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B. v. Stuckrad-Barre: "Auch Deutsche unter den Opfern"

Lage und Schieflage der Nation

Warum Benjamin von Stuckrad-Barre unter Journalisten so unbeliebt ist, habe ich nie verstanden. Für mich war er immer einer der besten Gesellschaftsreporter des Landes. Und ich meine "Gesellschaft" nicht im Sinne von Klatsch- oder Promiberichterstattung. Auf den neuen Sammelband "Auch Deutsche unter den Opfern" habe ich mich jedenfalls gefreut und siehe da – er ist erstklassig geworden.

 

Der "Spiegel" schrieb neulich, wer unsere Republik im neuen Millenium begreifen wolle, komme an diesem Buch nicht vorbei. Da ist etwas dran. "Auch Deutsche unter den Opfern" ist ein Kaleidoskop – Stuckrad-Barre porträtiert Politiker, Popstars, Literaten und Nichtberühmtheiten, spricht auf der einen Buchseite mit Alexander Kluge, besucht auf der nächsten die Eröffnung eines Elektromarktes und auf der übernächsten einen "Physikkurs für Mädchen". Es ist ein Mix aus Hoch- und Alltagskultur, Nahansicht und Vogelperspektive.

 

Am besten ist Stuckrad-Barre immer dann, wenn er die Eitelkeit und Selbstzufriedenheit gewisser Millieus aufdeckt. Mein Favorit ist die Reportage "Trockengebiete." Der Autor besucht einen Abend zum Thema "radikales Denken" in der Berliner Volksbühne. Auf dem Podium: Roger Willemsen, Claus Peymann und, in Vertretung der erkrankten Charlotte Roche, ein Mitglied des Ensembles. Barre durchschaut den Lesebrillenmuff eines Publikums, das seine Offenheit durch gruppenzwangartige Lacher über Willemsens "Pipikacka-Wörter" (Barre) und einen folgenlosen radical chic definiert. Ein brillanter, sehr lustiger Text.

 

Die zweite Stärke von "Auch Deutsche unter den Opfern" liegt darin, dass Stuckrad-Barre sich keine einfachen Opfer sucht. Anders als die Protagonisten der "Trockengebiete-Reportage" buhlt er nicht um Applaus von der "richtigen" Seite. Sehr schön beobachten kann man das im Wahlkampf-Porträt von Guido Westerwelle. Barre beschreibt ihn zwar als den Rhetorikroboter, der er ist, entlockt ihm aber später, als beide gemeinsam im Stau stehen, so manche Aussage, die man nicht erwartet hätte – von der Reue über PR-Stunts im BigBrother-Haus bis hin zu Akneproblemen in der Teenagerzeit.

 

Geschrieben ist das alles in einem lakonischen, oft sehr komischen, Ton. Für Aussehen und Manierismen seines jeweiligen Gegenübers findet Stuckrad-Barre fast immer die richtigen Bilder – so auf der Berlin Fashion Week, wenn er seine Sitznachbarin beschreibt: "Frisur, Schmuck und Kleidung [verliehen] ihr den Gesamteindruck eines explodierten Antiquitätengeschäfts." So manch großer Moment steckt in knappen Nachsätzen – etwa, wenn Barre auf einer Zugfahrt mit Franziska Drohsel und Genossen das Juso-Programm bespricht, um nach dem Halt des ICE zu schreiben: "Einer der Juso-Jungs möchte jetzt erstmal ein Eis."

 

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Benjamin von Stuckrad-Barre, Auch Deutsche unter den Opfern, KiWi Köln, 334 S., ab Montag im Handel

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5 Kommentare

Stucki fährt halt einen eigenen Style, den viele journalistische Kollegen nicht gebacken be.com. Da ist schnell Schluß mit lustig.

#1 von Thomas Lau am 19.02.10 um 16:03

 

Was er schreibt, mag ich meistens. Aber seit er Christine Westermann mit Spinat beworfen hat, find ich ihn persönlich irgendwie doof... *g*

#2 von dieJenny am 21.02.10 um 20:37

 

Deutschland - ein Wintermärchen.

#4 von StefanDernbach am 22.02.10 um 08:28

 

der junge am tisch ist jedenfalls vom bottroper martin honert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Honert

#5 von tmk am 22.02.10 um 09:46

 

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