Hape Kerkeling schreibt über seine Wanderungen den Bestseller "Ich bin dann mal weg". An der Hochschule Kassel lehrt Martin Schmitz die Spaziergangswissenschaft, auch Strollogy oder Promenadologie genannt, des Architekten und Stadtplaners Lucius Burckhardt. "WALK!" fordert eine Ausstellung im Kunsthaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg (noch bis zum 14. Oktober) und zeigt in verschiedenen Zugängen den Spaziergang als künstlerische Praxis. Das Gehen, Schlendern, Spazierengehen, Flanieren, Wandern galt lange als Rentnertätigkeit, nun ist es auf einmal hip. Was ist da los?
Das Gehen ist die ursprünglichste Form der Fortbewegung des Menschen. "Ich bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge", schreibt schon 1806 Johann Gottfried Seume, "Fahren zeigt Ohnmacht, gehen Kraft".
Er ist dann, unter anderem, bis nach Syrakus gegangen. Doch ging es ihm nicht allein um das Gehen als Fortbewegung, sondern auch als Erkundungsform, äußerlich wie innerlich, als Wahrnehmungsweise. "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt."
Den Spaziergang, so die Ausstellungskuratorin Christine Heidemann, zeichnet eine zielgerichtete Ziellosigkeit aus. Man schlendert, flaniert, ist gemächlich unterwegs, läßt sich treiben, schaut sich um. Es geht nicht ums Ankommen, sondern um das Gehen und Erleben unterwegs.
Ursprünglich dem Adel vorbehalten, der zur Erbauung und Entspannung in eigens dafür angelegten Parks und Gartenanlagen schlenderte, entwickelte sich das Spazierengehen bald auch zu einer kulturellen Praxis des Bürgertums. Nun wurde auch der urbane Raum attraktiv. Stadtparks, Promenaden und Boulevards zeugen davon. Wer kennt nicht das seltsame Erlebnis des familiären Spaziergangs am Sonntagnachmittag! In Hannover etwa promeniert das Bürgertum noch heute um den Maschsee. Man macht sich fein dafür. Man sieht und wird gesehen. "Guten Tag, Herr Ministerialdirigent! Bitte grüßen Sie Ihre Gattin!"
Etwas heruntergekommen wird das Bedürfnis zum Spaziergang heute in Fußgängerzonen und Shopping Malls ökonomisiert.
Einer der großen Flaneure der deutschsprachigen Literatur (von denen es erstaunlich viele gibt, Walter Benjamin und Robert Walser etwa, Thomas Bernhard und Peter Handke, um nur einige zu nennen), einer der ganz kundigen war Franz Hessel, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Berlin als Spaziergänger entdeckte und erkundete.
"Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspielt von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen es einem nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.
Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches werden."
Doch mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan. Der kundige Spaziergänger interessiert sich für die Welt, die im Gehen entsteht. Städte und Landschaften wahrzunehmen will gelernt sein. Die einfachste Forderung lautet: Hinschauen!
Die Spaziergangswissenschaft interessiert sich für diesen Wahrnehmungsprozeß, wie Martin Schmitz erläutert: " Wir sind mobil wie nie zuvor,und das hat Folgen für unsere Wahrnehmung: Wir sehen die Welt im Schnelldurchlauf. Entsprechend unscharf sind die Bilder und Vorstellungen in unseren Köpfen. Wahrnehmung beruht auf dem kinematographischen Effekt eines Spaziergangs, wie es schon die englsichen Landschaftsgärtner mit ihren Rundwegen und angelegten Perspektiven wußten. Einzelne Sequenzen des Gesehenen werden im Kopf abgespeichert und wir sprechen, nach Hause zurückgekehrt, von typsichen Landschaften und Regionen.
Die größere Mobilität - die Spziergangswissenschaft beschäftigt sich mit allen Fortbewegungsarten - führt dazu, daß wir über riesige Gebiete kompakte Aussagen treffen, etwa: So ist es in Skandinavien, das ist typisch chinesisch. Der Autofahrer, der in wenigen Stunden das Burgund durchquert hat, sagt, dass es auch nicht mehr das ist, was es mal war. Aber woher weiß er das? Gesehen hat er nur, was an der Windschutzscheibe vorbeigehuscht ist. Wer schnell ist, hat keinen Blick fürs Detail."
6 Kommentare
N´ Berliner gibt gerne an, jedoch nie den Quell der Inspiration?
http://www.freitag.de/2007/38/07381701.php
#1 von Blinkfeuer am 29.09.07 um 01:16
Ein sehr spannendes Thema, bei dem wir Baudelaire nicht vergessen dürfen. Er hat ja schließlich den Begriff "Bad in der Menge" geprägt.
Ich kann nur immer wieder auf Wilhelm Genazino verweisen, dessen Figuren auch wunderbare Flaneuere sind, auch wenn der Autor selbst etwas anderes behauptet.
#2 von dieJenny am 29.09.07 um 07:55
Ein sehr schöner Beitrag, Kompliment!
Ich lege grade einen Garten für demenzkranke Menschen an, in dem den Bewohnern des Heims genau dies in einem kleinen Raum ermöglicht werden soll: gehen,schauen,erleben,alle Sinne anregen - der Weg ist das Ziel.Demenzkranke erfahren nur den Augenblick, ihre Handlungen sind nicht auf ein Ergebnis ausgerichtet, sie gehen nicht, um irgendwo anzukommen. Umso intensiver nehmen sie die kleinen Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung wahr (nicht alle, natürlich, und jeder das, was irgendwie mit seiner persönlichen Biographie zu tun hat.)
Eine sehr lehrreiche Erfahrung für mich, mich in die Wahrnehmungsweise dieser Menschen hineinzuversetzen und in eine Gartenanlage umzusetzen,die die Welt für die Kranken wieder etwas größer macht.
#3 von GabiWS am 29.09.07 um 09:34
Diesen Beitrag hat der Revierflaneur naturgemäß mit großem Interesse gelesen - und quittiert ihn mit Wohlgefallen. Als autoloser Anachronist war schon immer Schusters Rappen mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Vielleicht erklärt sich hieraus (mindestens teilweise) mein in vielerlei Hinsicht von der Normalität abweichender Blick auf die "Realitäten" unserer Welt. Zusätzlich dämpft meine Gehbehinderung (die sich in den letzten Jahren zunehmend verschlimmert) mein Tempo. Aber soviel Glück haben eben nur wenige.
#4 von Manuel Hessling am 29.09.07 um 10:35
hallo zusammen,
von cees nooteboom gibt es auch noch einen text über "den flaneur". hat mich damals sehr beeindruckt.
beeindruckt hat mich auch "zu weit draußen". habe gestern damit angefangen und dann die letzten seiten noch im bett gelesen. ich habe das buch von einer (ex-)freundin geschenkt bekommen und es ein paar monate ignoriert. als ich die erste seite gelesen hatte, konnte ich es nicht mehr weglegen! tolles buch - dank an den autor und liebe grüße.....
sascha
#5 von sascha kaukars am 07.07.08 um 10:12
Hierzu vgl. auch:
http://www.hhg-bottrop.de/index.php?nav=4&design=3&mode=deutsch_1
(Seinerzeit von mir selber verfasst, wenn auch nicht mehr ganz aktuell, da ich ja inzwischen pensioniert bin.)
#6 von Günter Landsberger am 07.07.08 um 13:02