
Noch nie ist ein Mensch so schnell den Marathon gelaufen wie gestern Haile Gebrselassie in Berlin. Ein Raunen ging durch das Publikum, wenn er vorbeikam. Und die Begeisterung wuchs eher noch an, als auch die anderen Läuferinnen und Läufer kamen. Eine jede, einer jeder der insgesamt 48.076 Menschen eine Heldin, ein Held.
Die Läufer kommen nicht allein nach Berlin. Sie bringen ihre Familien, ihre Freunde mit. Insgesamt rückt eine Million Leute an. Meist kommt man bei Verwandten oder Freunden unter. Man muß ja nicht gleich ins Hotel gehen. Die Berliner rücken gern zusammen. Sie räumen ihre Wohnungen auf, ziehen sich zurück in die Besenkammer und überlassen Ankömmlingen das Feld.
Alle fiebern dem großen Ereignis entgegen, doch zunächst muß man sich an die Berliner Gegebenheiten gewöhnen. "Norma-Claire, du fasst hier nichts an, hier ist alles dreckig!" werden die auswärtigen Kinder ermahnt.
Die Berliner Kinder hingegen erleiden einen Kulturschock, wenn sie Zeugen des westdeutschen Manierenunterrichts am Mittagstisch werden: "Kevin, sitz gerade und führe die Gabel zum Mund!"
Auf einem Gang durch Kreuzberg fragen die ahnungslosen Besucherkinder: "Mama, wieso sind hier alle Häuser vollgemalt?" Die Mutter möchte keinen Skandal mit den Einheimischen heraufbeschwören: "Pscht!"
Der Samstagmorgen vergeht mit quälendem Warten. Es regnet. Die Skater, die am Samstagnachmittag starten sollen, fahren ungern bei Regen. Berlin ist häßlich bei Regen. Es schüttet. Doch am Nachmittag gehen die Skater trotzdem auf die Strecke. Einige haben Duschhauben aufgesetzt. Unverwüstlich stehen die Berliner am Straßenrand und beklatschen die rollenden Läufer.
Am Sonntagmorgen, die Sonne scheint zaghaft und Berlin ist wieder eine wunderbare Stadt, geht es früh raus. Berlinbesucher schlafen, wenn überhaupt, nicht länger als bis sechs Uhr morgens.
Die Läufer schnüren ihre Schuhe. Die begleitenden Fans begeben sich auf die Strecke, sie möchten den Start mitkriegen. Man bahnt sich den Weg durch die morgendliche Stadt. "Kevin, nicht die Hunde mit Kastanien bewerfen, das ist nicht lieb!" - "Norma-Claire, komm an die Hand!"
Die selbstgemalten Plakate werden entrollt: "Hübi, du schaffst es!"
Und dann ziehen die Läufer an einem vorbei, hunderte, tausende, abertausende. Jeder von ihnen hat sich ein Jahr lang auf diesen Tag vorbereitet. Mit den ersten Schritten beginnt der endlos scheinende Weg über 42 Kilometer. Niemand weiß, ob er ankommen wird. Niemand weiß, was unterwegs geschehen wird, welche Schmerzen ihn erwarten. Es sind viele, die Gesichter huschen vorbei, die sehnigen Beine, die trappelnden Schuhe auf dem Asphalt.
Einige von ihnen winken. Andere sind ganz auf sich selbst konzentriert, sie horchen nach innen. In jedem steckt eine Lebensgeschichte, eine Laufgeschichte. Indem es abertausende sind, wirkt der Marathon wie eine Kundgebung, wie der gemeinsame Gottesdient einer Glaubensgemeinschaft: Wir glauben ans Laufen. Wir laufen, also sind wir.
Das Berliner Publikum tut sein Bestes, sie zu ehren. Wie in all den Jahren zuvor steht es am Wegesrand mit Kochtopfdeckeln und Klatschstangen, mit Trillerpfeifen und Rasseln. Anwohner haben die Fenster geöffnet und ihre Musikanlagen bis zum Anschlag aufgedreht. Endlich können sie Zehntausende mit ihrem Musikgeschmack vertraut machen.
Berliner sehen anderen gern bei der Arbeit zu. "Hopp hopp hopp!" rufen sie. Die Läufer winken zurück. Bei Kilometer 15 allerdings kriechen die ersten schon auf dem Zahnfleisch. Die Kreuzberger schwenken ihre Bierflaschen: "Los, mach hinne! Quäl dich, du Sau! Jetzt gehts lo-hos, jetzt gehts lo-hos!"
Der Besenwagen sammelt die Langsamsten auf dem Kottbussser Damm ein.
Am Wilden Eber in Dahlem bieten Cheerleader den vorbeiziehenden Läufern ihre Körper in aufreizenden Posen dar. Eine Samba-Band spielt dazu. Die Läufer schauen dankbar hin. Manche beschleunigen den Schritt. Ein Fernsehmoderator überredet eines der Hopsmädchen, sich als Freundin eines Läufers auszugeben und ihn liebevoll zu umarmen. "Das ist Emotion, das ist Stimmung pur, das schneiden wir auf jeden Fall rein!"
Als Opfer wird ein Mann ausgesucht, der in schleppenden Schritt verfallen ist. Das Mädchen rennt auf ihn zu und wirft sich an seinen Hals. Die beiden knutschen. Prasselnder Applaus vom umstehenden Publikum. Der Kameramann reibt sich die Hände: "Richtig geil, gefällt mir, geht ab".
Dann rennt der Läufer weiter und man hat den Eindruck, daß er eher wegläuft.
Doch wir selbst geraten zunehmend in Ekstase. Im Ziel werden Lebensträume wahr. Oder eine vierstündige Hölle schließt ihre Pforten. Was immer die Läufer empfinden, die Zuschauer bewundern und verehren sie. Haile Gebrselassie war der Schnellste. Aber jedem, der nach ihm ins Ziel kommt, gilt unsere ungebremste Begeisterung und Verehrung. Noch der Läuferin, die nach fünf Stunden als 5380. der Frauen ins Ziel kommt, möchten wir zurufen: "Juliette, ich will ein Kind von dir!"
9 Kommentare
Apropos Opfer:
Bei dieser Veranstaltung "kamen alle durch"?
Wird seltener, beim "Sport".
#1 von Blinkfeuer am 01.10.07 um 14:49
Wen der Besenwagen nicht holte, der kam durch. Verletzungen gab es keine schwerwiegende. Keine Todesfälle.
#2 von Johannes Groschupf am 01.10.07 um 14:57
Johannes... Ich kann dich ja unbekannterweise gut leiden, aber... Beim Kind von Juliette bitte hinten anstellen, k? Q(*.*)Q
#3 von Sunzi Sonnenschein am 01.10.07 um 15:30
lieber johannes, das "noch der" kann nur ein irrtum sein, ersetzen wir es doch gemeinsam durch ein "gerade der". ansonsten kann ich sagen, dass ich gestern gefühlte 837 mal den satz "der schmerz geht, der stolz bleibt" las, der wilde eber enttäuschend, dafür aber andere streckenabschnitte ganz hervorragend besetzt waren.
auch wenn es mir gestern nicht möglich schien, konnte ich heute alleine aufstehen und mich selbstständig ankleiden. ausserdem war ich durch ein klitzekleines missgeschick der bahn gezwungen von einem zug zum anderen zu rennen.
zum kinderwunsch möchte ich mich wie folgt äußern: meine theorie ist und ich denke, ich habe wie so oft recht, frauen laufen entweder marathon oder bekommen kinder. eines muss genügen. es tut mir nahezu unendlich leid!
#4 von Juliette Guttmann am 01.10.07 um 17:29
Mist.
Aber o.k. Dann halt nur Kompliment und Gratulation! :)
#5 von Sunzi Sonnenschein am 01.10.07 um 17:32
tut mir sehr leid, dass ich diesbezüglich (zurzeit) ein wenig unflexibel bin.
#6 von Juliette Guttmann am 01.10.07 um 18:05
Ach, Frau Juliette.
Jetzt habe ich weit über 2.000 Jahre gewartet. Da kommt es auf ein paar mehr nun auch nicht so an. Nur keine Hektik.
(Ist Off-topic, sorry, Johannes. Soll nicht wieder vorkommen.)
#7 von Sunzi Sonnenschein am 01.10.07 um 18:53
Juliette, das verstehe ich voll und ganz! Entweder Kinder oder Marathon. Aber - den Marathon bist du doch nun gelaufen... Dann wäre doch jetzt Zeit für eine neue Herausforderung.
#8 von Johannes Groschupf am 01.10.07 um 21:15
Schöner Bericht. Und ind er tat, jeder der einen Marathon durchstanden hat, weiss, dass man stolz sein kann, ebne ein kleiner Held.
#9 von Karikaturen am 17.04.08 um 16:40