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M.O. Everett: Things the Grandchildren Should Know

Der Letzte seiner Art

Dieses Buch ist eine Autobiografie. Sie stammt von Mark Oliver Everett, dem Sänger der Eels. Wenn Sie diese Band nicht kennen und Autobiografien von Musikern meistens öde finden, macht das nichts. Geht mir genauso. Normalerweise. "Things the Grandchildren Should Know" ist aber keine dieser Anekdotensammlungen für Fans. Es ist Literatur.

 

Traurigerweise muss man sagen, dass dieses Buch deshalb so gut ist, weil Mark Oliver Everett in der Vergangenheit mehr Schicksalschläge erlitten hat als manche Menschen in fünf Leben. Seine ganze Familie war tot, da war er nicht mal 40. Der Vater erliegt einem Herzinfarkt, die Mutter stirbt an Krebs, die Schwester begeht Selbstmord.

 

Als Familie sind die Everetts genauso dysfunktional wie die Lamberts in Jonathan Franzens Korrekturen. Der Vater ist ein verkanntes Physik-Genie, das von der Forschung ins Pentagon wechselt bzw. wechseln muss. Everett vergleicht seinen Vater mehrfach mit einem Möbelstück: immer da, aber im wahrsten Sinnes des Wortes sprachlos. Die Mutter bemüht sich, wirkt mit der Kindererziehung aber überfordert, nach dem Tod des Ehemannes umso mehr.

 

Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, dass ein solcher Haushalt nicht unbedingt psychisch stabile Kinder hervorbringt. Everetts ältere Schwester Liz sucht Trost bei zwielichten Freunden und Drogen, die ihr die zwielichten Freunde besorgen. Die Veränderung von der geliebten Schwester zum Rauschmittel-Zombie ist eine der traurigsten in diesem an traurigen Momenten nicht armen Buch.

Everetts Fallschirm ist die Musik. Mit Mitte 20 löst er seine Wohnung auf, packt seine Sachen in einen Van und fährt nach L.A., ohne eine Menschenseele dort zu kennen. Der Sehnsuchtsort Kalifornien ist für ihn anfänglich mehr Elend als Erlösung. Der Nebenjob bei einem Musikmagazin bringt dann aber doch ein paar Kontakte und nach einigem Klinkenputzen darf Everett seine erste Platte veröffentlichen. Sie heißt "Beautiful Freak".

 

Ich kann mich erinnern, dass ich die Platte damals (1996) vor allem wegen der Texte mochte. Wegen Zeilen wie diesen:

 

There's a world outside/
And I know 'cause I've heard talk.

(aus Not Ready Yet)

Oder:

Hey you with the walkie talkie/
I know my clothes are not right/
I wish I had my own walkie talkie/
That reached to God every night

 

(aus Guest List)

Mir war nicht klar, was der Mann, der diese Zeilen schrieb, durchgemacht hatte. Insofern ist "Things the Grandchildren Should Know" wie eine nachträgliche Vertiefung dieser Platte – und der folgenden, die im Übrigen alle großartig sind.

 

Wer Everetts Biografie liest, merkt schnell, dass diesen Mann neben der Musik auch der Humor gerettet hat. Von den vielen komischen Stellen im Buch gefällt mir die Begegnung mit einer französischen TV-Showmasterin am besten:

 

„Do you have children?" the TV journalist asks in her heavily accented English.I sit back in the wooden chair they've offered me.
„Not yet. I'm gonna go straight to grandchildren," I say.
She blinks and stares blankly back at me, squinting and squeezing her eyebrows down.
„But ... how is it possible?"
„Uh, well ... think about it; it's a much better deal," I say, shifting in my chair. „With grandchildren, you just see them on the weekend. Then you get the rest of the week to yourself."
„But how is it possible?"


(Und so weiter. Wer schon mal einen Frankreich-Austausch mitgemacht hat, weiß, dass das Decodieren von Ironie nicht zu den Stärken unserer Nachbarn zählt.)

Am Ende des Buches hat Everett es von seinem bedrückenden Haus in Virginia in die ausverkaufte Royal Albert Hall in London geschafft. Wie genau, das weiß er selbst nicht so recht. In der Zwischenzeit hat er seine ganze Familie, seinen langjährigen Roadie, die Nachbarin, Ray Charles und Nina Simone (zwei seiner Helden) überlebt.

 

Everett sagt, durch die viele Tode in seinem Umfeld nehme er das Leben intensiver wahr. Oder, wie es in seinem Song "Hey Man" heißt:

 

Do you know what it's like to fall on the floor?/

Cry your guts out till you got no more/

 Hey man, now you're really living

 

---

 

Mark Oliver Everett, Things the Grandchildren Should Know, Abacus, London 2009

Deutsche Fassung unter dem Titel

"Glückstage in der Hölle: Wie die Musik mein Leben rettete“ (ähem, ja genau ...), erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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2 Trackbacks

Es ist mitunter schon ganz witzig was auf manchen Seiten zum Thema so geschrieben steht. Der Markt an Informationsfluten scheint irgendwie immer weiter mit Undurchsichtigkeiten zu ueberlaufen und die... weiter

#1 von oma sucht mann am 16.03.10 um 16:17

 

Hallo. Ich bin durch Zufall auf diese Seite gekommen. Ich habe mir den Artikel schon mehrmals durchgelesen und ich finde ihn wirklich interessant. Der Artikel regt durchaus zum Nachdenken an. Ich glau... weiter

#2 von Arbeit Finden am 30.03.10 um 00:10

 

1 Kommentar

großartiges buch!

#1 von Juliette Guttmann am 05.10.09 um 06:33

 

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