
Komisch. Mark E. Smith ist schon der zweite Musiker, dessen Autobiographie mir besser gefällt als seine Platten. Der erste war Mark Oliver Everett, alias Eels (Besprechung hier). Das Buch, um das es hier geht, heißt "Renegade", stammt vom legendären Kopf von The Fall und ist, soviel vorab, urkomisch.
The Fall haben bekanntlich nie zu irgendeiner Szene gehört, waren weder Punk, Pop, noch Indie. Und für den Ausdruck "Avantgarde" würde Smith mir vermutlich gleich einen Bierkrug entgegenschleudern. Aber zum Glück geht es an dieser Stelle ja nicht um Smiths Platten, sondern sein Buch.
Oberflächlich gelesen, wirkt Renegade wie die 5-Uhr-morgens-Tirade eines Trinkers, der gerade aus dem Pub geworfen wird. Das passt insofern, als Smith selbst Lemmy von Motörhead unter den Tisch trinken würde und einige der skurrilsten Situationen in Renegade mit Alkohol zu tun haben (Smiths mehrtägige Internierung in einer New Yorker Polizeizelle sei hier als High- bzw. Lowlight genannt). Man sollte sich das Ganze allerdings nicht vorstellen wie die Suff- und Prollstorys in der Mötley-Crüe-Biographie The Dirt.
Denn eines ist sicher: Ein Proll ist Smith nicht. Auch wenn er seine Arbeiterklassewurzeln immer wieder betont, ist er doch extrem belesen und hat die Klassiker von Dostojewski bis Kafka intus – eine Tatsache, die man Fall-Texten manchmal anmerkt. Waren diese immer schon eine Art verschlüsselter Sozialkommentar, so wird daraus in Renegade ein offener. Und was das Trinken angeht, da sollte man Smith selbst sprechen lassen:
Wenn mir Leute sagen, ich hätte ein Alkoholproblem, dann sag ich ihnen, ja ich habe ein Problem mit Alkohol – zum Beispiel, wo ich nach elf Uhr welchen herkriegen soll.
Das Buch untermauert ansonsten sehr schön die These, dass man Situationen und Verhältnisse von der Außen(seiter)perspektive häufig besser versteht als von innen. Und ein Außenseiter war Smith zeit seines Lebens.
Entsprechend harsch fällt der Blick auf die Mehrheitsgesellschaft und die Gegenwart aus. Hier liegt auch eine der wenigen Inkonsequenzen, die man Smith vorwerfen muss: Die ständige Behauptung, er sei gegen jede Form von Nostalgie verträgt sich schlecht mit seiner Zeitkritik. In Wirklichkeit läuft seine Polemik eben doch oft darauf hinaus, dass früher alles besser war: die Pubs, der Fußball, die Architektur, das Fernsehen u.v.m.
Bei aller Liebe für Weltliteratur und "intellektuelle" Texte ist Smith doch ein Mann, der der Verkomplizierung unserer Zeit einen gewissen common sense entgegenhält. Eine Passage, die das gut illustriert, handelt von seinem Nebenjob in einer psychiatrischen Klinik Anfang der 80er. Smith soll seine Schützlinge beschäftigen. Was passiert, erinnert ein bisschen an Randall MacMurphy in Einer flog übers Kuckucksnest:
Ich habe ihnen Rock'n'Roll vorgespielt [oder] sie in den Pub mitgenommen: ein bisschen Normalität. Dann bin ich mit ihnen zurückgegangen. Die Pfleger saßen im Schneidersitz auf dem Boden und sagten: "Komm, Terry, mach Deine Yoga-Übungen." Dabei spielten sie den Patienten Pink Floyd und sowas vor. Da kommt meine Abneigung Hippies gegenüber her, glaube ich.
Wer Fan ist und lieber über The Fall liest, bekommt in diesem Buch natürlich auch etliche Anekdoten und Grabenkämpfe geliefert. Der interessantere Teil sind aber Smiths Ausführungen zu Gott und der Welt, zum Musikbusiness, Castingshows, Trinken, Rauchen, Manchester, abgebrochenen Interviews, Philipp K. Dick, Deutschland (ja, auch dazu) u.v.m. Im Grunde muss man sich den Erzähler wie einen wütenden, gebildeten Dittsche im Pub vorstellen.
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Mark E. Smith (mit Austin Collings), Renegade, London, Penguin, 240 S.


1 Kommentar
Klingt interessant und vor allem amüsant-kurzweilig, hauptsache man nimmt es nicht todernst. Dann ist im Übrigen auch das im Text erwähnte Proll-Buch "The Dirt" einige (entsetzte) Lacher wert... :-)
#1 von DJ Big H am 09.03.10 um 12:47