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der zerbrochne krug

ein weihnachtsmärchen

ich also fahre mit der s-bahn durch den dunklen berliner abend. da, irgendwo, ein plakat. "der zerbrochne krug" stand da, "peter stein", "klaus maria brandauer", 25.12." und "ausverkauft".

 

na, dachte ich, als die s-bahn im bahnhof friedrichstraße einfuhr, das wollen wir erst mal sehn.

ich lief hinten raus, richtung schiffbauerdamm, und mir fiel ein, dass wir hier bei westropolis kürzlich über brandauer sprachen, ich weiß nicht mehr in welchem thread.

ich hatte jedenfalls kein gutes haar an ihm gelassen, aber dies war ich nun, in der weihnachtlich illuminierten nacht, in der smokigen berliner luft, bereit, zu korrigieren.

 

über die brücke ging ich und vorbei an der albrechtstraße, die ich jeden abend entlang gelaufen war, mitte der achtziger, als ich noch als kartenabreißerin im deutschen theater arbeitete, ich lief vorbei an hippen kneipen wie der "ständigen vertretung", am "ganymed", das es schon ewig gibt, zum berliner ensemble, in dessen kneipe ich mich schon als studentin zuweilen besoff.

 

so schließen sich die kreise. und ganz unverhofft.  19 uhr sollte es losgehen, 20 vor sechs stand ich in einer schlange von spontis, die allerdings alle paarweise gekommen waren. paarweise ist das immer so eine sache auf den letzten pfiff in einer ausverkauften veranstaltung.

das paar vor mir kaufte sich zwei karten von einem mann mit wehenden rockschößen, dessen frau am noro-virus erkrankt war - und ich wurde die erste auf der warteliste.

 

ich trank einen schoppen im "ganymed" und legte, plötzlich gut gelaunt, mein geschick in gottes hände, sozusagen.

 

um 20 vor 7, die warteliste hatte sich inzwischen auf mehrere dutzend verlängert, rief man meinen namen aus. parkett reihe 7 platz 4. wer sagt's denn?

 

erst hab ich brandauer gar nicht erkannt. er hockte blutig, zerlumpt und verkommen in einer ecke. na gut, kann man sagen, dafür ist er ein schauspieler, und zwar ein bekannter und gefeierter, aber ich hatte ihn auch bei weitem nicht so haarlos, dicklich, ja, gedrungen, in erinnerung. 

 

die bühne wirkt klaustrophibisch klein, das bühnenbild ändert sich die ganze zeit nicht. am anfang flattern echte hühner herum, und im verlauf des stücks gehen die schauspieler rechts durch eine kleine tür auf und ab.

 

brandauer hat es gut gemacht. nicht grandios, nicht furchtbar, aber gut. man kriegt, wenn man ihm bös will, die idee, dass die verkommenheit, die verlogenheit, die geistige feistheit, nicht gespielt sind.

 

entzücken löste bei mir der auftritt tina engels auf, von deren mitspiel ich wegen mangelnder vorbereitung nichts wußte. sie spielte marthe, die mutter von eve - ich erzähle jetzt hier den "zerbrochnen krug" von kleist nicht nach - und ist mir unvergessen als großmutter vom oskarchen in schlöndorffs "blechtrommel"-verfilmung, die ich, keine angst, hier ebenfalls nicht nacherzählen will.

 

die ersten 15 minuten hab ich gerudert, woher sich mir ihr gesicht so eingeprägt hat, zumal ich ja meine brille nicht dabei hatte, bis mir das kartoffelfeld einfiel, das feuer, die vier röcke der großmutter, unter denen sie den flüchtling versteckt, und wie dieser, während die polizisten sie befragen, ihr kind zeugt, und auch wie er, als die polizisten weg sind, den hosenschlitz schließt und sich vorstellt. huch, jetzt erzähl ich es ja doch nach...

 

nach über zwei stunden "zerbrochnem krug" haben mich ordentlich die hummeln gestochen in meiner reihe 7 auf platz 4.

 

ich unterdrückte abwechselnd ein gähnen und einen reizhusten, und allein die tatsache, dass brandauer schließlich ein fenster öffnete, um hinauszuspringen und zu fliehen, füllte meine lungen mit luft, obwohl das fenster nur zur - ebenfalls stickigen - hinterbühne führte.

in dem moment hab ich gedacht, ach, interessant, war das jetzt eine regieleistung, eine schauspielerische leistung oder meine fantasie?

 

jedenfalls stampft brandauer zum schluß wie ein bekloppter im kunstschnee herum - und das waren sie, meine weißen weihnachten.

 

 

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16 Kommentare

wer eine richtige besprechung will, und zwar eine hymne, der lese hier
http://www.faz.net/s/Rub4D7EDEFA6BB3438E85981C05ED63D788/Doc~EE26CC87F0F5A4E328AEC27F0C87BCA0E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

und hier ging es neulich um brandauer:
http://www.westropolis.de/buschheuer/stories/46135/

#1 von Else Buschheuer am 26.12.08 um 02:40

 

#1: "die vier röcke der großmutter, unter denen sie den flüchtling versteckt, und wie dieser, während die polizisten sie befragen, ihr kind zeugt, und auch wie er, als die polizisten weg sind, den hosenschlitz schließt und sich vorstellt."

Sehen Sie das eigentlich auch so, daß das eine Vergewaltigung ist?

#2 von Anna am 26.12.08 um 02:57

 

ad2: nein. ich entnehme ihrem grunzen ausgesprochenes wohlgefallen. hängt ihr herz wirklich so an dem flüchtling, dass sie nicht die röcke heben und ihn der polizei übergeben kann? ich würde eher sagen, die situation gefällt ihr. aber vielleicht hab ich das immer fehlinterpretiert. steht das irgendwo, wie das gemeint ist? geht es aus dem buch hervor?

#3 von Else Buschheuer am 26.12.08 um 03:05

 

Im Buch wird wohl auch nahegelegt, daß es ihr gefällt, wenn ich mich recht erinnere. Ich halte die ganze Szene für eine bekloppte Männerphantasie. Das mit der Vergewaltigung habe ich mal irgendwo gelesen, mit der Begründung, daß die Frau in der Situation sich nicht wehren kann, weil sie dann selbst fürs Verstecken bestraft würde.

#4 von Anna am 26.12.08 um 04:47

 

á propos "Der zerbrochene Krug": zählt nicht das minutenlange stumme spiel des emil jannings gleich zu beginn der alten verfilmung des kleist-stücks mit zum filmisch eindruckvollsten darin? bei unvoreigenommenen zuschauer...n kommt das auch noch heute so gut an, dass auch neueste darbietungen sich daran messen lassen müssen, um so vieles ausführlicher und angemessener sie insgesamt auch sein mögen (wie etwa die verfilmung der aufführung der münchner kammerspiele unter dieter dorn).

#5 von Günter Landsberger am 26.12.08 um 08:35

 

Nachtrag zu Brandauer:

Im "Falter" dieser Woche lese ich in einem Artikel über Rainald Goetz dessen Feststellung nach einem Besuch von Peter Steins Wallenstein-Inszenierung:

"Brandauer ist der scheußlichste Mensch auf Erden."

Ich hab bei Brandauer das Gefühl, dass er vor lauter Selbstgefälligkeit vergessen hat, etwas aus seinem (kleinen) Talent zu machen.
Der ewige Reinhardt-Seminaristen-Star. ich seh ihn auch nicht gern, weil ich immer weiß, was jetzt wieder kommt.

#6 von Maria Krämer am 26.12.08 um 12:25

 

Öhm, irre ich mich, oder heißt es nicht: "Der zerbrochne Krug" wegen des Versmaßes? Nojo. :-)

#7 von Eve am 26.12.08 um 13:27

 

Öhm, irre ich mich, oder heißt es nicht: "Der zerbrochne Krug" wegen des Versmaßes? Nojo. :-)

#8 von Eve am 26.12.08 um 13:29

 

#7+#8 Eve
Sie irren sich natürlich nicht. Sie sind verstechnisch beneidenswert auf dem laufenden, auch wenn es gelegentlich andere Schreibweisen gibt:
http://www.amazon.de/zerbrochene-Krug-Ein-Lustspiel/dp/3458318712

#9 von Günter Landsberger am 26.12.08 um 13:37

 

#7+#8 Eve
Nur mit Blick auf die Schreibweise der entsprechenden Filmtitel lägen Sie falsch.
Vergleichen Sie bitte:

http://www.cinema.de/kino/filmarchiv/film/der-zerbrochene-
krug,1312016,ApplicationMovie.html

sowie:

http://www.kino.de/kinofilm/der-zerbrochene-krug/5683.html

(Parodiert Ihr "Nojo" am Schluss übrigens Frau Buschheuer oder sind Sie es verkappt sogar selber? :-))

#10 von Günter Landsberger am 26.12.08 um 13:45

 

ad10: sie parodiert.
im übrigen hat sie vollkommen recht, auch wenn sie, herr landsberger, schon wieder schreibweisen aufgefunden haben, die meinen lapsus rechtfertigen. ich korrigiere.
ad6: maria, ich bin sehr froh, dass goetz so denkt. mir geht es ähnlich, auch wenn ich es nicht recht begründen kann. er hatte sicher nie die gabe, ein großer alter mann der bühne zu werden. man hat auch den eindruck, dass er dachte, das sei gar nicht nötig. dass er denkt, was er zu geben hat, scheint ja zu reichen. dennoch liebe ich "mephisto".

#11 von Else Buschheuer am 26.12.08 um 13:52

 

#11 eb
und doch schreibt auch kleist selber vor allem in seinen briefen ganz ohne eigene schreibweisendogmatik "Der zerbrochene Krug". (vgl. Kleist an Rühle am 31.08.1806 und an Ulrike am 08.02.1808)

#12 von Günter Landsberger am 26.12.08 um 14:39

 

Kleist-Exegeten unter sich.Interessant immerhin, wie sehr sich Else Buschheuer doch eine vereinzelte Kritik an ihren Filmnacherzählungen zu Herzen nimmt. Ich schaute hier mal eben wieder rein, eine Folge der alljährlichen Weihnachts-Tristesse, und was fand ich vor? Einen Scherbenhaufen! Jetzt hat gar Ludger Heitmann einen festen Platz in dieser erlesenen Riege abgefeimter Kulturkritiker. Da bin ich aber mal froh, dass ich rechtzeitig die Kurve gekratzt habe. Frohes Fest!

#13 von Revierflaneur am 26.12.08 um 16:27

 

#11: Ich fand, dass er ihn "Jenseits von Afrika" sehr typgerecht besetzt war, für die Rolle des scheußlichen Gemahls musste er nicht mal outrieren.

Er war übrigens selbst nie am Reinhardt-Seminar, ist aber heute dort Professor.

Heuer hat er mit Francis Ford Coppola gedreht, ist also gut im Geschäft.

#14 von Maria Krämer am 26.12.08 um 16:32

 

#13 Revierflaneur
"und was fand ich vor? Einen Scherbenhaufen!"

Warum nur immer wieder die eben doch leicht (auch wider Willen) selbstgerecht wirkenden Porzellan...besichtigungen? Hast Du das nötig, lieber Manuel? Der Ton macht die Musik.

#15 von Günter Landsberger am 26.12.08 um 19:18

 

@#13 Revierflaneur
Nun, wir wollen doch nicht unseren täglichen Westropolis-Rundgang zum singulären Ereignis verklären, nicht wahr?

"Rechtzeitig die Kurve gekratzt" scheint mir denn doch ein Euphemismus bzw. eine Geschichtsklitterung zu sein.

Ansonsten: Ihr Befund geht nicht ganz fehl. Eine gewisse Dekadenz (wenn's denn wenigstens eine wäre, die den Namen verdiente) ist kaum zu übersehen.

#16 von Bernd Berke am 26.12.08 um 19:19

 

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