
Lieber Bruce,
bitte entschuldige: Wir haben uns ein wenig aus den Augen verloren in den letzten Jahren. Das lag nicht an Dir. Du warst immer da, bist auf Tour gegangen, hast Alben veröffentlicht. Ich hätte in den Plattenladen gehen und sie mir kaufen können. Aber ich habe es nicht gemacht. Weißt Du, warum? Weil ich Angst hatte, es ist wie bei „E.T". Als Kind habe ich „E.T." geliebt. 15 Jahre später habe ich mir den Film noch mal angeschaut, aber der Zauber war weg. Ich fand den Film rührselig, die Bilder kitschig. Ich hätte die schönen Erinnerungen bewahren sollen.
Auch Dich habe ich als Kind geliebt. Oder sagen wir eher als Teenager. Du hast davon gesungen, wie es ist, wenn in der Heimatstadt nichts passiert, wenn man sich selber nicht mehr sehen kann, raus will, alles verändern:
I check myself out in the mirror
I wanna change my clothes, my hair, my face
Man I ain't getting nowhere just sitting in a dump like this
Theres something happening somewhere
Baby, I just know that there is
Das waren tolle Zeilen, die mich berührt haben. Mit 17 habe ich mir sogar eine abgesägte Jeansweste gekauft, weil ich aussehen wollte wie Du. Leider habe ich dabei vergessen, dass Du klein und stämmig bist. Ich bin groß und schlaksig. Es sah ein bisschen albern aus.
Ich mochte, dass Du nicht über Hipster in New York oder Kalifornien gesungen hast, sondern über Malocher in New Jersey. New Jersey ist der Ruhrpott Amerikas. In „My Hometown" erzählst Du von einer Industriestadt, in der die Fabriken stillstehen und die Menschen ihre Jobs verlieren. Zur gleichen Zeit haben in meiner Heimatstadt die meisten Zechen dichtgemacht. Auf der Schule haben sie gesagt, Deine Alben wären Proletenmusik. Oft war der Song „Born in the USA" gemeint. Dass das ein Antikriegslied war, hat niemand kapiert (nicht mal George Bush Sr., der ihn zur Wahlkampfhymne machen wollte). Ich könnte noch 20 weitere Songs nennen, die meine Lebenssituation als Teenager gespiegelt haben, aber ich will Dich nicht langweilen.
Heute war Dein neues Album in der Post. Es heißt „Magic". Ich habe es mir gerade angehört. Es scheint ein gutes Rockalbum zu sein. Es gibt einen erstaunlich dreckigen Song („Radio Nowhere"), eine richtig schöne Ballade („Long Walk Home"), ein Antkriegslied („Last to Die") und den typischen E-Street-Band-Sound mit Pianos, Streichern, Glockenspiel und - natürlich - Clarence Clemmons' berühmtem Saxofon. Ich werde dieses Album noch einige Male hören. Werde ich mich dabei fühlen wie mit 17? Ich glaube nicht. Aber ich werde Dich besuchen beim Konzert in Köln, und dann werde ich wohl doch den ein oder anderen Flashback haben. Dabei mag ich gar keine Nostalgie.
Ich werde Dich auf jeden Fall weiter in Schutz nehmen vor der Musikpolizei. Obwohl Du nicht cool bist. Oder gerade deshalb.
Viele Grüße, Dein Ingo Juknat



11 Kommentare
Ein schöner Brief. Und Sie mögen also gar keine Nostalgie. Dabei klingen Sie aber so schön anhänglich.
#1 von Reiner Stock am 01.10.07 um 23:57
jaja, ich sags ja, Romantiker, tief im Herzen, und anhänglich... aber nur dezent und unvermutet.
#2 von Wibke am 02.10.07 um 09:42
Ich finde Bruce Springsteen nach wie vor klasse! So!
#3 von Horst Schimanski am 02.10.07 um 13:34
Wäre doch jede CD-Kritik so persönlich und genau deswegen glaubwürdig und überzeugend. Solange es Musicguards vom Schlag des Autors gibt, werden Bruce & Co Gehör finden. A promise we swore we'd always remember...
#4 von Heinz am 03.10.07 um 11:46
Lieber Nostalgiker,
habe lange nicht so einen guten und witzigen Brief gelesen! In kurzen und amüsanten Formulierungen wurde auch das, was ich an unserem gemeinamen Freund Bruce so schätze, präzise auf den Punkt gebracht.
#5 von Reile und Babsi am 03.10.07 um 19:11
"Machohaft, hurrapatriotisch oder blöd. Solche ignoranten Urteile haben Springsteen über weite Strecken seiner Karriere begleitet und werden von Neunmalklugen gefällt, die viel blöder sind, als er es je war."
Diesen Worten von Nick Hornby ist nichts hinzuzufügen. Und das neue Album geht in Ordnung.
#6 von Nick Hornby am 17.10.07 um 17:24
Ingo, bei diesem Album fühle ich mich richtig zu Hause. Du weißt schon, 1975 (zwinker).
#7 von Jürgen Overkott [WR] am 17.10.07 um 17:42
Mein Lieblingslied von Bruce Springsteen ist nach wie vor "The River".
Und "I´m on Fire" fand ich eigentlich noch besser als "Dancing in the Dark".
#8 von Horst Schimanski am 17.10.07 um 18:30
Ehrlich, ich bin enttäuscht - auch und gerade als großer BS-Fan. Das ist 80er Jahre Muckertum und das obsolte Sax von Clemmons geht einfach gar nicht mehr. Die E-Street-Band ist eine Einbahnstraße. Bruce, suche neue Wege, die ruhig alt sein dürfen (siehe/höre Seeger-Sessions).
#9 von Babbitt am 17.10.07 um 18:49
Vielen Dank Ingo, das musste doch auch ´mal gesagt werden..
#10 von Peter Vienken am 12.04.08 um 12:00
Vielen Dank Ingo! Sprichst mir aus dem Herzen!!
#11 von Peter Vienken am 12.04.08 um 12:01