
Irgendwie muss J.D. Salinger es geahnt haben. Irgendwie muss er gefühlt haben, dass die Leute "Der Fänger im Roggen" lieben würden. Am Anfang des Romans sagt der 15jährige Erzähler: "Was mich wirklich umwirft, ist ein Buch, an dessen Ende man sich wünscht, man sei mit dem Autor dick befreundet und könnte ihn immer anrufen, wenn man Lust hat."
Das war ziemlich genau das Gefühl, das Generationen von Lesern hatten, nachdem sie den "Fänger im Roggen" zugeklappt hatten. Am liebsten hätten sie J.D. Salinger zum Freund gehabt, am liebsten hätten sie ihn angerufen.
Warum das so war (und ist), liegt wahrscheinlich an Salingers zeitloser Schilderung eines Teenager-Lebens. Holden Caulfield ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Muster-Knabe. Man muss nicht von zuhause ausbrechen, sich zu Prostituierten flüchten oder in New York rumstreunen, um sich mit ihm zu identifizieren. Es geht nicht um erlebte Parallelen, sondern um gefühlte – die Unsicherheit zwischen Pubertät und Erwachsensein, die Stimmungsschwankungen, das Gefühl, weg zu müssen, egal, wohin.
Zu sagen, Holden Caulfield sei ein Muster, heißt natürlich nicht, dass er als solches angelegt war oder flach rüberkäme. Im Gegenteil. Der Erfolg des Romans liegt gerade in der glaubwürdigen Hauptfigur und ihrer Erzählhaltung. Salinger war das völlig klar. Zeit seines Lebens blockte er Versuche ab, den Roman zu verfilmen. 1957 schrieb er einem Produzenten:
... für mich liegt der Gehalt des Buches in der Stimme des Erzählers [...], in seinen beiläufigen Bemerkungen zu Regenbögen in Pfützen, [...] in seiner Art, Rindsleder-Koffer und leere Zahnpasta-Kartons zu betrachten – in einem Wort, in seinen Gedanken.
Das hieß auch,
... was er in der Einsamkeit des Romans denkt, könnte [im Film] höchstens pseudo-simuliert werden, falls es ein solches Wort gibt (und ich hoffe, nicht).
Wer den Fänger im Roggen liest, weiß, dass Salinger Recht hat. Von diesem Roman bliebe bestenfalls ein Restcharme, selbst wenn man einen ultratalentierten Jungschauspieler und ebenso begnadeten Drehbuchautor fände.
Wie sooft bei Klassikern, hatte auch dieser für seinen Schöpfer einen erdrückenden Nachteil: Alles, was danach kam, wurde am Fänger gemessen. Und in diesem Fall fiel der Schatten riesig aus. Durchaus denkbar, dass Salinger ohne diesen Roman als bedeutender Kriegschronist in die Literaturgeschichte eingegangen wäre. Immerhin war er 1944 an vorderster Front in der Normandie gelandet; eine Erfahrung, die er in seiner Short-Story-Sammlung Für Esmé verarbeitete. Auch die Geschichten der fiktiven Familie Glass waren sicher keine zweitrangigen Schriften.
So oder so, das Schreiben schien für Salinger nach den 50ern nicht mehr das Wichtigste zu sein. 1965 kam die letzte Kurzgeschichte heraus, seit 1980 gab er nicht mal mehr Interviews. Er habe nie berühmt sein wollen, sagte er schon kurz nach Veröffentlichung des Fängers. Biografen ließ er nicht an sich heran. "Ich habe jeden Verlust von Privatsphäre ertragen, den man in einem Leben ertragen kann." Bei allem Stolz auf sein Werk, war der Fänger für den Autor nicht nur ein Segen.
J.D. Salinger starb diesen Mittwoch in seinem Haus in New Hampshire im Alter von 91 Jahren.

10 Kommentare
Schoener Beitrag. Ich denke ja fast, es ist schade, dass der Faenger im Roggen inzwischen Pflichtlektuere in den Schulen ist. Ich denke, das ist ein Buch, das man lieber selber entdeckt, und das man nicht von Lehrern auseinandergenommen haben will.
Sie hatten neulich mal auf die sehr gute Seite "letters of note" hingewiesen (danke auch dafuer!), und da gibt es auch Salinger-Briefe:
http://www.lettersofnote.com/2009/12/holden-caulfield-is-unactable.html
#1 von Anna am 28.01.10 um 23:11
Da stammt das Zitat tatsächlich her. Bin großer Fan der Seite.
Was die Pflichtlektüre angeht, da gebe ich Ihnen Recht – irgendwie komisch, ein Buch über Rebellion und Ausbruch in der Schule "durchzunehmen". Aber sonst lesen es manche Menschen vielleicht gar nicht.
#2 von Ingo Juknat am 28.01.10 um 23:44
Leser sollten der konstitutiven „Stimme des Erzählers“ unbedingt im Original folgen und keinesfalls etwa die katastrophale Übersetzung von Muehlon/Böll lesen.
#3 von Mathias Pianowski am 29.01.10 um 08:50
Ich empfehle "franny und zooey" von Salinger. "Der Fänger im Roggen" ist doch wirklich durchgenudelt, bis auf den letzten Halm.
#4 von StefanDernbach am 29.01.10 um 14:54
@#3:
Nun ist aber nicht jeder der englischen Sprache so mächtig, dass er das kann.
#5 von Matta Schimanski am 29.01.10 um 14:58
Hier eine Beschreibung, worum es bei "Franny und Zooey" geht.
http://www.derwesten.de/community/StefanDernbach/stories/1328031/
#6 von StefanDernbach am 30.01.10 um 09:45
Ad 5
Für diejenigen gibts leo dict und die bessere Übersetzung von Eike Schönfeld zur Unterstützung. Das Sprachniveau vom Fänger eignet sich doch ganz gut zum Englischlernen.
#7 von Mathias Pianowski am 30.01.10 um 10:48
@#7:
Benutzt man eine Lektüre zum Sprachenlernen, bleibt vom Genuss wenig oder nichts mehr übrig.
Da finde ich das Lesen einer besser übersetzten Ausgabe sinnvoller. Wohlwissend, dass Übersetzungen eigentlich immer die schlechtere Version sind.
#8 von Matta Schimanski am 30.01.10 um 20:14
Die Uebersetzung ist dann gut, wenn der Uebersetzer selbst literarisch begabt ist.
(den Artikel hab ich nicht gelesen)
#9 von Helgar am 31.01.10 um 12:07
#2
"Pflichtlektüre" im Englisch-Unterricht war ab und an immer noch nicht genug. Schüler der Jahrgangsstufe 11 wollten das vor mehr als 30 Jahren sogar auch noch im Deutsch-Unterricht lesen.
(Ich hab`s gemacht. Auf diese Weise hab ich es selber kennengelernt. War nicht schlecht; auch wenn ich vorher ganz sicher schon Besseres kennengelernt hatte. Das behielt ich aber für mich.)
#10 von Günter Landsberger am 31.01.10 um 12:15