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herz aus glas

die weiber ziehen sich hosen und stiefel an

ihr naht euch wieder, schwankende gestalten. die menschen sind langsam, aber der nebel flitzt nur so den berg runter. der ganze film ist unwirklich, ausgewaschen und – zumindest an einem heiligabend – nicht undeprimierend.

 

alle darsteller sind, sagt der regisseur werner herzog („ich bin ein verrückter regisseur, der verrückte dinge macht“), hypnotisiert mit ausnahme von josef bierbichler, dem hauptdarsteller.

 

manche dialoge sollen innerhalb diese hypnose improvisiert worden sein. wie jemand improvisieren kann, wenn er seinem willen einem anderen bzw. etwas größerem unterwirft, ist mir zwar ein rätsel und kommt mir wie ein widerspruch vor, aber gut.

 

bierbichler ist noch so jung, keine 30 jahre alt. er hat ganz weichen flaum auf dem kopf, der im wind herumwuselt, und ein gesicht ist finster und blass. tonfall und diktion sind schon genau wie wir sie von heute kennen.

 

da hockt er, der seher, auf dem berg und schaut. auf wehende winde, auf archaische landschaften und ravi-shankar-ähnliche musik. wer jetzt kein haus hat, baut sich keines mehr. (pah, heut schlag ich mal den herrn landsberger im zitieren)

 

ein mundart-film. alle filme, in denen bierbichler mitspielt, werden zu mundart-filmen, zwangsläufig: „er wird die sonne nimmer sehn. die ratzen werden ihn ins ohrwascherl beißen.“ (er wird die sonne nicht mehr sehen. die ratten werden ihn ins ohrläppchen beißen. heißt wascherl läppchen? oder krempe? bayern nach vorn!)

 

bierbichler spielt den mühlhiasl. das war ein weissager und prophet aus dem bayerischen wald, von dem man nicht sicher ist, ob es ihn überhaupt gab.

wenn es ihn gab, dann kam er jedenfalls aus straubing und war ein müllerssohn mit sehr weißen, klaren augen, die verrieten, dass er ein seher war.

„die weiber ziehen sich hosen und stiefel an“, war eine seiner weissagungen. und siehe da!

 

im film geht es um eine glashütte in bayern, in das wertvolle "rubinglas" gefertigt wird. das sind übrigens faszinierende szenen, die, in denen die kamera die glasbläser bei der arbeit geobachtet. einer formt aus dem glühendheißen glasbrei ein pferd. schon allein, wie er die beine und hufe herauszupft – man hält den atem an. der mann ist ganz sicher nicht hypnotisiert.

 

jedenfalls stirbt der glasbläsermeister "mehlbeck" – und nimmt das geheimnis zur herstellung von rubinglas mit ins grab. das ist der anfang vom ende. das ganze dorf  dreht durch. und dann kommt hias und sieht noch schrecklichere dinge kommen.

 

in einer kneipenszene tritt eine junge frau mit kurzrasierten haaren auf. sie ähnelt jeanne d'arc. sie ist stumm, weggetreten wie ein zombie, mit halboffenem mund, trägt eine gans auf dem arm, und bleibt reglos stehen, bis eine hand ins bild greift und ein zeigefinger oben auf ihren kopf drückt. der zeigefinger dreht sie herum, sie schlurft wieder weg. diese frau ist bestimmt hypnotisiert.

 

"herz aus glas" - ein besonderer film für eine stabile seelenlage, ab 15 euro auf dvd.

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17 Kommentare

für alle polyglotten: toller artikel über werner herzog
http://www.newyorker.com/archive/2006/04/24/060424fa_fact_zalewski

#1 von Else Buschheuer am 24.12.08 um 18:04

 

wascherl = lapperl = läppchen

Ich schau mir jeden Film von Herzog an, den kenn ich noch nicht.

#2 von Maria Krämer am 24.12.08 um 22:29

 

schulligung:
Ein Aufschrei Muß
herbei
weil die
da aus Köln
demnächst versuchen
Radio Multikulti
zu ersetzen.
Und fast koa oan muskjournalistischen Sendung
...senden..mögen?
Hoast oan, der wo da eini woas regeln könnt?

#3 von OstbahnKurti am 24.12.08 um 23:26

 

nicht nur in bayern auch in österreich droht man liebevoll mit dem oarwaschlziagn und nicht bloß böhmisch- oder ungarisch-deutsch mit dichterischer unbehaustheit oder transzendentaler obdachlosigkeit.

den film, von dem Sie so einladend schreiben, liebe Frau Else, werde ich mir daraufhin jetzt endlich auch bald mal ansehen. vor etwa zwei jahren war ich stolz, ihn recht günstig über eBay erworben zu haben.

#4 von Günter Landsberger am 25.12.08 um 07:40

 

Ein Sieg bedeutet noch nicht, die ganze Schlacht gewonnen zu haben.

"(pah, heut schlag ich mal den herrn landsberger im zitieren)" Else Buschheuer

Viel Glück. Aber wie sagte immer mein Onkel aus Buxtehude:
"Man muss auch das Echo ertragen können."

#5 von Stefan Dernbach am 25.12.08 um 07:59

 

ad5: if you can't stand the heat,
don't cook in the kitchen." :-)

#6 von Else Buschheuer am 25.12.08 um 09:58

 

#6 eb
you can stand it
and I can stand you. :-)
schlagen Sie mich ruhig weiter im zitieren, von Ihnen lasse ich mich gerne schlagen.
die dvd ("eine Beigabe für das Filmjahr 2005") habe ich mir schon bereitgelegt.
(verzerrtes wort: "oho"!)

#7 von Günter Landsberger am 25.12.08 um 11:06

 

ich hab jetzt kurz in die dvd hineingeschaut. sehr vielversprechend. ich werde sie mir sehr bald auf jeden fall in ruhe anschauen. drehbuch: herbert achternbusch. mit allerhand interessanten extras: anscheinend besonders attraktiv (eine kurze stichprobe hat es gezeigt): der kommentar (von Laurens Straub und Werner Herzog), den man in einem zweiten durchlauf nach bedarf einstellen kann. musik: popol vuh.

vorläufige assoziation: gerhart hauptmann: "und pippa tant" (ein glashüttenmärchen)
sobald ich mir den film anschauen konnte, in bälde mehr.

#8 von Günter Landsberger am 25.12.08 um 11:47

 

#8 "Und Pippa tanzt" (Korr.)

#9 von Günter Landsberger am 25.12.08 um 11:47

 

#1: vielen dank für die verlinkung des new yorker artikels. das war sehr interessant!

#10 von Maria Krämer am 25.12.08 um 19:27

 

ad10: ja, find ich auch, obwohl ich wieder mal gemerkt habe, wie mir das englisch wegbricht, seit ich nicht mehr in *piep* lebe.
it's just fading out.
manchmal laufe ich auf der straße einfach amerikanern nach, um sie zu belauschen.
hier übrigens noch ein schöner herzog-relevanter link, diesmal aus der new york times:
http://www.nytimes.com/2008/12/25/arts/design/25abroad.html?_r=1

#11 von Else Buschheuer am 26.12.08 um 03:10

 

#11 oh, danke, den werd ich auch lesen.

Ja, das mit dem Englisch ist irgendwie blöd, wobei meines sicher nie so gut war wie Ihres. Ich hab gestern auch ganz enthusiastisch einer Asiatin den Weg zum Rathaus erklärt.

Ich halt mein Englisch nur durch Zeitunglesen und Filme in Originalversionen einigermaßen am Leben. Und durch Selbstgespräche.

Ich finde das Englisch in der New York Times im Vergleich zum New Yorker sehr einfach verständlich. Moderner vielleicht. Für den Herzog Artikel im New Yorker hab ich schon länger gebraucht, wobei der ja auch lang war. Haben Sie den Film gesehen, um den es da ging?

In den - auch von Ihnen inspiriert - angeschafften Filmen über Kinski (Lieblingsfeind) und den Grizzlyman - hör ich Herzog immer gern beim Englisch-Fabulieren zu und finde mein Englisch plötzlich ausgezeichnet. Ein verwegener Regisseur, ein unerschrockener Englisch-Sprecher. Ich mag ihn sehr und schätze ihn dafür.

#12 von Maria Krämer am 26.12.08 um 11:25

 

ad12: das liegt sicher auch daran, dass herzog in jeder sprache, auch in denen, die er noch weniger beherrscht als englisch, unmißverständlich und unermütlich klarmachen würde, was er will und was er nicht will. es ist also seine allgemeine unerschrockenheit, die ihn zu einem unerschrockenen englisch-sprecher macht.

#13 von Else Buschheuer am 26.12.08 um 13:59

 

Ich sehe das anderst, wenn der S i e g erreicht wurde ist auch die S c h l a c h t aus, außer einer kann nicht verlieren und ist demnach ein super schlechter V e r l i e r e r !

#14 von Jens am 26.12.08 um 15:41

 

#13: ja, das ist genau so wie Sie es beschreiben. Mir kommt manchmal vor, dass er etwas durch sein Sprechen gleich fix in die Welt nagelt. Er könnte es auch auf Chinesisch sagen.

#15 von Maria Krämer am 26.12.08 um 16:20

 

"herz und glas" -
gestern hatte ich schon angefangen, mir den film von anfang an als ganzen anzuschauen; dann merkte ich aber sehr bald, dass er meiner frau nicht sehr gefiel. (vielleicht wabert es in ihm ja auch wirklich zu sehr. ist mein empfinden, hat sie nicht gesagt. - ich werde ihn mir mal alleine ansehen.) jedenfalls sind wir auf den visconti-film "sehnsucht" umgestiegen, der uns beiden besser gefiel.

#16 von Günter Landsberger am 27.12.08 um 11:14

 

#16 gfl
bevor ich den visconti-film "senso" (sehnsucht) gesehen hatte, hätte ich mir nicht gedacht, auf welch überzeugende weise und wie tragend sequenzen der 7. symphonie anton bruckners in diesen film einbezogen werden konnten. plötzlich hört man bruckner anders als üblicherweise und eine untergründige erotik dieser als oft nur weihevoll geltenden musik tut sich auf.

#17 von Günter Landsberger am 28.12.08 um 18:30

 

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