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Videospiel-Ästhetik im Film

Die Endzeit des Drehbuchs

Seit ein paar Jahren übersteigt der Gewinn der Videospielindustrie weltweit den der Filmbranche. In Hollywood scheint man daraus geschlossen zu haben, dass Filme, insbesondere Science Fiction, am besten wie Videospiele aussehen sollten. Für Zuschauer über 18 ist das nicht gerade ein Plus.

 

Ein gutes Beispiel ist der zurzeit laufende Film District 9 (Foto). Hier werden ganze Sequenzen aus der Gewehr-Perspektive gezeigt. Die Kamera klebt am Lauf, wie in einem Ego-Shooter. Selbst die Waffenwechsel und das Zelebrieren ihrer Effekte scheinen direkt aus Spielen wie "Counterstrike", "Far Cry" u.a. zu stammen: Flammenwerfer zerstören Hütten, Gegner zerfallen zu Staub, Köpfe platzen.

 

Die Videospiel-Ästhetik ist in diesem Fall besonders ärgerlich, weil sie die interessanten Elemente des Films unter sich begräbt: das unverbrauchte Johannesburg-Szenario, die quasidokumentarische Erzählweise und die Darstellung der Aliens als Opfer (wobei sich das Drehbuch vielleicht hätte entscheiden sollen, ob die "Prawns" jetzt degenerierte, Katzenfutter essende Slumbewohner sind oder hyperintelligente Sternenfahrer).

 

Die Frage, wie man mit interstellaren Flüchtlingen umgehen würde, wird in District 9 nur eine halbe Stunde behandelt und scheint wenig mehr als der Auftakt für ausufernde Ballersequenzen zu sein. Der Film ist keine Katastrophe; was man aus dem Szenario hätte herausholen können, zeigt die Fernsehserie Alien Nation aus den 80ern allerdings besser.

 

Ein Teil des Problems sind die Special Effects. Allem Fotorealismus zum Trotz sehen CGI-Kulissen nach dem aus, was sie sind – Computergrafik. Welche Wandlung die digitalen Effekte durchgemacht haben, kann man am Beispiel von James Cameron studieren. In seinem Terminator 2 (1991) folgen wir einem Roboter, der seine Form wechseln kann. Seine "Verflüssigung" ist kein bloßer Angeber-Effekt, sondern Plot-Element. Ein Großteil der Handlung entwickelt sich aus Frage, wie Schwarzenegger & Co. einem Killer entkommen können, der durch Gitterstäbe gehen, Kugeln auffangen und quasi jede Person imitieren kann.

 

War das Verhältnis Computeranimation zu realer Kulisse bei Terminator 2 noch ca. 1:100, so ist es bei Camerons neuestem Film Avatar umgekehrt. Zumindest dem Trailer nach zu urteilen. Die digitale Großbaustelle wäre verschmerzbar, wenn die gezeigten Bilder nicht derart generisch wirken würden. Der Militäraufmarsch könnte direkt aus "Halo" stammen, der Dino-Planet sieht aus wie bei Jurassic Park – nur die seltsamen Indianer-Klone haben offenbar ein nicht-digitales Vorbild: Pocahontas (?). Das Ganze ist natürlich nur ein erster Eindruck und soll keine Vorverurteilung sein. Ob Avatar in der Langfassung ein Klassiker ist, bleibt trotzdem zweifelhaft

 

Der dritte Film, der die ermüdende Militärchoreografie eines Ego-Shooters imitiert, ist Terminator Salvation. Die Endzeit, die hier heraufbeschworen wird, ist vor allem eine Endzeit des Drehbuchs. Dass auch ein Actionfilm eine Handlung braucht, geht im allgemeinen Chaos aus Waffenfetisch, Zeitparadox und testosteronschwangerem Geschwaller unter. Bezeichnenderweise ist die einzig charmante Szene im Film der reanimierte Schwarzenegger ganz am Ende.

 

Immerhin gibt es Anzeichen, dass die CGI-Exzesse und die Dominanz der Videospiel-Ästhetik bei manchen Regisseuren eine Rückbesinnung auf Handlung und analoge Kulissen bewirkt. Ein Beispiel ist Duncan Jones' Moon, der die Goldene Zeit der 70er-/frühen-80er-SF reanimiert und sich auf Vorbilder wie Outland und Silent Running bezieht. Auch Alex Riveras Sleep Dealer macht Hoffnung, dass intelligente Science-Fiction-Filme auf der großen Leinwand noch nicht tot sind.

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1 Trackback

Habe in Google gesucht und kam darueber auf diese Seite. Warum muessen eigentlich ausgerechnet solche Seiten immer so versteckt zu finden sein? Mit den Hauptbegriffen sind sie jedenfalls eher schwer u... weiter

#1 von Army Shop am 23.03.10 um 16:11

 

2 Kommentare

Gebe dem Autor recht, man hätte noch mehr aus District 9 machen können. Aber man muss den Machern dennoch ein Lob dafür aussprechen, dass sie sich überhaupt mal an diesen ungewöhnlichen Ansatz der Alien-Thematik gewagt haben. Allein dass man mit den Außerirdischen mit ihrem befremdlichen, fast zum Schmunzeln bringenden Äußeren von Anfang an konfrontiert wird, noch dazu in Slums, macht das Ganze interessant. Als ich im Kino war, haben ein paar Leute sogar frühzeitig den Saal verlassen, hatten wohl gehofft, es handle sich um einen neuen Abklatsch von (dem armseligen) Independence Day... ;-)

#1 von DJ Big H am 23.09.09 um 14:26

 

Independence Day ist nicht armselig. Ganz im Gegenteil.

#2 von Thomas Lau am 23.09.09 um 14:47

 

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