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Winnenden und die Medien

Die Kultur der Hyperaufmerksamkeit

Ich habe an anderer Stelle gelesen, dass Winnenden sich nicht als Blogthema eigne. Ich verstehe die Einwände dagegen: zu viele Nullmeldungen, zuviel Spekulation, zuviel Sensationsgeheische. Aber ich musste in den letzten Tagen immer wieder über eine Frage nachdenken: Wieso hat es diese Schüler-Amokläufe vor 20 Jahren so gut wie nicht gegeben? Wieso ist das ein so neues Phänomen?

Eine Freundin von mir sagt, auf dem Schulhof wehe ein eisiger Wind. Das Mobbing sei härter geworden. Ich dachte nach, wie es zu meiner Schulzeit war. Nicht viel anders, fürchte ich. Es gab Mitschüler, die in Container gesteckt wurden, Außenseiter, die  im Spalier verspottet wurden, immer wieder. Es ist beschämend.

 

Der Schulhof war schon immer ein sozialdarwinistischer Dschungel, heute wie gestern. Daran allein kann es nicht liegen, dass sich die Amokläufe häufen. Auch nicht allein an Counterstrike und Schützenlobby.

 

Was es vor 20 Jahren nicht gab, war die Kultur der Hyperaufmerksamkeit. Sie ist zum Teil dem Netz geschuldet, aber auch den endlosen Doku-Soaps, Container-, Talk- und Castingshows im TV. Diese Kultur lebt von einer ständig steigenden Zahl an Kanälen für Öffentlichkeit. Und sie baut Druck auf.

 

Öffentlichkeit konnte man vor 20 Jahren in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen generieren. Das war kein Leichtes. Und, was noch viel wichtiger ist, es war gar nicht besonders erstrebenswert. Man war nicht unbedingt interessiert an Medienaufmerksamkeit um ihrer selbst Willen. Heute dagegen setzt die schiere Zahl an Kanälen, on- wie offline, Jugendliche unter Druck, wenigstens irgendwo präsent zu sein, irgendwo bekannt zu werden. Sonst heißt es: Wie, Du hast kein SchülerVZ-Profil, keine Facebook-Seite, keinen virtuellen Avatar oder Youtube-Film? Du warst nie bei DSDS oder "Vera am Mittag"? Gibt es Dich überhaupt?

 

Das hat zu einer Verschiebung der Wahrnehmung geführt, zu einem Aufmerksamkeitsdefizit, das oft mehr gefühlt als real ist. Vor diesem Hintergrund werden auch traurige Formen von Bekanntheit akzeptabel. Mit anderen Worten, besser einmal von Bohlen gedemütigt als nie im Fernsehen gewesen zu sein. Besser als saufender Partylöwe bei MySpace gelten als gar keinen Internet-Ruf zu haben.

Hinzu kommt, dass das Netz bekanntlich Nischen für jede Art von Wahn und Geltungsbedürfnis bietet. Selten waren Irre so gut vernetzt. So gibt es eben auch Foren, in denen die Amokläufer von Columbine bis Erfurt als Helden gefeiert werden. Auch hier scheint zu gelten: besser Applaus von den Falschen als gar keiner. (In dem Zusammenhang ist es auch nicht wichtig, dass die Ankündigung von Tim K. im Internet offenbar eine Fälschung ist.)

Das alles heißt natürlich nicht, dass das Internet und die Castingmanie Jugendliche zu Mördern machen. Aber sie schaffen eine bedrückende Psychologie, in der mediale Nichtpräsenz in die Nähe von persönlichem Scheitern rückt. Achten Sie einmal auf die totale Niederschmetterung in den Gesichtern vieler Casting-Verlierer. Die glauben wirklich, für sie sei ein Lebenstraum geplatzt. Und wir reden hier zum Teil von 17jährigen, die eigentlich wissen müssten, dass sie alles noch vor sich haben.

Vielleicht ist es an der Zeit für eine Aufklärungskampagne. Darüber, dass es ein Leben außerhalb der Medien gibt und dass Bekanntheit um ihrer selbst Willen wertlos ist.

 
 

16 Kommentare

Ein ernster, sehr bedenkenswerter Diskussionsbeitrag. Vielen Dank!

#1 von Günter Landsberger am 15.03.09 um 07:07

 

Spaeter lese ich mir den Beitrag genauer aber im Allgemeinen wuerde ich das Thema nicht so tragisch beurteilen.

#2 von Marta am 15.03.09 um 08:49

 

"Life is far too important a thing ever to talk seriously about it."

Oscar Wilde, Lady Windermere's Fan (1892), erster Akt, Lord Darlington

#3 von Lotte am 15.03.09 um 10:07

 

Man sollte nur Menschen mit Abitur im Fernsehen zu Wort kommen lassen.
Werner Höfer
(aus dem Gedächtnis zitiert, ca. 70er Jahre)

Auf der Suche nach einem Quellennachweis für dieses Zitat, stieß ich bei Spon auf folgendes:

Zu Beginn seines Fernseh-"Frühschoppens" am 5. Februar 1961:
"Es ist mir eine Ehre, eine Dame vorzustellen... Sie kommt aus dem Land, das in den letzten 14 Tagen für die Schlagzeilen der Weltpresse sehr viel Stoff geliefert hat: aus Portugal. Es ist Fräulein Barbosa, und sie heißt mit Vornamen Maria."
BARBOSA: "Maria Augusta."
HÖFER: "Augusta sagen Sie dazu, weil Maria in Ihrem Lande meistens noch mit einem zweiten Namen kombiniert ist."
BARBOSA: "Ja, gewöhnlich."
HÖFER: "Aber 'Santa Maria' heißt..."
BARBOSA: "...die Heilige Mutter, die Mutter Gottes."
HÖFER: "Ja, ja, das wollen wir also, diesen Namen, um nicht blasphemisch zu werden, wollen wir also völlig aus dem Spiel lassen. Aber sonst ist Maria ein weitverbreiteter Name in Portugal?"
BARBOSA: "Ja, sehr."
HÖFER: "Ja."

#4 von Olram X am 15.03.09 um 12:07

 

Kom. 3
Ueber bestimmte Sachen sollte man doch im allen Ernst reden.

Also ich wuerde nicht alle Castingshow's irgendwie ablehnen.
Mir gefiel z. B. "You can dance". Das war meine beliebte Sendung, auf die ich immer wartete.
Die Jugendliche waren in dieser Sendung einfach spitze!!!!Ich konnte mir nicht satt ansehen, wie gut und professionell sie auf der Buehne tanzten. Es hat mich auch gefreut, dass Jury sich keine demuetigende oder beleidigende Sprueche erlaubt hat. Die junge Leute waren einfach goldig. Bis jetzt kann ich mich erinnern an Sara, Riccarda, Denis, ein Junge namens Zahle usw. Kein Jurymitglied wuerde auf der Buehne so viel zeigen koennen wie diese junge Leute.Und wie schwer mussten sie fuer ihren Auftritt arbeiten, das muss man auch zu schaetzen wissen.

#5 von Marta am 15.03.09 um 12:27

 

"Achten Sie einmal auf die totale Niederschmetterung in den Gesichtern viele Casting-Verlierer."Ich wuerde das auch nicht so tragisch beurteilen. Die junge Leute zeigen einfach ihre Gefuehle, und zwar oeffentlich und das kann uns wundern. Sie zeigen ganz offen ihre Enttaeuschung, die aber momentanes und voruebergehendes Gefuehl ist. Sie wollen einfach ihre negative Gefuehle los, es ist eigentlich ncht schlimmes daran.Nun das sie das oeffentlich vor der Kamera machen, stoesst bei uns wahrscheinlich auf Verwunderung.Es ist eigentlich nicht so schlimm sich ein mal ordentlich auszuweinen!

#6 von Marta am 15.03.09 um 12:41

 

Die FAZ-Sonntagszeitung zitiert heute aus der Todesanzeige von über 20 Schulen im Raum Winnenden. Die Annonce enthält diese berühmten Sätze des Ludwig Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt, und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

#7 von Bernd Berke am 15.03.09 um 13:15

 

#7 Bernd Berke
"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." (?)
Man kann zwar nie alles erklären, wahrscheinlich das meiste nicht. Aber nur zu schweigen hilft auch nicht weiter.
Im übrigen könnte es ja auch Grenzerweiterungen geben, ohne gleich ins Geschwätz zu verfallen.

#8 von Günter Landsberger am 15.03.09 um 14:00

 

@#8
Nicht, dass hier etwas falsch ankommt: Schweigen kann (zunächst oder auf unbestimmte Zeit) eine Option sein, keine Verpflichtung. Mit dem FAZ-Zitat sollte rein gar nichts abgewürgt werden.

Tucholskys ebenfalls berühmte Stufenleiter, aufwärts: Sprechen - Schreiben - Schweigen (sein angeblich letzter Tagebucheintrag). Stellt sich optisch so dar:

http://www.kurt-tucholsky.de/treppe.jpg

#9 von Bernd Berke am 15.03.09 um 14:27

 

... der Wittgenstein meint etwas anderes, aber gute Todesanzeigen sind auch schwer ...

#10 von Thomas Lau am 15.03.09 um 15:30

 

#10 nun, zumindest dann und wann zum Innehalten geeignet:

www.todesanzeigensammlung.de

#11 von socursu am 16.03.09 um 19:40

 

@#11:
Einfach großartig! Äääh - fürchterlich, meine ich!
Hält mich schon seit geraumer Weile vom Arbeiten ab. Schäm' dich, socursu!

#12 von Matta Schimanski am 16.03.09 um 20:24

 

#12 soi fidele servitore ....
*geht hochroten Kopfes in die Ecke ab*

vw. aar "In den Höhlen von Aaaaarghhhh..:"

#13 von socursu am 16.03.09 um 21:00

 

@#11
Auch von dieser Stelle ein herzliches Wort des Dankes für den tödlich guten Li-hi-hink.

Mein heimlicher Liebling ist der Jurist, der laut Anzeige in der soundsovielten "KW" verschied. Festgestellt und abgestempelt.

#14 von Bernd Berke am 16.03.09 um 22:01

 

Überhaupt die Selbstanzeigen - die sind kuhl! Ich bastele auch schon.

#15 von Matta Schimanski am 16.03.09 um 22:18

 

Für Tim K. und alle Nachfolger:

Ein jeder Engel ist schrecklich

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

(Rainer Maria Rilke, aus: Duineser Elegien)

#16 von Lotte am 23.03.09 um 10:10

 

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