.

Er tritt ein in die Welt der Gezeichneten. Er verbrüdert sich mit japanischen Yakuza, mit russichen Bladnyje, mit Südseehäuptlingen und amerikanischen Truck-Fahrern.

 

Ich wußte jedoch nicht, worauf ich mich einließ, als ich in der Potsdamer Straße bei "Tatau Obscur" an die Tür klopfte.

Ich hatte stundenlang vor dem Schaufenster gestanden und die Fotos der Tätowierten betrachtet und mich meiner nackten weißen Haut geschämt.

Der Laden lag im Dunkeln. An der Tür hing ein Zettel mit der Aufschrift "Bitte laut klopfen!" Lange habe ich gezögert.

Sechsmal lief ich um den Block, bevor ich mich traute. Das Tätowierstudio lag unweit des Straßenstrichs. Die Huren pfiffen mir nach, riefen mit den heiseren Stimmen von Junkies: "Schatz, bleibst du mal stehen? Hast du mal Zeit?"

Ich hörte nicht auf sie. Ich lief zurück zum Studio.

Die Stimme meienr Frau Mutter mahnte in meinem Inneren: "Junge, kehr um! Tu das nicht! Wirf dein Leben nicht weg!"

Ich hörte nicht auf sie. Ich ging zum Studio und klopfte.

 

Lange geschah nichts. Ich klopfte lauter, dringlicher. Und nichts geschah. Als ich mich zum Gehen wandte, öffnete sich hinten ein Durchgang, ein Licht funzelte auf, eine Frau näherte sich und schloß die Tür auf. Sie bat mich nicht herein. "Was willst du", fragte sie. Mein Mund war ausgetrocknet, meine Hände zitterten. "Ich wollte mal wegen einer Tätowierung fragen", begann ich. "Komm morgen wieder", sagte sie, "wir stechen grade." Und sie schlug die Tür zu. 

 
 

11 Kommentare

danke! für diesen beitrag, herr groschupf! seit wochen sammelt meine phantasie von meinem körper tätowiert momentum. noch senke ich den blick, wenn ich an einem studio vorbeikomme & gehe schneller, bald lasse ich mich zu hause anbinden. erst waren es blüten und ein drache, der drache wurde größer und japanischer, die blüten mehr. dazu kamen schlange und panther (ein freundlicher, präsenter). der drache kriegte eine dunkele kugel, der panther eine lichte. dann der phönix. inzwischen kommen schriften. ‚no guts no glory’, am besten in die drachenkugel und mindestens 20 zeilen aus ‚song of myself’. letztens im halbschlaf hat der panther seine krallen in farbe getaucht, der rest war farbwahn. wo wird das enden? ich bin gespannt, wies bei ihnen weitergeht…

#1 von silke schäfer am 16.10.07 um 16:32

 

Ich hörte einst von einem Fall, dass ein JVA-Insasse seinen Mithäftlingen Tätowieren umsonst anbot, da er in Übung bleiben wolle.
Einer ließ sich drauf ein, wollte ein schönes großes Bild auf dem Rücken. Da der besagte Tätowierer ihn aber nicht leiden konnte, stach er ihm einen riesengroßen Kühlschrank, was der "Kunde" allerdings erst bemerkte, als die anderen sich beim Duschen schier kaputt lachen wollten...

Wahr oder erfunden? Keine Ahnung.

Codewort: out(law)

#2 von Horst Schimanski am 16.10.07 um 16:49

 

Meine Freundin war auch so krank. Letztendlich ließ sie sich ein Arschgeweih stechen und und ist jetzt froh, es nicht jeden Tag sehen zu müssen. Dass es so enden wird wusste sie schon vorher und konnte trotzdem nicht anders. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

#3 von christine am 16.10.07 um 17:08

 

Liebe Silke Schäfer, morgen gehts weiter - auch wenn dies keine Live-Reportage ist.
Aber Sie sind wohl ohnehin schon über der Grenze, auch wenn Sie sich noch wehren...

#4 von Johannes Groschupf am 16.10.07 um 19:37

 

Widerstand ist zwecklos. Also lieber gleich nachgeben. Dann tut's auch nicht so weh.

Captcha: tot (kein Scherz)

#5 von Konstantin Tassidis am 17.10.07 um 00:43

 

Lasst euch doch sonstwo piercen, ihr Masos!

#6 von Bernd Berke am 17.10.07 um 00:49

 

Blosran

#7 von pierce am 17.10.07 um 00:58

 

Machen Sie es, Herr Groschupf! Sie werden es lieben. So wie ein Maratonläufer an den Walkern im Stadtpark vorbeiläuft, werden Sie das Studio verlassen und sich aufgenommen fühlen, denn Sie tragen ein Zeichen. Zugegeben sollte man wirklich - auch wenn die Möglichkeit zu cover up besteht - sehr gut überlegen, was man - insbesondere im Sommer - der Welt mitteilen möchte. Denn Sie werden für immer dafür gerade stehen müssen. Deshalb würde ich vom "Hügel mit Kreuz" lieber Abstand nehmen. Abgesehen von den theoretischen Überlegungen zum wann, wo, was, ist es ein schöner Schmerz.

Verzerrtes Wort: tut (es)!

#8 von matthias nicht am 17.10.07 um 08:22

 

was, herr groschupf, nicht live? was sind zeit & raum, anyway…
also mit dem zoo habe ich schon inneren frieden gemacht, aber die zeitung macht mir sorgen. solange meine imagination randaliert werde ich tief atmen und atmen und atmen…

#9 von silke schäfer am 17.10.07 um 10:19

 

Uahh, aber nicht sowas wie auf dem Bild... ansonsten genehmigt. ;o)
Bin schon gespannt auf weiteren Bericht.

#10 von dieJenny am 17.10.07 um 13:25

 

@10 Doch, doch Yoda ist Klasse: "Die Macht sei mit Dir" symbolisiert doch etwas ganz Positives.

Für alle, die ihn lieber auf dem Rücken tragen habe ich hier noch was gefunden: Den Yoda-Rucksack
http://www.thinkgeek.com/homeoffice/gear/817c/

#11 von Reiner Stock am 17.10.07 um 14:18

 

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