
Wahrscheinlich hat noch nie ein Film Freud so wörtlich genommen wie "Inception." Die subtilsten Metaphern sind es jedenfalls nicht, die Christopher Nolan für seinen Trip ins Unterbewusste wählt. Verdrängtes liegt buchstäblich ganz unten im Keller, und wenn DiCaprio & Co. in den Köpfen ihrer Opfer nach Geheimnissen suchen, dann befinden sich diese tatsächlich in Safes.
Das klingt ein bisschen naiv, und doch ist Inception kein schlechter Film. Im Gegenteil. Von den vielen Pluspunkten muss man vor allem die Tatsache hervorheben, dass einen die postmoderne Mode-Idee von der Welt als Konstrukt nicht langweilt. An Filmen mit diesem Thema mangelt es schließlich nicht – von Welt am Draht aus den 70ern über The 13th Floor bis zur Matrix.
Man kann Inception auch ganz anders lesen – als Variante von Filmen wie Rififi oder Ocean's Eleven. Sprich: Meisterdieb versammelt Team von Spezialisten für einen spektakulären Einbruch. Nur, dass der Coup diesmal im Kopf des Opfers stattfindet. Dort klaut der vornamenlose Cobb (DiCaprio) Informationen von der biologischen Festplatte seiner Zielpersonen. Das Ganze geschieht, während diese träumen.
In seltenen Fällen geht es auch mal andersherum. Dann muss Cobb eine Idee in das Gehirn des Opfers einpflanzen. "Inception" ("Beginn") nennt sich dieser Vorgang, der deutlich mehr Aufwand erfordert als der reine Datenklau. Im Film soll Cobb dem Sohn eines verstorbenen Energie-Tycoons die Idee "vermitteln", seine Firma zu zerschlagen. Aus welchem Grund, das erfährt man als Zuschauer nur in sehr vagen Ansätzen. Auch ein Indiz, dass Nolan das Traummotiv mehr interessiert als das Warum des Ganzen (dazu passt, dass die Geschichte der Inception-Technologie nur in einem Halbsatz, beinahe lahm, erklärt wird).
Cobbs Ausflug in die Träume des Tycoons zeigt Inception umso detaillierter, und hier muss man als Zuschauer ziemlich gut aufpassen. Der Einbruch findet auf verschiedenen Bewusstseinsebenen statt, manchmal als Traum-im-Traum-im-Traum. Die verschiedenen Schichten auseinander zu halten, fällt nicht immer leicht – dass Inception seine Zuschauer geistig unterfordert, kann man wirklich nicht behaupten. Kaum zu glauben, dass man es hier mit einem Blockbuster zu tun hat, der sein Publikum nicht nur berieseln will.
Wo die Produktionskosten von angeblich 200 Millionen Dollar geblieben sind, kann man leicht erkennen. Inception fährt ein paar denkwürdige Bilder auf, und das im wortwörtlichen Sinne (das "gefaltete" Paris und die schwerkraftlosen Hotel-Szenen bleiben besonders hängen). Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass sich diese Bilder ähnlich einbrennen werden wie die Kulissen von Blade Runner oder die verqueren Physikeffekte in Die Matrix. Insofern ist Inception selbst ein Bild-Mem, das aus den Köpfen der Zuschauer in Zukunft schwer herauszubekommen sein wird.
Das ist natürlich eines der größten Komplimente, die man einem Film überhaupt machen kann. Inception mag bei genauem Hinsehen weniger originell sein, als man denkt – die Bilder, die dieser Film beschwört, flackern lange nach. Wie eine gute Idee eben.
---
Inception, Regie: Christopher Nolan, GB/USA 2010, 148 Min. Trailer hier.


4 Kommentare
Endlich mal wieder ein Sci-Fi-Kino-Blockbuster vom Feinsten! FReu mich drauf...
#1 von DJ Big H am 01.08.10 um 18:17
Woher wissen die denn, wann die Zielperson träumt?
#2 von Thomas Lau am 03.08.10 um 16:27
REM-Phase.
#3 von Matta Schimanski am 03.08.10 um 17:45
Also ich war kürzlich mit ein paar Freundin im Film "Inception" und wir fanden ihn durchgehend sehr gut.
#4 von Danny am 04.09.10 um 19:04